Kritik an Freudenstein: Wann geht‘s mit dem Regensburger Obdachlosen-Konzept weiter?

Von Marion Koller · 27. August 2024 um 17:00

Alkohol, Lärm, manchmal Gewalt: Minderjährige leben gegenwärtig jahrelang unter schwierigen Bedingungen in den Obdachlosen-Blocks in der Aussiger Straße in Regensburg. Die SPD fordert Lösungen von Sozialbürgermeisterin Astrid Freudenstein.

Vor der Notwohnanlage in der Konradsiedlung liegen Einkaufswagen. Bei den Tonnen stapelt sich der Sperrmüll, darunter ein Küchenschrank und ein Fernseher. Die Hauseingänge wirken verwahrlost: Verkratzte Wände, Schmutz und Müll. Hinter jeder Tür verbergen sich schwierige Schicksale. Cornelia Jusufi (61) kommt vom Einkaufen. Mit ihrem Mann und dem Sohn wohnt die Frau mit dem dunkelroten Pferdeschwanz seit 13 Jahren in der Anlage, jetzt auf 29 Quadratmetern. Ihr Mann verdient als Küchenhelfer in der Pizzeria Das Unikat und am Wochenende im Papageno monatlich 1700 Euro netto, der Sohn ist arbeitslos. „Schön ist es hier nicht“, sagt die Hausfrau. „Die Gemeinschaftsduschen im Keller sind ein Problem.“ Seit Jahren suchen die Jusufi eine andere Bleibe.

Betrunkene verunsichern

Alex Müller stellt sein Fahrrad ab. Der 23-Jährige lebt mit seiner Frau und der kleinen Tochter in den Blocks. Seine Wohnung im Candisviertel habe er verloren, als das Baby unterwegs war. „Der Vermieter wollte kein Kind in seiner Immobilie haben.“ Als Produktionshelfer bei BMW erhält Müller nach eigenen Angaben einen Nettolohn von 2600 bis 3000 Euro – je nach Schicht. Er ist in Deutschland geboren, aber in Russland aufgewachsen, deshalb spricht er mit Akzent. Die Familie hat sich für 80 Wohnungen auf Immoscout24 beworben – erfolglos.

Viele bleiben jahrelang in der heruntergekommenen Notunterkunft, die langfristig abgerissen werden soll. Kinder erleben dort dauerbetrunkene, randalierende Erwachsene, Drogenkranke und manchmal Gewalt. „Die Nachbarn sind unhöflich, machen nachts laute Musik, nehmen keine Rücksicht auf ein Kleinkind“, klagt Alex Müller.

Ende April 2022 hat der Stadtrat ein neues Konzept zur Obdachlosen- und Wohnungslosenhilfe beschlossen. Sozialbürgermeisterin Astrid Freudenstein (CSU) ist für die Umsetzung zuständig. Obdachlose Familien der Aussiger Straße sollen in einem Chancenhaus in Kumpfmühl für 102 Menschen unterkommen, das ab Oktober gebaut wird. Ab November 2025 sollen zudem 24 Stadtbauwohnungen in der Vitusstraße nach und nach obdachlosen Familien und Alleinstehenden zur Verfügung gestellt werden.

Die SPD-Stadträte Evelyn Kolbe-Stockert und Alexander Irmisch fordern nun im Namen der Fraktion einen Bericht von Freudenstein über die Umsetzung des Obdachlosen-Konzepts, der bis Ende Juni fällig gewesen sei. Irmisch hörte sich im Jugendzentrum Fantasy die Probleme von jungen Leuten aus der Konradsiedlung an. Mehrere klagten, dass sie sich nicht sicher fühlen. Besonders im Umfeld der Notwohnanlage gebe es Probleme mit Betrunkenen. Die Jugendlichen sagten, sie gingen dort ungern und mit einem unsicheren Gefühl vorbei. Irmisch und Kolbe-Stockert, sozialpolitische Sprecherin der Fraktion, verlangen, dass die Bürgermeisterin den Bericht bei der nächsten Sitzung des Sozialausschusses liefern soll.

„Wie soll es mit der Notwohnanlage weitergehen? Diese Frage beschäftigt nicht nur die Menschen, die dort eine Unterkunft gefunden haben, sondern auch die Bürger der Konradsiedlung.“ Das bestätigt Dieter Peter (67), der mit der Enkelin zur Mobilen Kita in der Aussiger Straße unterwegs ist. „Die Familien sollten in eine bessere Wohnung umziehen.“ Er ist mit sieben Geschwistern aufgewachsen und weiß, was es heißt, in einer Baracke zu wohnen.

Freudenstein versichert, das Obdachlosenkonzept werde mit viel fachlicher und interner Kommunikation, aber zurückhaltend nach außen, realisiert. Nicht jeder in der Stadt solle wissen, wo ehemalige Obdachlose leben. Sie informiere die Fraktion regelmäßig. 2021 wurde ein Steuerungsgremium gegründet. Dazu zählen Institutionen der Wohlfahrtspflege, soziale Initiativen, Fachstellen auf Bezirks- und Landesebene sowie städtische Ämter. 2023 habe sie einen Arbeitskreis Obdachlosenunterbringung ins Leben gerufen, bei dem sich städtische Ämter mit der Familienwerkstatt und der Stadtbau über konkrete Fälle austauschen. „Durch diese Zusammenarbeit wurden Familien in Mietverhältnisse gebracht.“ Die angespannte Wohnungslage und die Größe der obdachlosen Familien erschwerten das jedoch. „Das Sozialamt, mein Büro und ich persönlich arbeiten intensiv an der Umsetzung des Konzepts“, sagt Freudenstein. Die Aufträge für den Bau des Chancenhauses seien vergeben. Das Hochbauamt der Stadt habe das Projekt kurzfristig übernommen.

Kritik am „Berichtswesen“

Weitere Berichte im ohnehin reichlich vorhandenen Berichtswesen stellten eine zusätzliche Belastung für die Mitarbeiter dar, die sie ihnen gerne ersparen würde.

Eine der großen Familien ist die von Komla Tete. Nach einem Schicksalsschlag landete sie in der Notwohnanlage. Der 52-Jährige erzählt, während drei seiner Söhne auf dem Spielplatz Aussiger Straße herumtollen und der Kleinste vom Buggy aus alles beobachtet. Tete hat bei Siemens VDO und 17 Jahre bei der Spedition Scherbauer als Gabelstaplerfahrer gearbeitet, dann erlitt er drei Schlaganfälle und musste aufhören.

Schnell war die Wohnung weg. Seine Frau lebt mit den Kindern seit mehreren Jahren in der Notunterkunft. „Schimmel, kein Warmwasser, Kellerduschen – das ist kein Leben“, sagt er. Tete versucht, zuversichtlich zu bleiben. Noch leben sie vom Bürgergeld. „Aber ich finde eine Arbeit.“ Eine Wohnung im Chancenhaus wäre ein Neustart.

Sieben Jahre

Notwohnanlage: Die größte Unterbringungsmöglichkeit der Stadt Regensburg für Wohnungslose, ist die Notwohnanlage in der Aussiger Straße 23 bis 29a. Das sind 74 Ein- bis Vierzimmerwohnungen für Familien und Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Zurzeit wohnen dort 92 Kinder und Jugendliche und 84 Erwachsene. Die durchschnittliche Verweildauer liegt bei sieben Jahren.

Gemeinschaftsunterkünfte: Diese gibt es in der Landshuter Straße 49 und in der Taunusstraße 3. Anlaufstelle ist auch das Haus Noah der Caritas mit 78 Plätzen. Vor allem im Winter ist es ausgelastet. Für Einzelpersonen steht noch die Taunusstraße 3 zur Verfügung. Dort können 30 Menschen übernachten. In den Gemeinschaftsunterkünften sind aktuell 69 Menschen untergebracht, darunter zehn Frauen.