„Gefährdet den Betriebsfrieden“: Der Handwerkskammer-Chef über Steuervorteile für Ausländer

Der alte und neue Handwerkskammer-Präsident Dr. Georg Haber hat sich im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern über die geplante Steuererleichterung für Ausländer und die Ampel-Politik geäußert. Besonders die Bürokratie schmerzt die Betriebe, sagt Haber. Und er antwortet auf die Frage, ob sich Leistung in Deutschland überhaupt noch lohnt.
Sie sind in die dritte Amtszeit als Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz gewählt worden. Was hat Sie vor zehn Jahren veranlasst, sich für dieses Ehrenamt zur Verfügung zu stellen?
Georg Haber: Als politisch interessierter Mensch kann ich zwei Dinge tun. Entweder ich diskutiere am Stammtisch und es passiert nichts – oder ich suche nach Möglichkeiten, mich konstruktiv einzubringen. Die Handwerkskammer war dafür für mich der richtige Ort. Ich war und bin der Ansicht, dass es wichtig ist, die Bedingungen für das Arbeiten im Handwerk zu verbessern und Begeisterung in der Gesellschaft für das Handwerk zu wecken. Mein Fazit nach zehn Jahren: das Handwerk ist und bleibt eine immens wichtige Wirtschaftsgruppe, ist aber auch auf eine starke und konsequente Interessenvertretung angewiesen. Fest steht für mich: Die Begeisterung fürs Handwerk ist nach wie vor dieselbe.
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Wo sehen Sie den grenzüberschreitenden Wirtschaftsraum Westböhmen-Ostbayern? Was muss geschehen, dass „Europa“ als Ganzes hier schneller vorankommt?
Haber: Wir erleben die Freundschaft und Partnerschaft zu unseren tschechischen Nachbarn als ungemein bereichernd. Aus unserer Sicht ist auch das gemeinsame Wirtschaften in der Grenzregion eine große Chance, von der beide Seiten nachhaltig profitieren. Unsere Handwerksorganisation organisiert dahingehend seit 15 Jahren die „Marienbader Gespräche“, bei denen Wirtschaftsexperten aus dem Grenzraum zusammenkommen, um die grenzübergreifende Zusammenarbeit zu verbessern. Das ist für mich Europa im Kleinen und funktioniert sehr gut. Man muss aber auch ganz klar sagen: beim Thema Arbeiten im europäischen Ausland ist definitiv noch Luft nach oben, was die Bürokratie angeht.
Wie sieht es ganz konkret in den Handwerksbetrieben aus?
Haber: Das Handwerk hat sich schon immer an den technischen Fortschritt angepasst. Auch jetzt erleben wir eine Zeitenwende, die Anpassung nötig macht. Ich denke zum Beispiel an den Klimawandel oder an das Thema KI. Und genau hier liegt die Zukunftsfähigkeit des Handwerks: Handwerkerinnen und Handwerker waren und sind individuelle Problemlöser und zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich neuen Innovationen öffnen und gleichzeitig ihre Traditionen und alten Techniken nicht vergessen.
Wenn Sie eine bürokratische Zumutung für die Handwerksbetriebe nennen müssten – welche wäre die schlimmste?
Haber: Das Problem ist, dass unsere Betriebe unter einer Masse an bürokratischen Hemmnissen leiden. Ein Beispiel: Wir stehen aktuell vor der Umsetzung der EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung. Die bisherigen Entwürfe machen mich fassungslos. Wir haben den Entwurf für den geplanten KMU-Berichtsstandard getestet: Im Durchschnitt hat ein Betrieb knapp acht Stunden gebraucht, um den Bericht zu erstellen. Manche Fragen sind so komplex, dass man sie nicht beantworten kann, weil der Betrieb keinen Zugang zu der Information hat, die er bräuchte, um die Frage zu beantworten. Wir sehen leider immer öfter: die Politik hat keine Vorstellung von der betrieblichen Realität.
Was könnte die Politik verbessern, das sich auch ganz konkret und rasch in den Betrieben auswirkt?
Haber: Ich glaube es ist wichtig, dass unsere politischen Entscheidungsträger den Ernst der Lage erkennen. Ein großes Problem ist, dass im Handwerk – auch bei uns in Ostbayern – große Verunsicherung vorherrscht. In den letzten Jahren wurden Entschlüsse vorschnell beschlossen oder waren durch zu langes Abwägen geprägt. Ich glaube, dass es jetzt sehr wichtig ist, politische Entscheidungen gut zu durchdenken, gut zu kommunizieren und die Menschen ernst zu nehmen.
Und wie wirkt sich der Fachkräftemangel auf das Handwerk aus? Wo müsste hier vor allem angesetzt werden?
Haber: Der Fachkräftemangel ist schon jetzt eine große Herausforderung für unsere Betriebe, aber auch für unsere Gesellschaft und damit letztlich für unseren Wohlstand. Er ist ein komplexes Problem, für das es keine einfache Lösung gibt. Da gilt es, an den unterschiedlichsten Stellen anzusetzen. Es muss in den Köpfen der Menschen ankommen, dass „Handwerkerin“ und „Handwerker“ ein respektabler Beruf mit ausgezeichneten Perspektiven ist. Das sollten nicht nur die jungen Menschen, sondern auch deren Eltern und Lehrer verstehen. Wir müssen auch die Berufsorientierung weiter ausbauen und die Gruppen ansprechen, wo noch ungenutzte Potenziale bestehen, dazu gehören auch Frauen.
Welche Rolle spielen Frauen im Handwerk?
Haber: Noch immer sind Frauen im gewerblich-technischen Bereich massiv unterrepräsentiert. Generell versuchen wir als Handwerkskammer beispielsweise beim „Tag des Handwerks“ Schülerinnen und Schüler gleichermaßen auf die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im Handwerk aufmerksam zu machen. Um es ganz deutlich zu sagen: jeder und jede kann im Handwerk jeden Beruf ausüben, der ihm oder ihr liegt. Dass der klassische Handwerker im Kopf vieler Menschen immer männlich ist, ist völlig überholt. Als Handwerkskammer helfen wir dabei, mit diesen veralteten Klischees Schluss zu machen.
Kann die von der Spitze der „Ampel“-Regierung in Berlin gerade als Anwerbe-Anreiz ins Gespräch gebrachte Steuerererleichterung für ausländische Arbeitnehmer ein Weg sein?
Haber: Ich verstehe den Groll, der sich vonseiten der Arbeitnehmer regt, die seit vielen Jahren ehrlich Steuern bezahlen und von diesen Erleichterungen ausgeschlossen wären. Das ist so wie bei Telefonverträgen, bei denen der Bestandskunde die Normalkonditionen bekommt, aber jeder Neukunde mit massiven Rabatten umworben wird. Davon abgesehen dürfen wir uns nichts vormachen. Die Entscheidung nach Deutschland zu kommen hängt nicht von der Steuerfrage ab. Es geht um viel mehr: Wie einfach lerne ich die Sprache? Wie einfach ist es Fuß zu fassen – Stichwort Bürokratie? Wie steht es um die Willkommenskultur? Welche Angebote gibt es für Familien? Kurzum: Dieser Vorschlag gefährdet den Betriebsfrieden und das Timing ist mehr als schlecht gewählt.
Wie blickt das Handwerk auf das omnipräsente Thema Work-Life-Balance?
Haber: Wer als Unternehmerin oder Unternehmer langfristig erfolgreich sein will, muss sich auch mit dem Thema Work-Life-Balance auseinandersetzen. Fest steht: Handwerksbetriebe sind aufgrund ihrer Größe und Betriebsstruktur grundsätzlich gut aufgestellt und dadurch in der Lage auf Entwicklungen, wie beispielsweise neue Arbeitszeitmodelle, flexibler zu reagieren. Was die Vier-Tage-Woche angeht: wir beobachten, dass sich die Zahl der Betriebe, die eine Vier-Tage-Woche anbieten häuft und viele damit auch gute Erfolge haben. Es ist aber auch ganz klar, dass hier immer auch ein Modell gefunden werden muss, das zu dem Betrieb, den Mitarbeitenden und den Kundenanforderungen passt.
Haben Sie den Eindruck, dass sich Leistung noch lohnt?
Haber: Viele Handwerkerinnen und Handwerker haben den Eindruck, dass sich Leistung nicht mehr lohnt. Klar ist: wir müssen solidarisch mit denen sein, die wollen aber nicht können. Andersrum gilt aber auch: der, der arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht arbeitet. Diese Grundsätze haben unser Land zu einem starken Sozialstaat und zu einer führenden Wirtschaftsnation gemacht. Wir müssen darauf achten, dass wir uns dieses Gleichgewicht erhalten. Für den Generationenwechsel, der auch bei vielen ostbayerischen Handwerksbetrieben ansteht, ist das enorm wichtig.
Die Fragen stellten Gerd Otto, Lorenz Nix und Christian Eckl.