Ehrenamtliche Dolmetscher helfen in Regensburg bei der Integration – Einer ist Sina Alavinasab

Von Marion Neumann · 19. August 2024 um 12:35

Sina Alavinasab spricht Deutsch – und er spricht Persisch. Neben Farsi, der persischen Amtssprache im Iran, beherrscht er auch Dari und Tadschikisch. „Man kann sich das in etwa so vorstellen wie Bairisch und Hochdeutsch. Man versteht alles – aber es gibt besondere Ausdrücke oder Kleinigkeiten, die andere Bedeutungen haben“, sagt er.

Wie viel auch kleine Details in Sachen Verständigung ausmachen, weiß er aus Erfahrung. Seit neun Jahren engagiert er sich als ehrenamtlicher Dolmetscher bei der Stadt Regensburg, übersetzt bei Terminen in Einrichtungen und Ämtern, bei Arzt- oder Elterngesprächen.

„Meine Nachbarin, die beim Landratsamt arbeitet, hatte mir damals gesagt, dass Dolmetscher für Farsi gesucht werden. Ich habe mir das Ganze angeschaut und hatte direkt ein gutes Gefühl“, erinnert er sich. Alavinasab selbst lebt seit 1985 in Regensburg. Geboren ist er in Abadan im Südwesten Irans. Als in seiner Heimat der Krieg ausbrach, entschloss er sich zur Flucht.

„Als ich hier war, habe ich schnell kapiert, wie wichtig es ist, Deutsch zu lernen – vielleicht noch wichtiger, als eine Arbeit zu finden. Auch wenn ich das Wort ‚Integration‘ damals noch nicht kannte, wusste ich, dass davon alles abhängt“, erklärt er. Heute, sagt Alavinasab, sei Regensburg längst zu seiner Heimat geworden.

60 verschiedene Sprachen

Sich ehrenamtlich zu engagieren, gehört für ihn ebenfalls zur Integration dazu. „Viele Deutsche machen etwas – zum Beispiel bei der Freiwilligen Feuerwehr.“ Neben seiner Arbeit als Industriemechaniker ist er deshalb nicht nur als ehrenamtlicher Dolmetscher, sondern auch als Schöffe tätig. „Ich habe gerne etwas zu tun“, sagt er.

Die Vermittlung von Dolmetscher-Terminen läuft über die Stadt. Alavinasab ist Teil des Dolmetscherpools am Amt für Integration und Migration. Rund 220 Ehrenamtliche sind dort registriert und sprechen etwa 60 Sprachen. „Welche Sprachen besonders gefragt sind, verändert sich mit der Zeit“, sagt Matthias Vernim, Leiter der zuständigen Abteilung für Willkommenskultur und Integration.

Eigene Datenbank-Lösung

Entstanden sei der städtische Dolmetscherpool im Jahr 2015, als viele Menschen aus Syrien, aus dem Irak und aus Afghanistan nach Regensburg kamen. „Als die große Fluchtmigration einsetzte, hat man schnell gesehen, dass die Stadt an ihre Grenzen kommt mit so vielen Menschen, die kein Deutsch sprechen“, so Vernim. „Relativ formlos“ habe man deshalb begonnen, entsprechende Netzwerke aufzubauen.

„Am Anfang haben wir noch mit handschriftlichen Unterlagen und Excel-Listen hantiert“, sagt er, „mittlerweile ist alles professionalisiert, es gibt es eine eigene Datenbank-Lösung. Sehr vieles funktioniert digital. Sonst würden wir das gar nicht mehr schaffen in dieser Größenordnung.“

Bis 2021 habe es knapp 1000 Dolmetscher-Einsätze pro Jahr gegeben. Durch den Angriff auf die Ukraine sei der Bedarf im Folgejahr auf 3500 Termine gestiegen. „Der Bedarf an Sprachen wie Arabisch, Kurdisch und Persisch ist weiterhin hoch. Aber seit 2022 stehen Ukrainisch und Russisch ganz oben“, erklärt Vernim.

Dolmetscher bekommen Schulungen

Am häufigsten werde die Arbeit der Dolmetscher bei Arztterminen benötigt. Auch bei sozialen Themen wie Kinderbetreuung oder Jobcenter-Anträgen seien die Ehrenamtlichen im Einsatz. „Wie finde ich einen Sprachkurs oder eine Wohnung – und wie eröffne ich ein Bankkonto? Ohne Sprachkenntnisse ist das alles schwierig“, so Vernim. Ins kalte Wasser geworfen werden die Dolmetsche nicht, fügt er hinzu.

Neben Basisschulungen zu Beginn der Tätigkeit gebe es in regelmäßigen Abständen Supervisionen. „Neben Zuverlässigkeit ist eine gewisse Belastbarkeit nötig“, sagt er, „zuweilen geht es auch um Thematiken wie Zwangsprostitution, Schwangerschaftsabbrüche oder Geschichten über Folter und traumatische Fluchterfahrungen“.

Manche Termine nehmen mit

Auch für Sina Alavinasab gibt es Termine, die ihn mitnehmen. Zum Beispiel, wenn es um Fälle in der Kinder- und Jugendhilfe geht. Erst kürzlich, so erzählt er, habe er bei einem Termin übersetzt, bei dem die Inobhutnahme eines Kindes im Raum stand. „Moralisch und juristisch gesehen weiß man, dass es richtig ist, was da passiert. Aber es tut weh“, sagt er. In solchen Fällen als Dolmetscher zur Verfügung zu stehen und eine reibungslose Verständigung zu gewährleisten, sei ihm wichtig. „Man muss feinfühlig sein – aber auch lernen, neutral und professionell zu bleiben“, sagt er.

Neben der Hilfe und der Unterstützung, die er leiste, sei es auch die Beschäftigung mit Sprache, die er an seinem Ehrenamt so mag und schätzt. „Zu dolmetschen macht mir Spaß. Man lernt immer wieder neue Wörter und Ausdrücke“, sagt er, „die Sprache hat kein Ende“.

Info: Verstärkung gesucht

Leistung: Ein Angebot wie den Dolmetscherpool gebe es bei weitem nicht überall, sagt Matthias Vernim. „Das ist etwas, was sich die Stadt freiwillig leistet.“ Profitieren würden nicht nur Geflüchtete und Ehrenamtliche. Auch den Einrichtungen erleichtere es die Arbeit.

Interessenten: Aktuell werden besonders Ehrenamtliche für Amharisch und Somali gesucht – für Somali vor allem Dolmetscherinnen. Interessenten, auch für andere Sprachen, können sich über die städtische Website registrieren und werden zu einem Erstgespräch eingeladen. Für die Einsätze gibt es eine Aufwandsentschädigung. Weitere Infos unter Tel. (0941) 5073772 oder an dolmetscherpool@regensburg.de

Matthias Vernim vom Amt für Integration und Migration