Europameisterschaft: Das trauen Fußballkenner aus dem Landkreis Schwandorf der Nationalelf zu

Von Andreas Loscher · 9. Juni 2024 um 05:00

Bald ist es soweit: Die Europameisterschaft im eigenen Land beginnt. In 51 Spielen werden 24 Teams um den Titel kämpfen. Die große Frage: Wer holt den Titel? Die Mittelbayerische Zeitung hat sechs Fachleute aus der Region um ihre Einschätzung gebeten.

Ernst Jäckl, Gemeinschaft der Trainer Oberpfalz

Befürchtungen habe er wenig, Hoffnung dafür immer mehr für das deutsche Team. Vorsichtig optimistisch beurteilt Ernst Jäckl, seit 65 Jahren Fußballfan und zwischendurch langjähriger Trainer, die EM-Chancen der deutschen Nationalmannschaft. So habe ihn Trainer Nagelsmann schon immer überzeugt, auch in den wenigen Vorbereitungsspielen. Spielerisch sieht er vor allem in der Offensive Schwächen. „In der Defensive können wir dagegen mit der Weltklasse mithalten“, betont Jäckl.

Mit dem Kurzpassspiel von Toni Kroos hätte Jäckl lange gehadert. Doch jetzt sei er froh, dass die Mittelfeldlegende wieder dabei ist: „Früher habe ich Kroos manchmal verdammt, aber jetzt bin ich froh, dass er wieder mitspielt, er bringt unheimlich viel Erfahrung in das Team, was gerade für die jungen Spieler wichtig ist“, so Jäckl. Man dürfe auch nicht den Fehler machen, Außenseiter wie Schottland zu unterschätzen. Jäckl ordnet ein: „Das Spiel hat sich sehr verändert. Früher gewann man 13:0 gegen Länder wie Luxemburg. Diese Zeiten sind längst Vergangenheit. Heute ist man mit einem 1:0 zufrieden.“

Jäckl selbst hofft, dass Deutschland zumindest das Halbfinale erreicht. „Für den Titel ist es vielleicht noch zu früh. Die Ideen von Nagelsmann hatten noch keine Zeit, zu greifen.“ Die Spiele will Jäckl gemütlich von zu Hause aus verfolgen: „Ich habe drei fußballbegeisterte Schwiegersöhne, da haben wir immer viel zu diskutieren.“

Andre Atkins, Mittelfeld ASV Burglengenfeld

Unter der Regie von Bundestrainer Nagelsmann sei wieder eine Siegermentalität eingekehrt, meint Andre Atkins. Einige Testspiele hätten Lust auf mehr gemacht. „Der Kampfgeist, der die deutsche Elf in der Vergangenheit ausgezeichnet hat, ist wieder da, vielleicht hängt das auch mit der Rückkehr von Kroos zusammen“, so das Mittelfeld-Ass des ASV Burglengenfeld.

Für Atkins steht außer Frage, dass die Nationalelf die Vorrunde überstehen wird. „Das Halbfinale sollte auf jeden Fall drin sein“, ist er der Meinung. Am leichtesten dürfte Schottland zu schlagen sein, meint Atkins weiter. Ungarn sei zwar von den Spielern her schwächer, aber aufgrund ihres Teamgeistes nicht zu unterschätzen. Auch die Schweiz dürfte sich als harter Brocken erweisen.

Im Mittelfeld sieht Atkins so gut wie keine Schwächen im deutschen Team. „Wir sind in diesem Bereich extrem stark besetzt. Neben erfahrenen Wadelbeißern gibt es auch junge, talentierte Spieler wie Pavlovic.“ Es sei schon schade, dass einige aufgrund des starken Kaders nur begrenzt zum Zug kommen würden, so Atkins. „Aber es wird von der Tagesform abhängen. Sané beispielsweise ist an manchen Tagen Weltklasse. Manchmal eben auch nicht.“ Die Stimmung, schätzt Atkins, wird vom Auftreten der deutschen Spieler abhängen. „Wenn sie glühenden Einsatz zeigen, wird sich das auf die Fans übertragen.“

Mario Albert, Trainer des SV Schwandorf-Ettmannsdorf

In den Augen von Mario Albert, Trainer in der Landesliga, muss die Nationalelf wieder abliefern: „Fußball ist und bleibt ein Ergebnissport. In den letzten Jahren konnte die deutsche Mannschaft hier einfach nicht überzeugen.“ Trainer Mario Albert fordert, dass die deutsche Mannschaft bei dem Turnier im eigenen Land mit Ehrgeiz an die Sache herangehen müsse: „Wir sollten schon den Anspruch haben, unter die Top drei zu kommen.“ Der Trainer gibt sich trotz der Enttäuschung in Qatar wieder optimistisch: „Man merkt, dass Nagelsmann frischen Wind in die Mannschaft gebracht hat.

Wenn die taktische Disziplin stimmt, gepaart mit einer guten Tagesform, ist zumindest die Vorrunde gesichert.“ Dennoch seien die Gegner in der Gruppe keine Außenseiter, so Albert. Vor allem die Schweiz bereitet dem Ettmannsdorfer TrainerKopfzerbrechen. Dazu könnten im weiteren Verlauf noch die großen Fußballnationen Frankreich, Italien, die Niederlande und England kommen. Auch sie seien natürlich klare Favoriten. Verstecken müsse sich die deutsche Mannschaft aber auf keinen Fall: Die Youngsters wie Wirtz und Pavlovic bringen nach Ansicht von Albert frische Energie mit, gleichzeitig könne Kroos mit seiner Erfahrung das Tempo vorgeben.

Fast schon Stoff für ein neues Sommermärchen, meint Albert: „Für eine ganze Generation von Fußballern wie Müller, Kroos und Neuer wäre das Drehbuch schon geschrieben: Zum Ende der Karriere den letzten großen Titel holen. Und dann noch im eigenen Land.“ Der Landesliga-Trainer hofft auch auf eine gute Stimmung in der Heimat: „Eine bessere Motivation kann es für ein Team und die Jungs nicht geben.“

Wolfgang Hesl, ehemaliger Profi-Torwart

Es wird kein Selbstläufer für die deutsche Mannschaft bei der EM, meint der ehemalige Bundesliga-Torwart Wolfgang Hesl, der schon für den HSV im Tor stand und nun nach seiner Karriere in Schwandorf kickt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Vorrunde ein fußballerischer Leckerbissen wird, die anderen Mannschaften können eben auch Fußball spielen“, erklärt Hesl. Als ehemaliger Profi-Torwart hat er natürlich die deutschen Torhüter im Blick.

Dass Manuel Neuer wegen kleinerer Fehler in den letzten Spielen in die Diskussion geraten ist, beunruhigt Hesl nicht: „Um unseren letzten Mann müssen wir uns keine Sorgen machen. Wir haben den Luxus, zwei Weltklasse-Torhüter zu haben. Die Nummer zwei, ter Stegen, würde in jedem anderen Land als Stammtorhüter gesetzt sein.“ Auch Torhüter Baumann sei immer in den Top-Bewertungen zu finden. Nübel sei zwar eine Überraschung gewesen, habe aber auch eine starke Saison gespielt.

Neuers Torwartspiel bezeichnet Hesl als modern und innovativ. Man brauche Schnelligkeit und eine Mannschaft, die es einem erlaubt, so hoch zu stehen, so Hesl. „Natürlich ist das ein Risiko und es kann auch schief gehen“, erklärt er, „aber es ergeben sich dadurch auch viele Chancen“. Hesl hofft auf gutes Wetter, denn er würde sich die Spiele gerne beim Public Viewing anschauen. „Egal, wie die Spiele ausgehen werden, ich freue mich schon sehr auf die EM im eigenen Land.“

Stefan Mehrl, Kreis-Schiedsrichterobmann

Schiedsrichter Stefan Mehrl achtet beim Fußball normalerweise mehr auf die Regeln als auf Strategie und Taktik. Trotzdem hält er die Vorrunde für entscheidend. „Wenn das DFB-Team die Gruppenphase überstehet, halte ich alles für möglich“, so Mehrl. Sollte es fußballerisch nicht klappen, hofft er, dass zumindest die deutschen Schiedsrichter weiterkommen. Denn von den insgesamt 19 Unparteiischen kommen zwei aus Deutschland. „Wenn Daniel Siebert oder Felix Zwayer das Finale pfeifen, wäre das auch ein Erfolg für die deutschen Schiedsrichter“, glaubt Mehrl. Denn ob die Referees ein Spiel leiten dürfen, hängt von ihrer Leistung ab. Es bleibe also spannend, wer die Endspiele machen werde, die Schiedsrichter selbst würden es erst kurz vorher erfahren.

Zur neuen Turnierregel der Uefa hat Mehrl noch keine abschließende Meinung: So dürfen künftig nur noch Kapitäne direkt mit dem Schiedsrichter sprechen, egal wer betroffen ist. Alle anderen Spieler müssen sich zurückhalten, sonst drohe die gelbe Karte. „Wir sind gespannt, wie meine Kollegen das umsetzen werden und ob das bei einer Rudelbildung überhaupt funktionieren kann“, gibt er zu bedenken. Für ein Achtelfinalspiel konnte Mehrl zwei Karten ergattern, ansonsten will er sich die Spiele eher Zuhause anschauen. „Ein neues Sommermärchen wäre eine coole Sache.“

Alina Jäger, Abwehr FT Eintracht Schwandorf

Mit einem Torverhältnis von 77:15 ist die Damenmannschaft des FT Eintracht Schwandorf in dieser Saison Meister geworden. „Wenn die deutsche Elf so gut spielt wie wir, kann sicher nichts schiefgehen“, sagt Verteidigerin Alina Jäger und lacht. Sie ist absolut siegessicher, dass Deutschland Europameister wird: „Zumindest spielen wir oben mit.“ Besonders angetan hat es Jäger in dieser Saison Jonathan Tah von Bayer Leverkusen. Der Abwehrspieler des deutschen Meisters „beißt sich rein, hat immer eine gute Übersicht und scheut auch nie den Zweikampf“, lobt Jäger.

Sehr gut sei darüber hinaus die Mischung aus jüngeren und älteren Spielern. Da hätte Trainer Nagelsmann einen guten Job gemacht, auch wenn Jäger gern Hummels und Goretzka mitgenommen hätte. Sie hofft, dass während des Turniers keine Spieler verletzungsbedingt ausfallen. Das sei eine unterschätzte Gefahr, welche man natürlich nie vorhersehen könne. „Meiner Meinung nach jammern und weinen Männer im Fußball auch sehr schnell. Wir Frauen scheinen da härter zu sein“, sagt die Verteidigerin schmunzelnd. Die Männer sollten auch noch mehr auf ein ruhiges Gemüt beim Spiel achten, schlägt die Fußballerin vor.

Das neue rosa Trikot gefällt Jäger, es sei zumindest abwechslungsreich. Deshalb habe sie es sich auch zusätzlich zum normalen Trikot gekauft. Gerne hätte sich die Abwehrspielerin ein Spiel im Stadion angeschaut. Leider habe es mit den Karten nicht geklappt, wie bei so vielen anderen. Dass die Stimmung im Land nach dem ersten Spiel gegen Schottland frenetisch sein wird, davon ist Jäger überzeugt. „Wir werden das Eröffnungsspiel natürlich souverän gewinnen.“

Der Kader der Deutschen Nationalmannschaft

Tor: Manuel Neuer, Oliver Baumann und Marc André ter Stegen

Abwehr: Waldemar Anton, Benjamin Henrichs, Joshua Kimmich, Robin Koch, Maximilian Mittelstädt, David Raum, Antonio Rüdiger, Nico Schlotterbeck und Jonathan Tah

Mittelfeld: Robert Andrich, Chris Führich, Pascal Groß, Ilkay Gündogan, Toni Kroos, Jamal Musiala, Aleksandar Pavlovic, Leroy Sané und Florian Wirtz

Angriff: Maximilian Beier, Niclas Füllkrug, Kai Havertz, Thomas Müller und Deniz Undav

Ernst Jäckl ist Vorsitzender der GFT Oberpfalz. Foto: Josef Schaller
Andres Atkins ist der Mittelfeldmotor des ASV Burglengenfeld. Foto: Nicole Kirchberger
Mario Albert coacht den Landesligisten SV Schwandorf-Ettmannsdorf. Foto: Andreas Allacher
Wolfgang Hesel hat lange in der Bundesliga das Tor gehütet. Nun spielt er beim SV Schwandorf-Ettmannsdorf. Foto: Maja Hitij, dpa
Stefan Mehrl ist Kreis-Schiedsrichterobmann in Schwandorf. Foto: Florian Würthele
Alina Jäger ist die Abwehrchefin bei FT Eintracht Schwandorf. Foto: Katrin Jäger