Der Mensch denkt, die KI lenkt: Autonomes Fahren krempelt Automobilbranche um

Von Thomas Winter · 4. Oktober 2024 um 05:00

In Städten wie San Francisco und Wuhan gehören Taxis, die mit Hilfe von KI-Technologie selbstständig fahren, mittlerweile zum Straßenbild. Im Vergleich zu den USA und China steckt die Entwicklung in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Dabei hat die Technologie das Zeug, gleich mehrere Branchen umzukrempeln.

Alles, was es braucht, ist ein Smartphone. Über eine App tippt man Standort und Zieladresse ein, und wenig später kommt auch schon das Taxi angerauscht, auf dem Dach eine Art Rundumleuchte. Im Inneren des Robotaxis wartet ein Touchscreen. Ein Knopfdruck und die Fahrt geht los – sicher durch dichtesten Großstadtverkehr. Bedenken, dass der Taxifahrer vor sich hingranteln oder mit seiner Sicht zum Allgemeinzustand der Welt nerven könnte, sind unbegründet. Denn am Steuer sitzt – niemand. Das Lenkrad bewegt sich wie von Geisterhand.

Neue Marken und Wertschöpfungsketten

„Ähnlich wie bei der Elektromobilität werden neue Marken entstehen“, erklärte der Journalist Marcel Weiß der Frankfurter Allgemeinen Zeitung jüngst bei einem Online-Fachvortrag zum Thema „Die Zukunft des autonomen Fahrens“; eingeladen dazu hatte die Initiative „Wirfahren“, der größte Zusammenschluss von Mietwagenunternehmen in Deutschland. „Es werden neue Geschäftsfelder erschlossen und es wird eine Verschiebung der Wertschöpfung geben.“ Kurz: „Die Autobranche wird sich nachhaltig verändern.“

Wie stehen Sie zum autonomen Fahren?

Die deutschen Automobilhersteller kämen zwar bei der Entwicklung fortschrittlicher Fahrassistenzsysteme gut voran. „Beim Thema autonomes Fahren spielen sie aber überhaupt keine Rolle“, so sein ernüchterndes Fazit.

Unangefochten an der Spitze stünden die USA und China: Während Waymo den US-Markt für autonomes Fahren dominiere, ziehe Chinas Technologieriese Baidu mit seiner Tochterfirma Apollo Go nach. Im Juni, sagte Weiß, habe Apollo Go in der 13-Millionen-Einwohner-Metropole Wuhan seinen ersten vollständig fahrerlosen Robotaxi-Dienst gestartet. Apollo Go, so der Verkehrsexperte weiter, operiere bereits in elf chinesischen Städten und verfüge über eine Flotte von etwa 1100 Fahrzeugen. „Das Unternehmen setzt auf eine schnelle Expansion.“ Unterstützt werde es vom chinesischen Staat.

Robotaxis ermöglichen größere Auslastung

„Bei der Google-Schwesterfirma Waymo geht man es dagegen vorsichtiger an“, erklärte Weiß. Der komplett fahrerlose Robotaxi-Dienst erstrecke sich mittlerweile auf weite Teile von Phoenix, San Francisco, Los Angeles und Austin. Im August habe die Firma mehr als 100.000 bezahlte Fahrten pro Woche gemacht.

„Robotaxis ermöglichen eine größere Auslastung als Taxis mit menschlichen Fahrern“, erläuterte er einen der Vorteile; das führe zu größeren Gewinnmargen für die Flottenbetreiber. Statistiken belegten zudem, dass autonom fahrende Taxis seltener in Unfälle verwickelt würden. „Sogar Radfahrer fühlen sich mit Robotaxis auf den Straßen sicherer“, zitierte er eine Umfrage aus San Francisco.

Abhilfe für 3000 Verkehrstote jährlich in Deutschland

Die Software, sagte Weiß, sei inzwischen gut ausgereift. Durch eine Partnerschaft mit dem Mitfahrtdienst Uber stünde Waymo zudem ein funktionierender Vertriebsweg zur Verfügung. Und: „Erste Vehikel für fahrerlose Fahrzeuge gibt es ebenfalls schon.“ Wann der große Umbruch in Europa komme, sei noch nicht absehbar. Einige Jahre werde es wohl noch dauern. „Sicher ist aber, dass er kommt“ – und dann die Personenbeförderung ebenso erfasst werde wie die Logistik, die Landwirtschaft und militärische Nutzung.

Thomas Mohnke, Sprecher der Initiative „Wirfahren“, sprach von einer disruptiven Technologie, die bestehende Produkte und Dienstleistungen ersetzen oder aus dem Markt verdrängen werde. Damit müsse man sich gesellschaftlich beizeiten auseinandersetzen – dürfe die positiven Aspekte aber nicht aus dem Blick verlieren.

„Autonomes Fahren könnte das Leben auf dem Land erheblich erleichtern“, ist er überzeugt. Und: „Mithilfe dieser Technologie werden vielleicht irgendwann nicht mehr jährlich 3000 Menschen ihr Leben auf deutschen Straßen lassen müssen.“

In San Francisco gehören die weißen fahrerlosen Taxis von Waymo (links) mittlerweile zum Stadtbild. Um ihre Umwelt erkennen zu können, verfügen die umgebauten Jaguar I-Pace über Kameras und Laser-Radare. Die autonomen Busse in Friedrichshafen werden von der Firma eVersum in Slowenien produziert. In Friedrichshafen sollen sie sowohl innerhalb der Stadt, als auch im Umland mit bis zu 60 km/h fahren. Foto: Bihlmayer/ imago
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