Dieser Künstler lässt zeichnen: KI-Kunst in Regensburg

Von Marianne Sperb · 6. Juni 2024 um 18:00

Patrick Tresset dirigiert in Regensburg Roboter vor einer Menagerie ausgestopfter Tiere. Warum macht der weltberühmte Pionier das? „Das Schöne“, sagt er, „ist die Distanz.“

Die Passanten in der Tändlergasse stoppen unwillkürlich vor den bodentiefen Fenstern des Kreativzentrums Degginger. Was sie sehen, ist bizarr. An formschönen zierlichen Pulten ist da, wie die Musterknaben einer Schulklasse, eine kleine Schar Roboter am Werk, vor sich: eine Menagerie ausgestopfter Tiere.

Reh, Eule, Krähe, Biber, Iltis, Reiher, Fuchs, Eichhörnchen und Pfau – viele sind Leihgaben des Naturkundemuseums Ostbayern – stehen Modell, auf weißen Stelen um zwei Totenschädel arrangiert. Der schlichte Raum wirkt dank des Zoos der toten Tiere ein wenig wie eine Malstube anno dazumal. Klassisches Stillleben trifft auf Künstliche Intelligenz, Mensch auf Maschine, Kunst auf Philosophie, Vergänglichkeit auf Zukunft.

„Die Bilder gefallen mir besser als früher meine eigenen“, bekennt Patrick Tresset am Dienstag bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Animals, Man, Machine: Artificial Studies“ im Pop-up-Raum. Im Gespräch erlebt man den weltberühmten Kunstpionier beinahe verliebt in die Werke der Roboter, stolz wie einen Vater.

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Der 57-Jährige malt schon lange nicht mehr selbst. Er zeichnet nicht, er lässt zeichnen. Seine drei tüchtigen Boys verrichten ungerührt und stetig den Auftrag des Meisters – und zwar im Stil von Tresset. Sie imitieren den Duktus, arbeiten aber durchaus auch autonom und machen sogar Fehler, ziehen einen Strich zu lang, zeigen eine Ecke zu rund. Die Linie, die Mensch- und Maschinenkunst trennt, hier ist sie hauchdünn.

Am rechten Arm fokussiert die Linse einer Kamera den programmierten Ausschnitt des tierischen Arrangements im Raum, zoomt leise surrend, schwenkt zurück auf den Tisch und das festgepinnte Papier. Am linken Arm setzt ein Greifer mit eingeklemmtem Kugelschreiber Strich um Strich um Strich auf das weiße Blatt. Der Prozess mutet durchaus nicht maschinenhaft an, sondern bisweilen recht menschlich. Der Kuli fährt mal hochnervös über das Papier, hält dann wieder inne – überlegt er womöglich? – und strichelt weiter. Manchmal ist sogar Patrick Tresset irritiert von dem, was die Roboter treiben. „Was machst du da?“, fragt er plötzlich einen Zeichenarm und versucht zu erkennen, welches Motiv gerade entsteht. Nach einer Weile entspannt er: „Ah, jetzt! Das Reh!“

Nach zweieinhalb Stunden, so sind die Zeichenmaschinen programmiert, ist ein Bild fertig. Blatt um Blatt wird an die große Schauwand geheftet, bis alle Felder belegt sind und ein frischer Schwung Werke die alten ersetzt.

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Patrick Tresset, Franzose mit Lebensmittelpunkt Belgien, studierte ab 2004 an der Goldsmiths University in London, machte Abschlüsse in Kunst und Technik und bohrte, früher als die meisten, an der Schnittstelle von Kunst und KI. Ihn interessiert, was Menschen sind und können und wie sie etwas tun. Sein erstes Roboter-Werk war 2003 ein Selbstporträt, das ist mehr als 20 Jahre her. „Es dauerte lang, bis ich zufrieden war“, sagt er. Warum macht er das? „Das Schöne ist die Distanz.“ Roboter zeichnen ohne Emotion, fokussieren aufs Objekt. Patrick Tresset tritt sozusagen einen Schritt zurück, um dem Motiv wirklich nah zu kommen, frei von eigenen Prägungen und eigener Interpretation.

Große Museen reißen sich um den Vorreiter. Centre Pompidou, Prada Foundation Mailand, Tate Modern London, Today Art Museum Peking oder Grand Palais Paris stellen ihn aus, in zahlreichen Sammlungen ist er vertreten. „Ich bin schon lang hinter ihm her“, gesteht Regina Hellwig-Schmid, die Gründerin der Donumenta, die es ziemlich super findet, dass Patrick Tresset für die Ausstellung in der Donumenta-Reihe „Art Lab on the Move“ zu gewinnen war.

Als die letzten Gäste heimgehen, zeigt ein Blick ins KI-Atelier: Die Roboter waren fleißig. Wieder drei Bilder fertig.

Die Ausstellung ist bis 30. Juni zu sehen

Der Künstler: Patrick Tresset ist für performative Installationen, Zeichnungen und generative Computerarbeiten bekannt. Er erforscht die Darstellung menschlicher Erfahrungen mit Hilfe von Computersystemen, KI, Robotik und traditionellen Medien.

Die Ausstellung: „Animals, Man, Machine: Artificial Studies“ ist in der Donumenta-Reihe „Art Lab on the Move“ bis 30. Juni im Degginger (Wahlenstraße Regensburg) zu sehen (Mittwoch bis Sonntag, 14 bis 19 Uhr) – und jederzeit durch die großen Fenster.

Die Matinee: Im Naturkundemuseum Ostbayern (Am Prebrunntor) sprechen am 21. Juli (11 Uhr) Museumschef Wouter Vahl, Barbara-Sophie Höcherl (Künstlerin, Tierpräparatorin, Staudengärtnerin) und Künstlerin Elisabeth Peterlik über KI-Kunst; es moderiert Regina Hellwig-Schmid.