Groß-Razzia bei der „Eisdielen-Mafia“ – Was zum Zugriff der Zollfahnder bekannt ist

Hunderte Zoll-Fahnder durchsuchen Eisdielen, Wohnungen und Büros von Steuerberatern in Bayern: Es geht um zig Millionen Euro, die ein Italiener (45) mit Billiglöhnen und Betrug gemacht haben soll – und auch um Bezüge zur Organisierten Kriminalität.
Hat ein 45-jähriger Italiener mit einem kleinen Imperium an Eisdielen systematisch betrogen? Quer durch Süddeutschland ist der Zoll am Mittwoch zu insgesamt 54 Objekte ausgerückt. Offiziell hat die Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Hauptzollamts in Regensburg den Mann im Verdacht, Sozialabgaben nicht ge- und nur Billiglöhne bezahlt zu haben, vornehmlich an eigens angeworbene Ausländer. Hinter vorgehaltener Hand ist aber dazu immer wieder auch von „Eisdielen-Mafia“ zu hören.
Schon das Ausmaß der Razzia deutet auf groß angelegte Ermittlung hin: Zu fast 60 Adressen rückten rund 370 Beamten zeitgleich an. In Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, darunter in Regensburg, Ingolstadt und Rosenheim, in den Landkreisen Passau, Kelheim, Weiden, Schwandorf und Amberg-Sulzbach. Ein kaum überschaubares Firmengeflecht, in dem sich der 45-Jährige teils auch hinter Strohmännern versteckt haben soll, hat der Zoll laut Sprecherin Nadine Striegel im Visier. Neben Eisdielen und Wohnungen wurden auch Wohnungen sowie Büros durch durchsucht, offenbar auch Steuerberater.
An Adressen in der Oberpfalz, in Nieder- oder Oberbayern und Franken deutete nicht viel auf die Groß-Razzia hin. An den Theken lief der Verkauf teils ganz normal – lediglich Zivilbeamte mit Waffenholster am Hosenbund und geschäftiges Treiben in Nebenräumen ließen erahnen, dass Hausdurchsuchungen laufen. Später tragen Zoll-Ermittler massenhaft PCs, Smartphones, Akten und andere Beweismittel zu den unweit geparkten, neutralen Einsatzfahrzeugen. Wie Striegel bestätigte, lagen dem Hinweise aus dem Umfeld des 45-Jährige zugrunde, „in mehreren Orten und auch ganz unabhängig voneinander“.
Wer ist der 45-Jährige hinter all den Strohmännern?
Der gebürtige Italiener, der hinter dem groß angelegten Sozialversicherungsbetrug in Eisdielen stecken soll, wurde in einem Betrieb in Mittelfranken angetroffen. Er lebt nach Recherchen der Mediengruppe Bayern seit drei Jahrzehnten in Deutschland und ist seit vielen Jahren im Geschäft. Mit seinem kleinem Imperium habe er sich einen „Traum“ erfüllt, kann man im Internet lesen. Nur „herkömmliches Eis zu verkaufen, war nie mein Anspruch“.
Fest steht: Seit Monaten wurde gegen den 45-Jährigen verdeckt ermittelt. Mit ihm stehen fünf weitere Verdächtige im Fokus, bestätigte Zoll-Sprecherin Nadine Striegel. Gegen sie stehe der Verdacht des Vorenthaltens von Sozialversicherungsbeiträgen und Verstößen gegen das Mindestlohngesetz – eine Tat, für die allein Geldbußen von bis zu einer halben Million Euro drohen. Mehr noch: Um die Erlöse zu steigern, soll der Hauptverdächtige illegale Ausländer in den Eisdielen beschäftigt haben, nach Recherchen der Mediengruppe Bayern vorwiegend Menschen aus Südamerika. Denen soll „weit weniger als die tatsächlich geleisteten Stunden vergütet“ worden sein, so der Zoll.
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In dem Fall geht es um bis zu eine Million Euro Schaden pro Jahr – beschlagnahmt wurden Unterlagen seit 2019. Dennoch: Durchsuchungen in drei Bundesländern, Hunderte Einsatzkräfte mehrerer Hauptzollämter, federführend geleitet aus Regensburg – das wirkt für eine Tat, auf die laut Gesetz Geldstrafen oder maximal fünf Jahre Gefängnis stehen, etwas überdimensioniert. Zumal hinter allem die BAO „Arktis“ steht, eine sogenannte „Besondere Aufbauorganisation“, wie der Zoll mitteilte. Das ist die größtmögliche Organisationseinheit in der Arbeit von Sicherheitsbehörden. Davon hört man meist bei Ermittlungen zu organisierter Kriminalität oder Terrorismus. Eine BOA kommt dann zum Einsatz, wenn besondere Herausforderungen zu bewältigen und spezielle Fähigkeiten der Ermittler gefragt sind.
Auswertung läuft: Bezug zur Mafia nicht auszuschließen
Hat in dem Fall doch die Mafia ihre Finger im Spiel? Die Ermittler geben sich dazu verschwiegen. „Das lässt sich zum derzeitigen Stand noch nicht sagen“, erklärte Striegel. Auszuschließen sei das aber „natürlich nicht“. Zunächst müssten die sichergestellten Unterlagen ausgewertet werden.
