Regensburger ÖDP-Fraktionschefs Astrid Lamby und Benedikt Suttner wittern neue Chancen

Von Philip Hell · 30. August 2024 um 19:00

Vor einigen Monaten ging die Regensburger Rathaus-Koalition zu Bruch. In der Stadtpolitik steht ein heißer Herbst an. Zuvor hat MZ-Reporter Philip Hell alle Fraktionschefs zum Interview an einem besonderen Ort gebeten. Diesmal sind Astrid Lamby und Benedikt Suttner von der ÖDP dran. Sie kritisieren die Sallerner Regenbrücke und sehen einige neue Chancen.

Ein Pärchen geht den Trampelpfad vom Regen hoch. Die Abendsonne brennt erbarmungslos. Der Reporter hat sich auf einer Bank ein Schattenplätzchen gesucht. Durch die Bäume schimmern die Gewächshäuser der Gärtnerei Hauner. Radfahrer schießen auf dem Regentalradweg vorbei. Eine Radfahrerin erspäht den Mann mit Block und bremst. Es ist Astrid Lamby, ÖDP-Fraktionschefin. Es dauert keine Minute, da rollt auch Benedikt Suttner an. Er teilt sich das Amt mit Lamby. Reporter und Politiker tun es dem Pärchen gleich und begeben sich auf den Pfad in Richtung Regen.

Warum wollten Sie sich unbedingt hier treffen?

Astrid Lamby: Hier stand viele Jahre eine Gerüstkonstruktion in der geplanten Höhe der Sallerner Regenbrücke. Das Projekt war für uns schon immer ein No-Go. Es ist aus wirtschaftlichen und ökologischen Punkten nicht vertretbar.

Wie hoch sind denn die Chancen, das Projekt noch zu stoppen?

Benedikt Suttner: Bisher gibt es ja nur Planungen. Zum einen bleibt abzuwarten, ob der Bund wirklich bauen will – aber auch wir haben da noch ein Wörtchen mitzureden. Der Stadtrat muss Planungsmittel bereitstellen und dort ergeben sich ja gerade neue Zeiten. Gerade jetzt, wo die Stadtbahn nicht kommt, sollte man weiter auf den ÖPNV setzen und nicht auf den Individualverkehr.

Lamby: Rein rechtlich ist das Projekt zwar durch, aber das muss noch nichts heißen – sonst hätten wir heute wahrscheinlich eine Autobahn durch die Altstadt.

Bei diesem Thema laufen die Gemüter regelmäßig heiß − auch Benedikt Suttner scheint es so zu gehen. Er streift zumindest sein Sommerjacket ab und wirft es über die Schulter.

Nach dem Aus der Stadtbahn: Wo sehen Sie Möglichkeiten, den ÖPNV auszubauen?

Lamby: Wir müssen die Maßnahmen des Radentscheids umsetzen. Das müssen wir dringend anpacken. Zudem müssen wir den Fußverkehr stärken, indem wir beispielsweise endlich die Autos aus der Altstadt bringen. Den Wegfall der Stadtbahn müssen wir anders abfedern, ob das nun mehr Busspuren sind oder eine engere Taktung ist.

Suttner: Auch wenn die Stadtbahn nun nicht kommt, billiger wird es auf zehn Jahre betrachtet nicht werden. Ich glaube kurzfristig können wir beim Thema Rad am meisten erreichen. Es geht darum, dass die Bevölkerung sieht, dass wir die Zeichen der Zeit erkannt haben.

Der Pfad ist zu eng für drei Menschen. Wir weichen zum Teil in das hohe Gras aus, es raschelt mit jedem Schritt.

Haben Sie mit dem Votum gegen die Stadtbahn gerechnet?

Lamby: Mit dem kurzen Vorlauf ja – hätten wir länger Zeit gehabt, um aufzuklären, hätte es mich überrascht.

Suttner: Die Zeit hat uns sicher nicht in die Karten gespielt. Was es aber auch nicht leichter gemacht hat, waren die Politiker, die kurzfristig abgesprungen sind. Das Ergebnis müssen wir nun so hinnehmen, auch wenn sich die OB und die SPD zu einem Bürgerentscheid drängen haben lassen. Aber nun kann man auf die Planungen aufsatteln.

Suttner macht eine kurze Pause. Er deutet das Regenufer entlang. Durch die Bäume sieht man planschende Kinder. Ein Mann auf einem Stand-Up-Paddle gleitet langsam vorwärts.

Suttner: Nochmal zur Sallerner Regenbrücke. Das ist das, was wir meinen: Hier hat es noch vor zehn Jahren völlig anders ausgeschaut. Diesen Mix aus Freizeit und Natur würden wir zerstören.

Lamby: Und es wird wahnsinnig gut angenommen. Ich radle jeden Tag vorbei und sehe, was hier los ist am Ufer. Es geht auch darum, Freizeit dort zu erleben, wo man wohnt.

Suttner: Immer mehr Biotope werden zugebaut. Wenn welche geschaffen werden, dauert es lange, bis sie eine Wertigkeit haben. Deshalb ist es uns wichtig, das zu erhalten, was da ist.

Die Koalition ist implodiert. Hat Sie das Ende überrascht?

Lamby: Also mich schon.

Suttner: Ich habe auch nicht mehr daran geglaubt. Ich dachte, die machen jetzt ewig weiter.

Lamby: Die ganze Stadtbahnsache war ja eigentlich eine Rettungsaktion für die Koalition. Das durchzuziehen und dann das Bündnis zu beenden. Damit habe ich nicht gerechnet.

In einer Badebucht tummeln sich Kinder und Erwachsene. Es geht drunter und drüber, Kinder kreischen, rennen mit vollem Karacho in das Wasser.

Durch das Koalitions-Aus könnten kleine Fraktionen wie die ÖDP zum Zünglein an der Waage werden. Haben Sie schon Ideen, wie sie das einsetzen?

Suttner: Wir stehen vor den Haushaltsverhandlungen und vernetzen uns so sehr wie noch nie. Für uns gilt weiter, dass wir uns an den Themen orientieren und mit allen demokratischen Parteien sprechen. Es bleibt wenig Zeit. In einem Jahr beginnt der Wahlkampf.

Lamby: Wir hoffen, dass die Oberbürgermeisterin erkennt, dass es Gestaltungsspielraum gibt. Mit einem Verhalten wie im Juli, als sie den Dringlichkeitsantrag zur Mobilitätsdrehscheibe für nicht dringlich erklärt hat, macht man sich nicht gerade Freunde.

Wir kommen zurück auf den Regenradweg. Zweiräder schießen vorbei. Ein Radler klingelt uns an. Es hilft nichts, wir müssen im Gänsemarsch hintereinander gehen.

Welche konkreten Projekte haben Sie im Blick?

Suttner: In Sachen Verkehr geht es uns um die Parkplätze. Einerseits haben wir im Nibelungenareal ein Parkhaus, das kaum benutzt wird – und dadurch Steuergelder verschlingt. Braucht es das wirklich? Wir müssen es endlich schaffen, alternative Formen des Verkehrs attraktiver zu machen. Wir erhoffen uns einen Umschwung.

Lamby: Für uns stellt sich auch immer die Frage, was sich schnell und günstig umsetzen lässt. Zum Beispiel im Obermünsterviertel: Warum nehmen wir nicht einfach die Autos raus, bringen etwas Grün rein und überlassen es den Menschen als Gestaltungsraum.

Suttner: Ich denke, in Sachen Verkehrsberuhigung in der Altstadt könnten wir echt noch was schaffen.

Lamby: Am Ende geht es darum, dass wir als Politikerinnen und Politiker unseren Job machen: Entscheidungen treffen und das Gesamte im Blick behalten.

Droht jahrelanger Stillstand?

Lamby: Ich denke, das Schlechteste, was passieren kann, ist ein Weiter-So. Das wäre Stillstand.

Suttner: Gegenfrage: Was hat denn die Koalition in den vergangenen Jahren vorangebracht? Es kommt nun viel mehr auf den Stadtrat als Gesamtes an. Die OB muss nun die Leute zusammenholen und alle einbinden. Sie hätte große Chancen, wenn sie auf die Profile der einzelnen Parteien eingeht.