Kleines Pony soll zum großen Orakel werden

Von Andreas Loscher · 12. Juni 2024 um 01:34

Schwandorf. „Klein, kräftig und intelligent.“ So beschreibt Mario Merl, Tierpfleger im beliebten Wild- und Freizeitpark Höllohe in Teublitz, das Mini-Shetlandpony Fiona. Zu der sechsjährigen Stute haben er und seine Kollegen eine besondere Beziehung aufgebaut. Fionas Mutter starb kurz nach der Geburt, das kleine Fohlen musste mit der Flasche aufgezogen werden. Und nun ist es das EM-Orakel der Mittelbayerischen. Das macht die Tierpfleger stolz.

Spätestens seit Krake Paul bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 alle deutschen Spiele richtig vorhergesagt hat, sind tierische Hellseher bei großen Turnieren gefragt. Fiona scheint für diese Aufgabe geradezu prädestiniert zu sein, denn sie spielt sogar selbst Fußball. Ein mit Leckerlis gefüllter Ball wird oft durch das Gehege geschossen.

Und wie schätzt Fiona unsere Nationalelf ein? Geht es nach den Vorrundenspielen gegen Schottland, Ungarn und die Schweiz weiter bis ins Finale oder ist das erhoffte Sommermärchen schnell wieder vorbei? Fiona soll einen Blick in die Kristallkugel werfen. Die Methode ist denkbar leicht: Das kleine Pferd muss sich zwischen drei Eimern mit Leckerlis entscheiden – Deutschland, Gegner oder Unentschieden.

Kleiner Körper, großer Kopf

Zwischen Norwegen und dem Vereinigten Königreich, dort wo der Atlantische Ozean auf die Nordsee trifft, liegen die rund 100 Inseln der Shetlands. An vielen Stellen ist das felsige Archipel noch unberührt. Es leben dort nur rund 23000 Einwohner – und 1000 Ponys.

Die Shetland-Pferderasse erfreut sich als Reitpony für Kinder großer Beliebtheit. Auch im Wild- und Freizeitpark Höllohe im Landkreis Schwandorf sind fünf Shettys zu Hause. Genau genommen handelt es sich dabei um Mini-Shetlandponys, denn sie erreichen eine Schulterhöhe von gerade einem Meter.

Der Wildpark wird vom Landkreis Schwandorf betrieben, der Eintritt ist frei. Fast 200 Tiere aus 21 verschiedenen Arten tummeln sich in der Höllohe: Rotwild, Wildschweine, Ziegen, Esel, Fasane, Störche oder Schnee-Eulen sind zu sehen. Mario Merl arbeitet als Tierpfleger im Park und kümmert sich um die Miniponys. „Wir haben jetzt zwei Generationen bei uns. Helena und Hector sind 2008 und 2009 geboren. Felix und Fiona 2018“, weiß er. Dazu komme noch der etwas größere Benny, der fünf Jahre alt ist.

Merl beschreibt die Ponys als sehr intelligente Tiere, die trotz ihrer Größe immense Kraft besäßen und schnell sein können. „Beim Freilauf jagen die umher wie die Großen“, erklärt der Tierfreund. Die robusten Ponys haben einen für ihre Größe relativ großen Kopf mit breiter Stirn, großen Nüstern und schmalen Ohren auf einem kräftigen Hals. Die Beine sind kurz und stämmig. Häufig haben sie eine dichte Mähne. Alle Farbvarianten, auch mit Tigerschecken, sind möglich. Die kleinen Pferde können über 30Jahre alt werden.

Fiona ist die Zutraulichste ihrer Herde, sagen die Mitarbeiter der Höllohe. Der Hintergrund sei allerdings ein trauriger, erklärt Stefan Jahreiß, der Leiter des Wildparks: „Fiona ist leider als Waise aufgewachsen. Ihre Mutter ist kurz nach der Geburt gestorben. So musste sie von Anfang an mit der Flasche aufgezogen werden.“Aus diesem Grund waren und sind die Tierpfleger für die kleine Stute so etwas wie eine Familie.

Über Fionas Kindheit weiß auch Tierpfleger Merl viel zu erzählen. Kurz nach der Geburt sei sie noch kleiner als eine Ziege gewesen: „Als Baby kam sie immer zu uns und wollte auf den Arm genommen werden. Man hatte das Gefühl, sie ist fast ein kleines Schoßhündchen und sucht unsere Nähe.“

Viele Menschen lieben Fußball, und Fiona liebt die Menschen: Das könnten nicht schlechtesten Voraussetzungen für ein EM-Orakel sein. In der Gruppenphase treffen die Deutschen auf Schottland, Ungarn und die Schweiz. Da in der Vorrunde auch Unentschieden möglich sind, muss sich Fiona zwischen drei Eimern, jeweils gefüllt mit Apfeltrester, entscheiden. Auf den Gefäßen kleben die Flaggen der Fußballnationen. Merl stand der Idee, Fiona zum neuen EM-Orakel zu machen, zunächst skeptisch gegenüber. „Wie soll das funktionieren“, dachte er sich. Das Pony würde sich bestimmt vom Fotografen und den Zuschauern ablenken lassen. Doch die Zweifel des Tierpflegers waren schon nach einem ersten Testlauf verflogen. „Wir waren überrascht, wie wenig sich Fiona ablenken ließ“, sagt Merl.

Zufall oder Wissen?

Und mehr noch. Nach einigen Runden gab es keine erkennbare Methode mehr. „Am Anfang ging Fiona immer zielstrebig zum mittleren Eimer. Aber nach ein paar Versuchen wusste sie, dass in jedem Eimer etwas Leckeres zu finden ist.“ Es scheint also reiner Zufall zu sein, aus welchem Eimer Fiona beim nächsten Tippspiel essen wird. Oder weiß Fiona doch mehr?

Dem Shetty steht bei jedem Tipp ein Pate zur Seite. Dieser versucht, die tierischen Orakelsprüche einzuordnen. Hatte Fiona Hemmungen, war sie nervös oder war sie entschlossen und zielstrebig? Gerade im Eröffnungsspiel am Freitag gegen Schottland könnte Fionas Entscheidung interessant werden. Lässt sie sich von ihrem schottischen Ursprung beeinflussen? Oder hat sie doch Deutschland ins Herz geschlossen? Fragen über Fragen, die es zu klären gilt.

Als Pate macht der Schwandorfer Landrat Thomas Ebeling (CSU) den Anfang. „Natürlich tippe ich persönlich auf einen Sieg der deutschen Mannschaft“, sagt der Politiker überzeugt und streichelt Fiona durch die Mähne. „Aber ich bin trotzdem gespannt, was Fiona zu sagen hat.“ Mit der Donnerstagsausgabe der MZ werden Ebeling und die Leser mehr wissen. Denn dann erscheint Fionas erster Tipp.

Als Fohlen bekam Fiona die Flasche. Ihre Mutter starb kurz nach der Geburt. Foto: Stefan Jahreiß
Ein tierischer Fußballstar? Die Nähe zu Bällen sucht das kleine Pferd jedenfalls.