15.000 Bäume und doch kein Wald: Das kostet Cham 80.000 Euro pro Jahr

Von Johannes Schiedermeier · 21. Juni 2024 um 15:00

Cham hat 15.000 Bäume in seinem Stadtgebiet, aber deswegen noch lange keinen Wald – eher ein Naherholungsgebiet. Wer seinen Bürgern dorthinein die Wege ebnet, der muss heutzutage die Konsequenzen tragen. So manchem Stadtrat gingen in der Sitzung die Augen über: 80.000 Euro pro Jahr wird die Pflege der Bäume kosten.

Das nun vorliegende Baumpflegekonzept geht davon aus, dass zunächst alljährlich diese 80 000 Euro benötigt werden, bevor sich die Kosten auf 50 000 Euro einpendeln sollten. Baumgutachter Ferdinand Bauer stellte das Konzept vor, für das die Stadtgärtnerei derzeit ein Baumkataster erstellt.

Zwei Tage lang hatten sich die Verantwortlichen im November 2023 dazu die Bäume im Stadtgebiet angesehen, die inzwischen in 21 Baumbeständen im Stadtgebiet erfasst sind.

Offensichtliche Gefahrenpunkte an Hauptwegen und Plätzen, so berichtete Bürgermeister Martin Stoiber, seien bereits in den Wintermonaten beseitigt worden. An optisch prägenden Beständen wie den Alleen am Kreuzweg und zwischen Kirche und Bolzplatz habe es bereits fachgerechte Baumpflege gegeben. Weitere Maßnahmen seien an eine Fachfirma vergeben worden.

Per Gesetz verpflichtet

Per Gesetz ist die Stadt Cham verpflichtet, bei den Baumbeständen in ihrem Besitz für Verkehrssicherheit zu sorgen. Dadurch sollen Schäden an Eigentum, Personal und der Gesundheit der Bürger vermieden werden. Das erläuterte der Sachverständige Bauer. Mit einem verhältnismäßigen Aufwand müsse die Stadt leichte oder einfache Fahrlässigkeit vermeiden. Alle Eventualitäten seien aber nie auszuschließen.

Der Eigentümer des Waldes, der eine Gefährdungssituation schafft, ist auch dafür verantwortlich, so Bauer. So entstehe eine Verkehrssicherungspflicht an Orten wie dem Kalvarienberg-Kirchlein oder beo Alleebäumen an Grundstücken. Das Aufstellen von Warnschildern reiche nicht aus.

Wie das Konzept aussehen soll, das stellte Bauer dem Stadtrat vor. Der Kalvarienberg habe eher Ähnlichkeit mit einem Naherholungsgebiet, weniger mit einem Wald. Es gebe gewidmete Flächen und Wege, keine forstwirtschaftliche Nutzung und die Hauptwege würden im Herbst vom Laub befreit.

Kontrollbereiche festgelegt

Für 16 verschiedene Flächen sei der Baumbestand festgestellt worden. Insgesamt habe er 7100 Bäume mit mehr als 15 Zentimetern Stammdurchmesser gezählt. Dafür seien Kontrollbereiche festgelegt worden. Diese Flächen seien inzwischen mit Pfählen gekennzeichnet worden.

Am Kalvarienberg sei eine solche Kontrolle unumgänglich, weil die Stadt dort zu viele wald-atypische Umstände geschaffen habe. Totholz müsse dort im Fallbereich über Wegen entfernt werden und umsturzgefährdete Bäume beseitigt. Wichtig sei die lückenlose und gerichtsfeste Dokumentation der Konzeptumsetzung.

15000 Bäume im Stadtgebiet

Stadtgärtner Sebastian Karl berichtete über die Erfassung von rund 8000 Bäumen im Stadtgebiet. Von 15 000 sei auszugehen. Eine Kontrolle dauere pro Baum etwa zehn Minuten. Bei einem Flächenbestand wie am Kalvarienberg könne es auch schneller gehen.

„Ich bin 40 Jahre im Stadtrat. Sowas haben wir noch nie gemacht“, wunderte sich Stadtrat Lommer. Sachverständiger Bauer verwies auf immer mehr Haftungsfälle und darauf, dass Bürger das Baumkataster viel ernster nehmen als früher, weil auf Bäume geachtet werde. „Wenn man Schäden vermeiden kann, muss man das tun“, so Bauer. Immer mehr Städte befassen sich mit dem Thema, legte Bürgermeister Stoiber nach. Und auch die Versicherer fragten inzwischen nach dem Baumkataster.

16 Hektar Baumbestand

Das erarbeitete Konzept stellt laut Stoiber bereits einen wichtigen Fahrplan dar. Bis das 16 Hektar große Waldareal der Stadt allerdings in einen verkehrssicheren Zustand gebracht ist, werden nach Ansicht des Bürgermeisters noch Jahre vergehen.

Stadtrat Florian Gruber erinnerte an die langen Debatten um die Bäume am Ehrenhain: „Wenn man sieht, was sich daraus entwickelt hat - Hut ab!“ Bürgermeister Martin Stoiber stellte aber klar, dass zu keinem Zeitpunkt eine Fällung der Bäume am Ehrenhain vorgesehen gewesen sei. Der Stadtrat stimmte dem Konzept zu.

Glosse

Überraschung: Im Wald da sind die Bäume!

Das Leben ist gefährlich geworden: Die Bäume schlagen aus und es droht Umsturz! Das hat dazu geführt, dass die Stadt Warnschilder aufgestellt hat, weil im Wald Bäume sind.

Da fragt man sich unwillkürlich: Hat Cham besonders doofe Bürger? Da kann man getrost Entwarnung geben. Es ist nämlich viel schlimmer: Eine ganze Republik verblödet.

Landauf, landab das gleiche Bild: Da setzt sich einer unter den Baum , weil die Bank so schön im Schatten steht. Ast fällt, Platzwunde, Klage. Und dann lautet die Frage nicht: Hat der mal nach oben geschaut? Wusste der nicht, wo er sitzt? Sondern: Wer hat die Bank da hingestellt?

Das wirft die nächste Frage auf: Warum ist die Platzwunde so schlimm, wenn der Bürger ohnehin mit seinem eigenen Hirn nicht mehr denkt? Folge: Künftig stehen die Bänke in der prallen Sonne. Sind wir wieder beim Thema: Es fällt einem nichts auf den Kopf und die Sonne richtet ja keinen Schaden mehr an – aus den bekannten Gründen.

Das beste Beispiel in der Vergangenheit: Wenn die Gemeinde einen Steg in den Badeweiher baut, ist sie schuld, wenn einer ertrinkt. Deswegen gibt es in Pösing keine Badestege mehr. Gratulation!

Zum Glück schwenkt die Justiz jetzt öfter mal um und erläutert bei Schadensersatzklagen, dass es auch noch ein allgemeines Lebensrisiko gibt. Wind – Wald, Baum – Ast – Platzwunde. Da muss der Bürger jetzt tatsächlich umdenken. Das fällt ihm aber schwer, weil er jahrelang vom Staat gepampert wurde und andere für ihn gedacht haben. Woher soll er also plötzlich wissen, dass im Wald Bäume sind. Deshalb die Schilder.

Wer eine Bank in den Baumschatten stellt, der muss auch dafür sorgen, dass dem Bürger, der dort verweilt, möglichst wenig auf den Kopf fällt.
Diese rot bemalten Pfähle markieren derzeit die Pflegebereiche am Kalvarienberg.
Die Stadt warnt ihre Bürger im Wald vor Bäumen. Foto: si