Unerhört frische Musik und ein wirbelnde Tänzerin: Der Reichssaal kochte

Von Claudia Böckel · 17. Juni 2024 um 16:15

Ana Morales und die Accademie del Piacere entfachten wahre Musikstürme. Ihre Absätze klapperten schneller als die schnellsten, winzigen Bogenstriche der Musiker.

Ein Gamben-Consort, ergänzt durch eine Barockgitarre und einen fantastischen Percussionisten, dazu noch eine mit dem spanischen Nationalpreis ausgezeichnete Flamencotänzerin: das Ensemble Accademia del Piacere ließ den ehrwürdigen Reichssaal geradezu kochen. Spanische Volks- und Flamencomusik war hier kombiniert mit Musik des 16. und 17. Jahrhunderts, mal ganz ruhig als Fantasia nur für die drei Gamben, ohne Zutat und streng am Notentext. Dann wieder aufgepeppt durch ausufernde Improvisationen des charismatischen Leiters, Gambisten und Arrangeurs Fahmi Alquai, durch Alleingänge von Gitarrist Charles Blanch oder Percussionist Agustín Diassera.

Für Abwechslung war gesorgt, sowohl klanglich, als auch besetzungstechnisch. Auch die Gamben wurden da als Gitarren- oder Chitarrone-Ersatz gespielt, gezupft und nicht zwischen den Knien gehalten. Diminutionen, das heißt Verkleinerungen in immer kleineren Notenwerten, teils improvisiert, teils notiert, über bewährten und in der Zeit bekannten Bassmustern, die immer wiederkehren, uferten aus und entwickelten sich zu wahren Musikstürmen, wie bei La Spangna von Heinrich Isaac, das Fahmi Alquai wie die meisten anderen Stücke für seine Besetzung passend gemacht hat. Die Musiker spielten sich die Bälle zu, wollten sich scheinbar übertreffen in Tempo und Verzierungskunst. Chaconnen, Passaglien, Folías, alle Möglichkeiten der Diminution und Improvisation wurden durchgespielt, im alten Stil und doch unerhört frisch.

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Ana Morales hatte man auf dem Podest einen zusätzlichen Tanzboden gebaut, mit Tonabnehmern versehen, um das Klacken ihrer Absätze bis in die letzte Reihe hörbar zu machen. Alle anderen Musiker spielten auch verstärkt, sehr gut verstärkt, nämlich so, dass es kaum zu merken war. Nach einigen Instrumentalstücken – man hatte sich immer mehr eingegroovt – kam Ana Morales schon mit deutlichem Absatzgeklapper nach vorn und tanzte den Fandango. Mit dem immer gleichen nudefarbenen Unterkleid, über das verschiedene Überkleider gezogen wurden, für jeden Tanz ein anderes, bezauberte sie sofort.

Manchmal setzte sie Akzente gegen die Musik, was die ganze Angelegenheit nur noch mehr befeuerte. Mit ihrer Körpersprache kommunizierte sie mit den Musikern, passte ihre Drehungen und Armschwünge der Musik an – und umgekehrt. Ihre Fußarbeit, das passende Vokabular fehlt mir leider, war unglaublich. Ihre Fersen klapperten schneller als die schnellsten, winzigen Bogenstriche der Musiker und um ein Vielfaches schneller als die schnellste Einstellung von Mälzels Metronom, dieses in Regensburg erfundenen Taktschlägers und Schreckens aller Musikeleven.

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Ausdrucksstark, konzentriert und faszinierend gestaltete sie ihre Tänze. Ein großes Fransentuch kam hinzu, machte mächtig Wind, wenn sie sich in den Drehungen einhüllte oder enthüllte. Offenes Haar und ein Fächer waren weitere Requisiten, um die heißen Rhythmen, die aus Neapel, aus Afrika oder aus Südamerika nach Sevilla geschwappt waren, zu visualisieren.

Große Begeisterung im Saal über diese unvergleichlich rasanten Darbietungen musikalischer und tänzerischer Art.