Zum Kiebitzen bei den Wiesenbrütern: Die kleine Sensation aus dem Chambtal

Von Johannes Schiedermeier · 11. Juni 2024 um 11:00

Kiebitzen nennt man das bei den Kartlern, wenn einer über die Schultern in die Trümpfe schaut. Wer mit LBV-Gebietsbetreuer Michael Wagner unterwegs ist, der lernt des Wortes tiefe Bedeutung kennen. Wer ihm über die Schultern schaut, der muss schon ganz genau hinsehen, um zu erkennen und zu verstehen, was da gerade läuft.

Es ist ein Kiebitz-Küken. Eng an sein Geschwisterchen gekuschelt sitzt es am Rande eines Maisfeldes. Ein paar Meter daneben gehen Mama und Papa spazieren und versuchen, möglichst unbeteiligt zu wirken, um den Nachwuchs nicht zu verraten. Bestimmt eine Viertelstunde haben wir gebraucht, um die kleinen mit Spektiv und Fernglas zu entdecken.

Grund zur Freude

Michael Wagner ist einer von 70 bayerischen Gebietsbetreuern, die über den Bayerischen Naturschutzfonds finanziert werden. Er ist jeden Tag unterwegs, um für den Landesbund für Vogel- und Naturschutz Wiesenbrüter zu schützen. Zurzeit hat er zum ersten Mal seit langem wieder großen Grund zur Freude: Immer mehr Menschen melden Kiebitzsichtungen in seinem Gebiet. Gerade erst sind die Schreckensmeldungen aus dem Regental verklungen, wo reihenweise Gelege im Hochwasser untergegangen sind, da hat Wagner eine kleine Sensation zu verkünden: Erstmals betreut er 47 Gelege. Davon sind auch drei überflutet und zwei weggespült worden. Im Vergleich zum Verlust der Regentalaue ist das wenig.

Räuber und Luftwaffe

Das Chambtal und dazu einige Flächen bei Arrach und Schönthal sind seine Beobachtungsreviere. Die Arbeit ist schwierig genug. Mehr als einmal stand er neben einem Gelege und hat es nicht gesehen, so gut getarnt sind die Eier. Die gesprenkelten Küken setzen das Kunststück der Unentdeckbarkeit nahezu perfekt fort. Leider klappt das oft nur beim Menschen. „Die Luftwaffe“, wie die Raubvögel beim LBV gerne genannt werden, sieht ungleich besser. Das wird den Wiesenbrütern derzeit im Regental zu einem weiteren Verhängnis. Dort fließt heuer schon das dritte Hochwasser ab und die Mäusepopulation ist ausgedünnt. Deswegen fokussieren sich die Raubvögel auf die Wiesenbrüter.

Doch auch im Regental liefern sich die Kiebitzeltern verzweifelte Luftkämpfe, um den verbliebenen Nachwuchs zu schützen. Sie fürchten sich vor nichts. Auch Wagner wird bei der Nestsuche im Sturzflug mit Alarmschreien attackiert.

Nester markiert er mit farbigen Stöcken.. Wagner freut sich über den Zuspruch bei den Landwirten. Einen besonderen Verfechter hat er in einen Bauern gefunden, der sein Maisfeld bei Zenching hat. Beim vorsichtigen Befahren des Feldes hat er zu Wagners drei gelegen noch einmal vier entdeckt. „Ich bin schon gefragt worden, ob ich das Säen nicht mehr kann“, erzählt er und lacht. Er hat seine Freude mit den neu entdeckten Bodenbewohnern: „Ich hätte nie gedacht, dass da so viele sind. Auch die ersten Jungen sind schon unterwegs.“

„Komm, wenn du Geld hast!“

Wagner berichtet, dass fast alle Bauern aufgeschlossen sind. Dafür gibt es rund 50 Euro Nestprämie und Förderungen in speziellen Gebieten. Natürlich gibt es auch die anderen noch, die nicht mitziehen. Aber sie sind selten. Ein Bauer, dessen Nest zu einem Zeitpunkt entdeckt wurde, an dem das Feld nicht bewirtschaftet wurde, sagt dem Gebietsbetreuer ins Gesicht: „Dann fahr ich halt drüber. Komm wieder, wenn du Geld hast.“ Das sei aber ein Einzelfall, sagt Wagner.

Nun ist er jeden Tag unterwegs und hofft, dass die Jungen vor Räubern wie dem Fuchs verschont bleiben und Mensch und Hund Abstand halten. Dann könnte das Wiesenbrüterjahr im Chambtal mit einer Erfolgsmeldung enden.

Der Traum eines jeden Gebietsbetreuers: Kiebitzküken, die ihren Weg machen und flügge werden. Foto: Dr. Christoph Moning/LBV