Und plötzlich war in Cham die Grenze dicht: Warum MdL Gerhard Hopp nachsitzen muss

Es war dieser eine Moment, in dem die Chamer ganz schnell merkten, wie wichtig gute Nachbarschaft ist: Plötzlich war mitten in der Pandemie am Morgen die Grenze dicht. Tschechien hatte das so beschlossen, Bayern traf der Schlag. Das ist Vergangenheit und wird nun bewältigt. Der Chamer Abgeordnete Dr. Gerhard Hopp hat mit seinem grünen Oppositions-Kollegen Jürgen Mistol dafür ein besonderes Projekt ins Leben gerufen.
Mdl Hopp spürt das Gefühl von damals heute noch: „Wenn da plötzlich wieder die Grenze zu ist und man hat nicht einmal darüber geredet...“ Drei Jahre nach der zweimaligen Grenzschließung trifft sich seit März monatlich eine Gruppe von Abgeordneten aus Abgeordnetenhaus und Senat (Tschechien ) und Landtag (Bayern).
Die Sache mit dem Zug
„Es ist bewegend, dass heute eine so stabile Brücke entstanden ist und die Dinge nun nicht nur aufgearbeitet, sondern neu vorangebracht werden“, sagt Hopp. Lange hat es gedauert. Der Abgeordnete erinnert sich noch gut an das Redaktionsgespräch, als unsere Zeitung 2013 noch am Steinmarkt saß und er uns erzählte, dass er mit Barbara Stamm eine Initiative starten will für eine bayerisch-tschechische Freundschaft. „Heute, elf Jahre später, ist uns das gelungen“, freut sich Hopp. Er koordiniert die monatlichen Treffen seit März gemeinsam mit Jürgen Mistol von den Grünen. „Weil es gut ist, bei sowas auch die Opposition mit im Boot zu haben“, sagt er.
Er erzählt von Treffen in Prag, München und Cham. Auch die Fachausschüsse Soziales, Wirtschaft und Verkehr treffen sich regelmäßig. Ein Thema sei zum Beispiel die bessere Sprachförderung und vermehrte Tschechisch-Angebote im Freistaat. Nach der Europawahl habe man auch mehr Jugendaustausch vereinbart. Hopp hatte erst kürzlich tschechische Praktikanten in seinem Abgeordneten-Büro. Das sei immens wichtig.
Die Sache mit der Bahn
Wie wichtig diese Kontakte wirklich sind, haben die Abgeordneten am eigenen Leibe erst erfahren. Vor einigen Wochen platzte die Nachricht wie eine Bombe: Tschechien wird eine elektrifizierte Bahnlinie mit 200 km/h von Prag an die Grenze in Richtung München führen. 2030 werde man fertig sein, teilte die tschechische Seite mit. Das hat in Bayern erst Panik ausgelöst, weil es hier noch nicht einmal eine echte Planung für die Fortsetzung gibt. „Erst waren wir entsetzt“, erinnert sich der Chamer Abgeordnete. „Dann haben wir beschlossen, dass wir das als Rückenwind nehmen. Es muss doch der Regierung in Berlin irgendwann einmal peinlich sein, wenn man auf dieser Seite der Grenze plötzlich der Teil ist, der nicht mehr mithalten kann.“
Natürlich habe es auch viel Aufarbeitung der Vergangenheit in dem Parlamentarier-Gremium gegeben. Schließlich waren die tschechischen Kollegen ziemlich verschnupft über die deutsche Hartleibigkeit beim Thema „Abhängigkeit von Russland“.
Das hat sich stark verändert. Heute, so Hopp, spüren alle den täglich steigenden Druck durch die Desinformations-Kampagne des russischen Staates. „Der hybride Krieg hat längst begonnen und nimmt ganz neue Dimensionen an. Es geht massiv um die Destabilisierung unserer Demokratien in Europa“, erklärt Hopp. Hier hätten die Parlamentarier ein gemeinsames Problem in beiden Staaten erkannt und suchten gemeinsam nach Strategien gegen die politische Propaganda Putins.
Das Zeitfenster nutzen
Der Chamer Abgeordnete fasst die Themen beim Treffen in Cham zusammen: Bildung, Kultur, Austausch, gemeinsamer Kampf um den Erhalt der Demokratie. Denn auch in Tschechien gebe es das Problem, dass die extremen politischen Lager erstarken. „Man weiß praktisch nie, mit wem man nach der Wahl verhandelt. Momentan sind sehr europafreundliche Regierungen an der Macht. Dieses Zeitfenster wollen wir maximal nutzen“, sagt Hopp.
Hopp spricht von einem Neustart der Beziehungen zwischen Bayern und Tschechen. Ein Grund dafür sei die Erkenntnis auf beiden Seiten, dass man gemeinsam zu den noch gut funktionierenden Demokratien gehört. „Wer sollte zusammenhalten, wenn nicht wir“, bringt es Hopp auf den Punkt.
