Bis Budapest: Vier junge Regensburger segeln der Donau-Flutwelle hinterher

Seit einem Jahr spukt die Idee bei den vier Freunden im Kopf herum: mit dem Segelboot die Donau runterschippern, das wär’s. Sie kaufen ein altes Boot, richten es her, planen ihre Reise – doch die fällt dann fast ins Wasser. Ins Hochwasser, um genauer zu sein.
Die Flut geht gerade noch rechtzeitig zurück. „Es ist sich auf drei, vier Tage ausgegangen“, berichtet Robert Gessendorfer von der Segel-Crew. Am Wochenende sei die Donau wieder komplett freigegeben worden, am Montag vor zehn Tagen hieß es „Leinen los“. Im Sog der Flutwelle fahren die jungen Abenteurer seither Richtung Osten.
Hohe Geschwindigkeit dank Hochwaser
Beim Ruderverein in Regensburg haben sie abgelegt, durch die Steinerne Brücke verließen sie ihre Heimatstadt. Passau, Linz, Wien, immer die Donau hinab ging es in den vergangenen Tagen. Am Montag, sieben Tage nach ihrem Start, waren die vier Segler schon an Bratislava, der slowakischen Hauptstadt, vorbei.
Die Reisegeschwindigkeit der „Becky“, so heißt ihr Boot, ist ordentlich. Dabei wird das Segel so gut wie nie gehisst. „Am Sonntag haben wir einmal den Mast gestellt und sind gesegelt“, berichtet Gessendorfer. „Aber die Strömung ist so stark, dass wir viel schneller sind als mit Wind.“ Die hohe Fließgeschwindigkeit rührt von der ablaufenden Flutwelle. Zehn Stunden pro Tag sind die vier jungen Männer in der Regel auf dem Wasser, bis zu 100 Kilometer schaffen sie so. „Wenn wir unterwegs ein süßes Dörfchen sehen, machen wir Pause und schauen uns das an“, erzählt Gessendorfer. „Aber nur eine halbe Stunde.“ Schließlich wollen sie ja weiterkommen.
„Sitze oft einfach am Bug“
Langweilig wird den Freunden an Bord nicht. Alleine Kochen und Essen nimmt viel Zeit in Anspruch. „Rühreier dauern schon mal zwei Stunden“, sagt Tim Weinem. Das Herrichten an der engen Kochstelle ist aufwendig, die Pfanne müssen sie immer wieder absetzen oder festhalten, wenn der Wellengang rauer wird, das Abspülen findet auf wenig Raum statt. „Die Zeit vergeht schnell“, sagt Gessendorfer. „Und oft sitze ich einfach am Bug vorne und schaue, wo wir durchfahren.“
Die Donaufahrt ist nicht das erste gemeinsame Abenteuer der Regensburger Ruderer. Vor einem Jahr sind sie mit 50er-Motorrollern vom Gardasee über den Apennin nach Pisa gefahren. Damals entstand die Idee mit der Segelbootstour die Donau hinunter. Die Freunde kennen sich seit Jahren vom Ruderverein, waren gemeinsam in Trainingslagern. Die Enge an Bord kann ihnen nichts anhaben. „Und abends kommen wir mit den Öffis oder einem netten Hafenmeister auch mal in die Zivilisation“, sagt Gessendorfer.
Acht Wochen Arbeit am Boot
Im Winter begannen sie die Suche nach einem geeigneten Boot, die im Mai am Starnberger See erfolgreich endete. Mit der „Becky“ auf dem Anhänger kehrten sie nach Regensburg zurück. „Das Boot war relativ gut beieinander“, sagt Gessendorfer, „aber es ist schon noch ein bisserl Arbeit reingeflossen“. Den Motor haben sie ausgetauscht, die Elektronik erneuert, Solarplatten angebracht, eine Grundreinigung durchgeführt und vieles mehr. Zwei Monate lang ging jedes Wochenende der vier Freunde für die Schiffsertüchtigung drauf. Nun auf der Tour sagt Gessendorfer: „Es erweist sich als immer besser, je länger wir es haben.“ Besonders die geringe Kieltiefe sei ein großer Vorteil. „Das Hochwasser hat sehr viel Sand in die Häfen gespült. Mit einem normalen Segelboot hätten wir da keine Chance.“
Die Spuren der verheerenden Flut, die Osteuropa in den vergangenen Wochen heimgesucht hat, seien an vielen Stellen noch augenfällig. „Bis Linz merkt man ziemlich wenig“, sagt Gessendorfer.
Flutschäden sind sichtbar
Dahinter schaue es aber schon anders aus: „Bestimmt zwei Drittel der Fahrwassertonnen sind weggespült“, berichtet der 26-Jährige von den Schwierigkeiten der Donau-Fahrt. Besondere Vorsicht sei daher geboten. An den Ufern sehen sie Radlager und Bagger, die den Schlamm – „teilweise zwei, drei Meter hoch“ – wegschaffen. Hochwasserschutzbauten stehen noch. „Wo wir angelegt und uns umgeschaut haben, haben die relativ gut gehalten. Verschlammte Dörfer haben wir nicht gesehen“, erzählt Gessendorfer. Vor der Reise hätte sich die vierköpfige Crew schon gefragt, ob eine Donauschifffahrt gerade sinnvoll sei, ob es überhaupt Häfen gebe, an denen sie anlegen können. Doch nun zieht Gessendorfer ein rundum positives Fazit. Budapest ist nicht mehr weit, das Ende des Abenteuers erscheint schon am Horizont.
Vier Ruderer auf einem Segelboot
Die Crew: Robert Gessendorfer (26), David Heberlein (22), Tim Weinem (23) und Erik Gerhart (26) sind auf dem Wasserweg Richtung Budapest. Bis auf letzteren sind alle Ruderer und trainieren seit Jahren gemeinsam. Als Elektriker war Gerhart sehr hilfreich beim Herrichten des Schiffs, das die vier gemeinsam mit Cedric Strohmeier gekauft haben. Er holt die vier Segler mit Auto und Anhänger am Ende der Reise ab.
Das Schiff: Die Neptun 24, Baujahr 1969, ist 7,50 m lang und 2,50 m breit und hat ein Kielschwert. Der Kiel kann zum Teil eingeklappt werden, sodass das Boot nur 60 cm Tiefgang hat, „was uns auf der Donau sehr zu Gute kommt“, wie Gessendorfer sagt. „Wir haben einen modernen 6-PS-Tohatsu-Einzylinder-Außenbordmotor. Der ist sehr sparsam mit einem Verbrauch von circa einem Liter pro Stunde.“




