Helfen, nicht verdrängen: Streetworker sollen in Kelheim auf Jugendliche zugehen

Von Etienne Nückel · 13. Juni 2024 um 05:00

Die Stadt Kelheim möchte die Sozialarbeit für junge Menschen ausbauen – das wurde auf der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Kinder, Jugendliche, Familien und Senioren deutlich. Unter anderem plant die Stadt, eine Streetworker-Stelle zu schaffen. Einstimmig beauftragte das Gremium die Verwaltung, die Ausschreibung vorzubereiten.

Hintergrund: Die langjährige Leiterin des Jugendtreffs, Andrea Herrmann-Häring, geht zum Jahresende in den Ruhestand. Als Alternative für eine einfache Nachbesetzung ab Januar 2025 prüfte das Gremium ein Konzept für eine Streetwork-Stelle. Das stellte der Sozialpädagoge Dominik Mayer vor. Mayer war zuletzt Leiter des offenen Ganztages an der Wittelsbacher Mittelschule und zuvor Streetworker in Erlangen.

Streetworker stellt in Kelheim Konzept vor

Im „klassischen“ Bild von Streetwork denke man oft an Obdachlose oder Süchtige, sagte Mayer – tatsächlich richte die Arbeit sich aber eher an junge Leute zwischen 14 und 27 Jahren. Vor allem Jugendliche, die sozusagen „in der Stadt rumlungern“. Streetwork sei aufsuchende Arbeit, man spreche Menschen an, die ein Problem haben, oder solche mit Problemen kennen. Ziel sei die Hilfe zur Selbsthilfe, ob bei der Jobsuche, Drogen-, familiären oder sonstigen Problemen. Streetwork soll im Austausch mit anderen Stellen – Jugendamt, Finanzberatung, Therapieangeboten – stehen. Alleinstellungsmerkmal sei, dass Streetwork besonders niederschwellig ansetze: Man geht zu jungen Menschen in der Stadt und sagt „hey, uns gibt es“, erklärte Mayer.

Daneben fungiere Streetwork sozusagen als Seismograph: Man erkenne Probleme frühzeitig und könne darauf aufmerksam machen. Umgekehrt betreibe man Öffentlichkeitsarbeit. Sage beispielsweise Jugendlichen, wo man „den Cousin mit Drogenproblem hinschickt“.

Mayer betonte, dass Streetwork keinen ordnungspolitischen Auftrag habe. Würden beispielsweise Jugendliche „auf dem Spielplatz saufen“, gehe es darum, ihnen zu helfen – nicht, sie aus dem Stadtbild zu verdrängen.

Bürgermeister Christian Schweiger (CSU) sprach sich für das Konzept aus: „Vielleicht ist der ein oder andere jetzt aus seiner heilen Welt gerissen. Aber die Bedarfe sind da.“ Der MZ sagte er, dass es einerseits mehr Probleme gebe, man heutzutage aber auch besser hinschaue. Besonders gravierende Missstände sieht Schweiger in Kelheim nicht. Jugendliche beschäftigten „ganz normale Probleme des Messens mit anderen, des Erwachsenwerdens“. Hotspots in Kelheim seien beispielsweise der Alte Hafen, der Pflegerspitz, der Schiffsanleger Altmühl und allgemein das Altstadtgebiet.

Neben der Variante Streetwork stand auch zur Debatte, die Stelle am Jugendtreff wie bisher nachzubesetzen. Dafür fanden sich im Gremium keine Anhänger. Florian Flotzinger (CSU), der Kultur- und Jugendbeauftragte des Stadtrates fand den Standort des Jugendtreffs an der Wittelsbacher Mittelschule unglücklich – von Jugendlichen würde der als Teil der Schule empfunden. Die Frage wurde aufgeworfen, ob man die Streetworker auch in die Ortsteile, zu den „Heisln und Bauwagen“ schicken könne. Mayer sagte, das könne man sich durchaus ansehen, wenn Bedarf gemeldet werde.

Außerdem war ein Ausbau der Sozialarbeit an der Wittelsbacher Mittelschule Thema im Ausschuss. Zusätzlich zur Stelle der Schulsozialarbeiterin Kristin Weisheit hat die Schule eine Stelle für Jugendsozialarbeit (JaS) beantragt. Stadt und Landkreis müssten je rund 25800 Euro Kosten tragen, dazu käme ein Zuschuss des Freistaates in Höhe von rund 12800 Euro. Die Awo, bereits Trägerin der jetzigen Sozialarbeits-Stelle, würde diese Stelle verwalten. Das Gremium beschloss, die Maßnahme zu unterstützen, falls der Landkreis zustimmen sollte.

Sozialarbeit an der Wittelsbacher Mittelschule ausbauen

Kristin Weisheit erklärte in der Sitzung, dass die JaS-Stelle es ermöglichen würde, den Fokus weiterhin auf die Einzelfallarbeit zu legen. Die Schulsozialarbeitsstelle hätte dann Raum für umfangreiche Präventionsarbeit.

Aus der zusätzlichen Stelle für Sozialarbeit lässt sich laut Schulleiter Tobial Oettl und Weisheit nicht darauf schließen, dass es mehr Probleme an der Wittelsbacher Mittelschule gebe. Vielmehr sei Sozialarbeit an Schulen ein vergleichsweise neues Konzept, das sich bewährt habe, so Weisheit: „Jeder Jugendliche ist froh, wenn er Ansprechpartner hat, die nicht seine Eltern oder Lehrer sind.“ Da es nun eine Förder-Möglichkeit durch den Freistaat gebe, nehme man die gerne an, um das Angebot auszubauen, sagt Oettl.