„Gene bestimmen nicht unser Schicksal“ – Francisca Schneider über gesunde Ernährung

Wie kann ich meinen Körper dabei unterstützen, gesund zu bleiben? Das ist die zentrale Frage in der Arbeit von Francisca Schneider aus Freystadt. Als Epigenetik-Coach berät sie Menschen zu Ernährung, Bewegung und gesundem Schlaf.
Frau Schneider, Epigenetik-Coach ist kein alltäglicher Beruf, wie sind Sie dazu gekommen?
Francisca Schneider: Ich bin gelernte Arzthelferin und habe lang im Gesundheitswesen gearbeitet. Mit 30 war ich dann plötzlich mit Migräne und Halbseitenlähmung aus dem Leben gerissen. Da habe ich angefangen mich intensiver mit Gesundheit und Nährstoffen zu beschäftigen und bin auf die Epigenetik gestoßen.
Was ist denn das genau?
Schneider: Die Epigenetik untersucht, wie Umweltfaktoren die Aktivität unserer Gene beeinflussen. Die Gene sind wie ein Kochbuch und wir entscheiden mit der Epigenetik, welches Rezept es gibt.
Und was ist wichtiger: Die ererbten Gene oder was wir daraus machen?
Schneider: Gene bestimmen nicht unser Schicksal. Wir haben mit unserem Verhalten einen riesigen Hebel, mit dem wir unseren Lebensstil verändern und gesünder werden können.
Gehört die Epigenetik zur alternativen Medizin?
Schneider: Sie ist definitiv wissenschaftlich fundiert. Aber was ist alternative Medizin? Wer heilt, hat recht.
Bedeutet das, Sie nehmen erst mal eine Blutprobe, wenn Menschen zu ihnen kommen?
Schneider: Wenn sie das wollen: ja. Für eine Analyse ist das in vielen Fällen sinnvoll. Daraus lassen sich dann ganz individuelle Maßnahmen ableiten.
Beratung für genetisch sensible Menschen
Ist das nicht immer gleich? Viel Spazieren gehen und Obst essen ist doch für alle Menschen gesund...
Schneider: Schon, aber die Menschen haben individuell genetische Stärken und Schwächen. Zum Beispiel beim Abbau von Giftstoffen. Manche Leute können Rauchen bis sie 90 sind – andere kriegen mit 30 schon Probleme, weil sie sensibler sind und im Stoffwechsel Schwachstellen haben. Diese Menschen zu beraten, ist dann meine Aufgabe.
Wie hoch ist denn der Anteil dieser genetisch sensibleren Menschen?
Schneider: Sehr hoch. Etwa 40 Prozent der Erwachsenen haben chronische Krankheiten. Und die Zahl nimmt weiter zu. Das liegt auch an unserem Lebensstil: Wir schlafen zu wenig bewegen uns nicht genug oder essen Lebensmittel, die unserem Körper mehr Arbeit machen, als sie ihm nützen.
Warum lieben Menschen süßes?
Warum signalisiert uns dann der Körper, dass er Hunger auf Pudding hat? Warum rät er nicht automatisch zu Obst?
Schneider: Weil Essen sehr viel mit unserem Belohnungssystem zu tun hat. Studien haben ergeben, dass Muttermilch, mit der wir im Idealfall aufwachsen, relativ süß ist. Das verleitet uns dazu, dass wir Süßes eher gut finden, weil wir es mit Geborgenheit verknüpfen.
Also: Kuchen weg und nur noch Obst und Gemüse in Bio-Qualität?
Schneider: Bio ist gut, aber es reicht nicht. Das Problem liegt darin, die richtige Menge an Nährstoffen zu essen. Wir haben in unseren Obst- und Gemüsesorten nicht mehr genug Vitamine und Spurenelemente, weil die Böden das nicht mehr hergeben. Wenn ich mit 70 noch ein Rad schlagen will, komme ich um Nahrungsergänzungsmittel nicht herum.
Gesunde Ernährung im Alltag
Warum sollte ich mit 70 ein Rad schlagen?
Schneider: Das müssen Sie ja nicht. Jeder kann seinen Lebensstil wählen. Natürlich können Sie auch ihr Leben lang rumsitzen und Fertignahrung essen. Aber wenn Sie mit ihren Enkelkindern rumrennen wollen brauchen Sie mehr!
Sie sind selbst Mutter von drei Kindern. Ist die gesunde Ernährung in der Praxis umsetzbar?
Schneider: Das ist natürlich eine große Herausforderung! Und es klappt nicht ohne Kompromisse, zum Beispiel beim Einkaufen. Auch lebe ich nicht komplett giftstofffrei – ich mache mir beispielsweise Strähnchen ins Haar, weil ich es einfach schön finde. Aber ich passe dafür an anderen Stellen auf, etwa bei der Kosmetik.
Ohne Dogma. Mit Brokkoli.
Also lehnen sie nichts dogmatisch ab?
Schneider: Richtig. Jeder Mensch muss individuell herausfinden, was zu seinen Zielen passt. Wenn jemand sagt, er braucht seine zwei Zigaretten am Tag, dann ist das so. Aber vielleicht hat diese Person dafür an einer anderen Stelle die Möglichkeit, gesünder zu leben. Letztendlich geht es auch darum, glücklich zu leben.
Also kein allgemein gültiger Essenstipp aus der Epigenetik?
Schneider: Doch: Brokkoli! Hier sind MicroRNA enthalten, die absolut identisch mit einer unserer gebildeten Micro RNA sind. Wenn sich die beiden verbinden, wird verhindert, dass ein Protein erstellt wird, das unserem Körper schaden könnte. Wir sind halt Teil der Natur!