UN-Welternährungsprogramm warnt vor neuer Fluchtbewegung

Von Mareike Kürschner · 3. Oktober 2024 um 05:00

Im Nahost-Konflikt kommen die humanitären Helfer an ihre Grenzen. Der Direktor des UN-Welternährungsprogramms in Deutschland (WFP), Martin Frick, warnt vor Konsequenzen.

Herr Frick, hatte das WFP in seiner Geschichte schon mit einer ähnlichen Herausforderung wie jetzt in Nahost zu tun?

Martin Frick: Das ist eine der schlimmsten Krisen, die wir je erlebt haben. Im Gazastreifen sind ja bislang nicht nur über 41 600 Menschen getötet und mehr als 96 000 verletzt worden, sondern auch 289 humanitäre Helfer ums Leben gekommen. Hinzu kommt, dass wir global so unterfinanziert sind wie noch nie seit unserer Gründung vor über 60 Jahren. Unsere Mittel stagnieren auf dem Stand von 2019, während die Zahl der Bedürftigen explodiert ist – von ungefähr 135 Millionen auf über 300 Millionen weltweit.

Der Konflikt weitet sich auf den Libanon aus. Eine Million Menschen sind dort auf der Flucht, teils auch nach Syrien. Vor welchen Schwierigkeiten stehen Sie?

Frick: Das trifft uns nicht vollkommen unvorbereitet, wir haben Lebensmittel rechtzeitig an strategischen Orten eingelagert. So konnten wir bereits 128 000 Menschen helfen mit warmen Mahlzeiten, aber auch mit frischem Brot in den Notunterkünften. Aber wenn der Oktober vorbei ist, brauchen wir zusätzliche Mittel von etwas über 100 Millionen Dollar bis zum Jahresende, um das aufrechterhalten zu können.

Erwarten Sie Fluchtbewegungen nach Europa?

Frick: Wir haben die historische Erfahrung der letzten Flüchtlingswelle 2015/16 gemacht, die unter anderem auch dadurch ausgelöst worden ist, dass wir als Welternährungsprogramm finanziell nicht mehr in der Lage waren, die Menschen vor Ort zu versorgen. Die Lage im Libanon war schon vor der Eskalation mit Israel nicht gut: Wir reden von 6,8 Millionen Einwohnern, davon sind 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge. Grundnahrungsmittel haben sich seit 2019 um 5000 Prozent verteuert, einer von vier Libanesen hungert. Wenn wir da keine Stabilität reinbringen, dann kann durchaus eine neue Fluchtbewegung auch über die Grenzen von Libanon und Syrien hinaus entstehen.

Wie sieht die Lage derzeit in Gaza aus?

Frick: Die Lage ist unvorstellbar. Die mehr als zwei Millionen Menschen dort leben auf absolutem Krisenniveau und sind von humanitärer Hilfe abhängig. Knapp 500 000 Menschen drohen zu verhungern. Hinzu kommen Menschen, die bis zu zehnmal vertrieben worden sind, ständig gibt es neue Evakuierungsanordnungen durch die israelische Armee. Uns stehen nur zwei Grenzübergänge zur Verfügung, um Hilfe in den Gazastreifen zu bekommen. Jetzt ganz aktuell geht uns im Norden Gazas der Treibstoff aus, mit dem wir die Bäckereien betreiben können. Der reicht nur noch für eine Woche. In der Mitte und im Süden Gazas sieht es noch schlimmer aus, wir können etwa wegen der anhaltenden Kämpfe in Rafah kaum Nahrungsmittel verteilen.

Wie ist Ihre Prognose ?

Frick: Die Lage in der gesamten Region übersteigt auf Dauer unsere Möglichkeiten. Wir können nicht konstant über zwei Millionen Menschen in Gaza nur mit humanitärer Hilfe versorgen, während im Libanon eine Million Menschen auf der Flucht sind. In Gaza müssen wir endlich eine Waffenruhe erreichen, damit die Spirale der Gewalt und des Leids endet und dort auch wieder ein kommerzieller Markt für Lebensmittel entstehen kann. Das ist unsere große Hoffnung, aber wohl zur Zeit keine sehr realistische.