Ein Stück Kamerun gefunden

Von Mittelbayerische Zeitung · 11. Juli 2024 um 01:06

Falkenstein/Hofstetten. Der Botschafter Kameruns in der Bundesrepublik Deutschland, Victor Ndocki, ist seit Donnerstag in Roding und Umgebung unterwegs. Das nahm er zum Anlass, dem Apostolatshaus der Pallottiner in Hofstetten am Freitagnachmittag einen Besuch abzustatten. Das ist nicht verwunderlich, schließlich sind die Pallottiner auch in Kamerun vertreten und werden von Deutschland aus unterstützt.

Nach einer Begrüßung durch Hausleiter Pater Markus Reck hielt der Missionssekretär Pater Reinhold Maise, der aus Friedberg bei Augsburg angereist war, einen Vortrag über die Geschichte der Pallottiner und die Verbindungen nach Kamerun. Wie es der Zufall wollte, war er selbst vor etwa einem Jahr in Kamerun und zeigte entsprechende Fotos.

Pater Maise erzählte: „Nach dem Tod des Gründers der Pallottiner, Vincent Pallotti, im Jahr 1850 wurde im Norden Italiens ein Ausbildungshaus in Masio gegründet unter der Leitung von Bischof Heinrich Vieter. Ab diesem Zeitpunkt erhielten die ursprünglich in Rom gegründeten Pallottiner immer mehr Zulauf aus der Schweiz und aus Deutschland. Von dort aus gingen deutschsprachige Pallottiner in die Welt hinaus. Nach Kamerun kamen sie 1890. Acht Personen, darunter Bischof Heinrich Vieter, gingen damals von Italien aus nach Kamerun“, erzählte er. Der Pater zeigte dazu einige Archivbilder.

Patrick Dawahl vom Multi-Kulti-Verein, der den Besuch des Botschafters mitorganisierte, übersetzte den Vortrag für den Botschafter ins Französische und die Worte des Botschafters ins Deutsche. „1892 kamen noch Pallottinerinnen dazu“, so Maise weiter. In Limberg sei ein Missionshaus gegründet worden, um die Mission in Kamerun finanziell zu unterstützen.

Schuld auf sich geladen

Die Mission habe in Marienberg in Kamerun über die deutsche Kolonialmacht begonnen. Die Pallottiner blieben demnach bis 1916. In dieser Zeit seien 200 Schulen, Handwerksbetriebe und Farmen gegründet worden. Dabei seien viele Taufen, etwa 10 000 pro Jahr, durchgeführt worden. Diese Zahl könne man jedoch von zwei Seiten betrachten, denn die Pallottiner damals seien von der Kolonialzeit geprägt worden. „Vielleicht geschah vieles für einen höheren Zwecks, aber der Zweck heiligt nicht die Mittel“, betonte Pater Maise. Die Mitbrüder hätten Schuld auf sich geladen während der Kolonialisierung, und bis heute sei man mit der Aufarbeitung beschäftigt. „Dafür wurde eine Arbeitsgruppe gegründet mit Fachleuten aus dem Museums- und Kulturbereich.“ Die Aufarbeitung sei nicht einfach. In Deutschland gebe es immer noch Exponate aus Kamerun, welche damals keine Geschenke waren, und die nun zurückgegeben werden sollen. „Wir stehen zu dieser Verantwortung und möchten uns dafür einsetzen“, sagte Pater Maise.

1964 kehrten die Pallottiner auf Einladung des Bischofs nach Kamerun zurück. Der Botschafter zeigte sich interessiert. Viele Orte erkannte er auf den gezeigten Fotos wieder.

Heute sei die Missionarsarbeit ganz anders als früher, das Evangelium werde praktisch umgesetzt, nicht gepredigt, so Maise weiter. Dabei entstanden Brunnen, die öffentlich zugänglich sind, eine Nähschule, eine Schreinerei und vieles Weitere. Auch bei dem nötigen Neubau eines Noviziatshauses in Kamerun würden die deutschen Missionshäuser unterstützen.

„Im Norden Kameruns wurde mit Hilfe von Spenden eine Kathedrale gebaut. Symbolisch wurde ein Kelch übergeben aus einer deutschen Kirche, die geschlossen werden musste“, erklärte Maise. Den Pallottinern in Deutschland fehle es an Nachwuchs, weswegen immer wieder Kirchen geschlossen werden müssten.

Am Ende des Vortrags übergab Pater Maise Botschafter Victor Ndocki eine Promotion eines Mitbruders über die Geschichte der Pallottiner in Kamerun.

Trotz des Zeitdrucks ließ sich Ndocki seine Schlussworte nicht nehmen: Er selbst sei zwar evangelisch, doch die katholische Kirche sei die Mutter. „Ich träume von dem Tag, wenn die Kirche eine Kirche ist“. Er freue sich sehr, da zu sein und hätte nicht erwartet, ein Stück Kamerun hier im Bayerischen Wald wiederzufinden.

Gestohlene Objekte

Außerdem sei er überrascht, heute über das Thema der Exponate reden zu können. „Keiner der Anwesenden soll sich schuldig fühlen, keiner von uns war damals dabei“, sagte er. Er möchte, dass weiter überlegt wird, wie diese Objekte nach Kamerun zurückgegeben werden können. Er selbst sei darüber gerade in Gesprächen. Insgesamt gehe es um circa 40000 Objekte. Das laufe über seinen Schreibtisch. Er freue sich über einen Kontakt und könne dann eine Mitarbeiterin aus Berlin senden, damit daran gearbeitet werden kann.

Der Botschafter bedankte sich für die Organisation und sei, seit er im Bayerischen Wald ist, beeindruckt von der Qualität der Gespräche und der Offenheit der Menschen. Er erkenne in den Bayern die Afrikaner wieder: spontan, warmherzig und gesellig.

Sie kamen im Apostolatshaus zusammen: Botschafter Victor Ndocki (Mitte), Hausleiter Pater Markus Reck (links außen), Pater Reinhold Maise sowie Vertreter des Multi-Kulti-Vereins. Fotos: Anja Pfeffer