Ende einer Institution: Regensburg verliert Referat Jazz an München

Statt Sylke Merbold leitet jetzt Désirée Dischl die bayernweit beachtete Einrichtung. Was aus dem Riesen-Archiv mit rund 500000 Bildern wird, ist unklar.
Was Jazz angeht, ist Regensburg bekanntlich eine Metropole, seit Richard Wiedamann 1982 das Bayerische Jazzweekend ins Leben rief. Dieses Fest des Jazz hat kürzlich auch in seiner 43. Ausgabe bayerische und internationale Musiker und Gäste an die Donau gebracht.
Doch eine andere Jazz-Institution ist nun aus Regensburg verschwunden: Das Referat Jazz des Bayerischen Musikrats. Es existiert in dieser Form zwar erst seit 2023, geht aber auf das 1992 auf Initiative von Richard Wiedamann etablierte Bayerische Jazzinstitut zurück. Letzteres hatte unter Leitung von Sylke Merbold bis 2021 auch die Intendanz des Jazzweekends inne, bis Regensburgs Kulturreferent Wolfgang Dersch sie dem Jazzinstitut nach 40 Jahren entzog. Seither liegt die künstlerische Leitung des Weekends bei Christian Sommerer, den ein Kuratorium aus verschiedenen Institutionen unterstützt.
Managerin und Musikerin
Das Bayerische Jazzinstitut war ursprünglich unter dem Dach des Verbands Bayerischer Sing- und Musikschulen angesiedelt. Doch im Januar 2023 teilte das bayerische Kunstministerium mit, das Institut werde durch das Referat Jazz des Bayerischen Musikrats abgelöst – mit Sylke Merbold als Leiterin.
Gut ein Jahr nach dieser Umstrukturierung wurde Merbold Ende März 2024 als Referentin Jazz abgelöst. Über die Gründe ist nichts zu vernehmen – Andreas Horber, Geschäftsführer des Bayerischen Musikrats sagte, er könne zu personalrechtlichen Angelegenheiten keine Auskunft geben. Auch Merbold selbst wollte sich auf Anfrage nicht äußern.
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Ihre Nachfolgerin ist Désirée Dischl, mit der Merbolds langjährige Kollegin Uli Schwarz im Jazz-Referat zusammenarbeitet. Das Referat ist mittlerweile in die Räume der Münchner Geschäftsstelle des Bayerischen Musikrats umgezogen.
Kulturreferent Dersch schrieb auf Anfrage, der Wegzug sei „aufgrund der langen Historie und engen Verknüpfung – insbesondere mit der für den Jazz in Regensburg so verdienstvollen Person Richard Wiedamann – für die Jazzstadt Regensburg zunächst ein Verlust“. Doch er sehe in der Veränderung auch „Chancen und Möglichkeiten“: Er habe sich mit Dischl bereits im April „konstruktiv-produktiv“ ausgetauscht: „Zukünftig besteht beiderseitiges, großes Interesse an einer engen inhaltlichen Zusammenarbeit.“
Für Bernhard Lindner vom Jazzclub-Vorstand wird das Regensburger Profil in Sachen Jazz durch den Wegzug nicht beeinträchtigt: Dass das Jazzinstitut seinen Sitz in Regensburg hatte, habe mit der Person Wiedamann zu tun gehabt, es sei aber immer eine gesamtbayerische Institution gewesen. Regensburg habe mit Jazzweekend und Jazzclub in zweifacher Hinsicht „ein Riesenpfund“ in Sachen Jazz.
Dischl ist breit aufgestellt
Die Jazzmusikerin und Kulturmanagerin Désirée Dischl hat das Jazz-Referat zum 1. Mai übernommen. Wenn sie am Telefon sagt: „Ich bin breit aufgestellt“, ist das fast eine Untertreibung: Dischl hat nach eigener Auskunft nicht nur Architektur und Musikwissenschaft mit Nebenfach Rechtswissenschaften studiert. Später setzte sie ein Kulturmanagement-Studium in Dresden oben drauf; nebenbei sammelte sie praktische Erfahrung, indem sie sich um das Booking von Bands kümmerte. Seit ihrer Zeit am oberbayerischen Gymnasium Weilheim macht sie selbst Musik, sie ist Jazz-Trompeterin und spielt Klavier. Mit ihrem Bruder zog sie 2012 die Laien-Bigband Cantaloupe – Munich International Jazz Orchestra e.V. auf, die Gast-Studierenden aus aller Welt für die Dauer ihres Aufenthalts eine musikalische Heimat gibt. Dies habe die festen Bandmitglieder bereichert, erzählt Dischl. Sie arbeitet seit 2020 beim Bayerischen Musikrat, kümmerte sich unter anderem um Laienmusikförderung und die Bayerische Chorakademie.
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Als Jazz-Referentin ist es ihre Aufgabe, die bayerische Jazz-Szene zu stärken: So bringt sie Jazzworkshops an Schulen, für die Jazzer sich mit einem Konzept bewerben können. Das Förderprogramm „Jazz & more“ bringt Jazz mit neuen Genres und Formaten zusammen – mit dem Kampftanz Capoeira, mit Salsa oder Poesie. Das Wanderprojekt „Jazzarise“ zielt auf weiße Flecken auf der Jazz-Landkarte, also Orte, wo es bisher kaum oder keine Jazz-Institutionen gibt. Ein Projekt soll es demnächst zum Beispiel in Traunstein geben.
Doch was ist aus dem umfangreichen Archiv geworden, das der Musikrat als Rechtsnachfolger des Jazzinstituts übernommen hat? Laut Geschäftsführer Horber befindet es sich noch im Regensburger Straußgäßchen, wo das Referat Jazz zuletzt sein Büro hatte. Laut Horber stimmt sich der Musikrat aktuell mit Sommerer und dem Regensburger Stadtarchiv ab: „Alles, was Regensburg-Bezug hat, soll das Stadtarchiv bekommen.“
Das Archiv ist ein Schatz
Das Fotoarchiv hat laut Bayerischer Staatsregierung „die Rechte an mehr als einer halben Million Bildern und Dokumenten von Duke Ellington über Klaus Doldinger und Inge Brandenburg bis hin zu Jamie Cullum“. Horber sagte, die Bestände seien größtenteils digitalisiert – so können Externe den Bestand nutzen. Neben hochwertigen Schellack-Platten und Platten-Sonderprägungen gehört zum Archiv auch der umfangreiche Nachlass des Pressefotografen Christian Wurm aus Ingolstadt, der Jahrzehnte bayerischer Jazzgeschichte dokumentiert hat. Daran habe die Stadt Ingolstadt Interesse, so Horber. Das Erbe des Bayerischen Jazzinstituts, es verteilt sich demnach auf mehrere Städte.
