Die Besucherzahlen in der Regensburger Altstadt sinken drastisch

Von Marion Koller · 26. September 2024 um 19:00

Im Vergleich zum Vorjahr sind 16 Prozent weniger Menschen ins Regensburger Welterbe gekommen. Warum?

Roland Trummer steht mit seinem Handzählgerät in der Schwarze-Bären-Straße und zeigt, wie er im Juni Passantenzahlen festgehalten hat. Dass diese in der Altstadt innerhalb eines Jahres um fast 16 Prozent nachgegeben haben, hat den Immobilienmakler geschockt. „Sogar die Corona-Jahre waren besser“, sagt er. Am den beiden strahlenden Zähltagen im Juni sind knapp 14 800 Passanten an den sieben Standorten unterwegs gewesen. 2023 flanierten dort noch mehr als 17 600 Menschen und im Vor-Corona-Jahr 2019 über 19 300.

Ist das Galeria-Debakel schuld?

Das größte Sorgenkind ist die Weiße-Lilien-Straße, deren Frequenz am Zähldienstag um 44 Prozent einbrach und am Samstag um 28 Prozent. Eine Erklärung könnten zwei Umzüge von Geschäften im Frühjahr sein, Leerstände in der benachbarten Pfauengasse und die Insolvenz der um die Ecke liegenden, inzwischen geschlossenen Galeria Kaufhof. Die Filialleiterin des Tchibo-Shops mit Kaffeebar in der Weiße-Lilien-Straße spürt den Rückgang der Kundenzahlen deutlich. Zwei Dinge macht sie verantwortlich: den Galeria-Niedergang und fehlende Parkplätze.

Die Untere Bachgasse ist die einzige Straße, die am Zähldienstag dasselbe Ergebnis erreicht hat wie 2023. Christina Friedrich, die das Geschäft „Aus dem Hinterland“ leitet, sagt, der Umzug von der ruhigeren Neue-Waag-Gasse „ist super gewesen für uns“. Die Untere Bachgasse sei eine großartige Bummel- und Shoppingadresse. „Wenn man es sich schön machen will in Regensburg, sollte man sich hier treiben lassen.“ Mit der Frequenz ist die 49-Jährige zufrieden. Das Kaufverhalten aber habe sich verändert in den letzten beiden Jahren. Früher haben sich die Kunden mit besonderen Spirituosen eingedeckt. Heute entscheiden sie sich eher für kleine Souvenirs.

Die erfolgreichsten Flaniermeilen sind die Schwarze-Bären-Straße und die Gesandtenstraße. Durch sie sind zumindest bei der Samstagszählung acht Prozent mehr Besucher geschlendert. In der Schwarze-Bären-Straße reihen sich inhabergeführte Läden, vom Milk-Conceptstore über den Mini-Baumarkt Da Bastler und Gut Löweneck bis zu Schreiner – Wohnen, Kochen, Schenken. Cristopher-Andreas Kölbl vom Baumarkt ist zufrieden mit den Kundenzahlen. „Das ist einer der zentralen Wege vom Parkhaus Dachauplatz in die Innenstadt“, sagt der 45-Jährige, der im Oktober wegen Sanierung in die Fröhliche-Türken-Straße umzieht. Seit 20 Jahren führt Elena Lehneis die Elly Boutique. Sie schätzt die Lage. Im August seien Menschenmassen vorbeigezogen und hätten auch gekauft. Das zum Teil kühle Septemberwetter habe die Kundschaft ferngehalten.

Anders als vor Corona

Die 48-Jährige unterscheidet zwischen „vor und nach Corona“. Der Umsatz sei um rund 20 Prozent gesunken. Vor der Pandemie sei mehr los gewesen. „Die Leute waren glücklich und zufrieden. Heute wirken viele traurig und depressiv.“ Und kaufen eher Geldbeutel oder Schals als teure Schuhe.

Maria Müller von der Kaufleutevereinigung Faszination Altstadt kann den Rückgang nicht nachvollziehen. Die Regensburg Tourismus GmbH habe im Sommer Stimmen der Einzelhändler gesammelt. Das Ergebnis sei positiv ausgefallen. Das Amt für Wirtschaft und Wissenschaft plane ohnehin eine dauerhafte Frequenzzählung. Müller verweist auch auf die vielen Feste und auf kommende Veranstaltungen wie die Lichtshow „Enlightment“, die Gäste anziehen sollen.

Geschäftsführer Christian Spielvogel vom Handelsverband Bayern, Bezirk Niederbayern/Oberpfalz, fasst zusammen, was seiner Einschätzung nach geschehen muss. „Es müssen ausreichend Parkplätze angeboten werden.“ Wegen der vielen Leerstände solle die Debatte über eine autofreie Altstadt hintangestellt werden. Die Aufenthaltsqualität müsse mit Schattenplätzen, Grün, Wasser und Sitzgelegenheiten verbessert werden.

Die Zählung

Methode: Immobilienmakler Roland Trummer und sein Team haben wie jedes Jahr an einem Frühsommersamstag (22. Juni) zwischen 11 und 12 Uhr und an einem Dienstag (25. Juni) zwischen 16 und 17 Uhr an sieben Standorten in der Altstadt die Passanten gezählt – entweder mit einer App oder mit einem mechanischen Zählgerät. An beiden Tagen herrschte sonniges Wetter.

Standorte: Weiße-Lilien-Straße, Gesandtenstraße, Haidplatz, Maximilianstraße 19 und 4, Schwarze-Bärenstraße und Untere Bachgasse.

Verlierer: Die Weiße-Lilien-Straße erzielte das schlechteste Ergebnis. Verloren hat auch die Maxstraße 19 mit 24 Prozent weniger Passanten am Zählsamstag und die Maxstraße 4 mit 32 Prozent weniger Leuten am Dienstag

Maria Müller von Faszination Altstadt kündigt eine dauerhafte Frequenzzählung des Amts für Wirtschaft und Wissenschaft an. Foto: Koller
Nach Einschätzung von Christian Spielvogel, Handelsverband Bayern, fehlen Schattenplätze, Grün, Wasser, Sitzgelegenheiten und Parkplätze. Foto: studio1