Feuerwehrpräsident ruft die Bürger dazu auf, sich wieder mehr selbst zu schützen

Trotz Problemen bei der Ausstattung ist sich Karl-Heinz Banse sicher: Deutschland hat das beste Feuerwehr-System der Welt. Den Präsidenten des Deutschen Feuerwehrverbandes plagen aber trotz breit aufgestellter Kinder- und Jugendwehren Personalprobleme, wie er im Interview erklärt.
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Das Interview im Wortlaut:
Die Experten sagen eine Zunahme von dramatischen Unwettern und Bränden voraus. Sind die Feuerwehren dafür gewappnet?
Karl-Heinz Banse: Das kann man schon sagen, wenn auch mit den einen oder anderen Abstrichen. Insgesamt können die Bürger davon ausgehen, dass ihnen von den Feuerwehren bei Notlagen geholfen wird. Wir sind mit unseren insgesamt einer Million Einsatzkräften an 32.000 Standorten für die meisten Gefahrenlagen gut gewappnet. Momentan sind wir gerade dabei, unsere Taktiken zu überarbeiten und den neuen Bedingungen anzupassen. Insgesamt verfügen wir weiterhin mit unserem dichten Netz an Berufs-, Freiwilligen und Werkfeuerwehren über das beste Feuerwehrsystem weltweit.
Ist die Politik in ausreichendem Maße bereit, Ihnen die notwendigen Mittel dafür bereitzustellen?
Banse: Die Kommunen sind zuständig dafür, die gesetzlich zugewiesenen Aufgaben vollends erfüllen zu können. Zusätzlich sind aber auch Landkreise beziehungsweise kreisfreie Städte sowie insbesondere die Länder als die zuständigen Katastrophenschutzbehörden gefordert, erforderliche Mittel und Ausstattung vorzuhalten. Man kann grundsätzlich sagen, dass es bei den Ländern angekommen ist, dass mehr getan werden muss. Im Augenblick passiert einiges. Aber es ist noch nicht genug. Wir brauchen beispielsweise mehr leichte geländegängige Fahrzeuge, um in schwierigem Gelände beweglich zu sein, und auch mehr Spezialfahrzeuge und Mittel im Bereich CBRN zur Abwendung von chemischen, biologischen und radioaktiven Gefahren. Wenn derzeit die Rede davon ist, dass man mehr für die Sicherheit tun und ausgeben muss, dann gilt das eben nicht nur für die äußere Sicherheit – Stichwort Ukraine. Auch die innere Sicherheit ist bedeutsam, und das schließt Antworten auf die Folgen des Klimaschutzes mit ein. Die Länder-Innenminister haben letztes Jahr gesagt, wir brauchen rund zehn Milliarden Euro für den Ausbau des Zivilschutzes, die der Bund und die Länder gemeinsam aufbringen müssten. Denn da gab es in den Jahrzehnten seit der Wiedervereinigung massive Versäumnisse.
Ist die deutsche Bevölkerung ausreichend vorbereitet für die Häufung an Naturkatastrophen?
Banse: Wir müssen wieder mehr an den Einzelnen appellieren, dass er sich selbst schützt. Gerade in den Ballungsgebieten meinen viele, es sei ja alles geregelt und wenn ich Probleme habe, kommt die Feuerwehr und hilft mir. Das tun wir auch, aber können es nicht in jedem Fall. Bei großen Schadenslagen müssen wir Prioritäten setzen. Da müssen sich die Menschen in stärkerem Maße auch selbst helfen. Wenn ich etwa in einem Gebiet nahe einem Flusslauf wohne, ist eine Tauchpumpe ganz hilfreich, um gegebenenfalls schnell das Wasser aus dem Keller zu pumpen. Und es hilft, wenn man ein paar Sandsäcke vorhält, um Hauszugänge notfalls abzusichern.
Bekommen Sie denn gerade bei den Freiwilligen Feuerwehren genug Nachwuchs?
Banse: Da hat sich in den letzten Jahren sehr Erfreuliches getan, was viel zu tun hat mit der Gründung von Kindergruppen in den Feuerwehren für Kinder von sechs bis zehn Jahren. Hierfür wurden die jeweiligen Landesfeuerwehrgesetze vor rund zehn bis 15 Jahren geändert. Wir haben im Augenblick etwa 330000 Mädchen und Jungen in unsere Kinder- und Jugendfeuerwehren, so viel wie noch nie. Probleme gibt es dann aber vielfach beim Übergang in den aktiven Dienst, wo wir zu viele junge Menschen verlieren. Das hängt vornehmlich damit zusammen, dass junge Männer und Frauen sich dann beruflich orientieren, studieren und damit ihren Heimatort verlassen. Ebenfalls Probleme haben wir bei der Sicherung der Tages-Alarmbereitschaft, weil viele Menschen nicht mehr da arbeiten, wo sie wohnen. Wenn Alarmierungen kommen, machen wir es inzwischen zunehmend so, dass wir nicht nur eine Feuerwehr in Alarmbereitschaft versetzen, sondern zwei, drei oder noch mehr.
Würde den Feuerwehren ein soziales Pflichtjahr helfen, ihren Bedarf zu decken?
Banse: Als die Wehrpflicht noch nicht ausgesetzt war, konnten die jungen Männer mit einem mehrjährigen Wehrersatzdienst bei der Freiwilligen Feuerwehr ihren Dienst ableisten. Ich bin dafür, die Wehrpflicht wieder einzusetzen – mit eben dieser alternativen Möglichkeit des Ersatzdienstes parallel zu einem sozialen Pflichtjahr, wie es früher der Zivildienst war. Junge Menschen, die sich bislang schon in den Feuerwehren engagieren, würden hierfür Wertschätzung erfahren, und für andere stellen sich neue Perspektiven dar.
Sind auch Sie zunehmend von Gewalt und Anfeindungen bei Einsätzen betroffen?
Banse: Leider Gottes ist das so. Wir erleben das inzwischen bundesweit. Laut einer Umfrage bei der Freiwilligen Feuerwehr haben von mehr als 6000 befragten Feuerwehrleuten mehr als die Hälfte angegeben, dass sie bei Einsätzen schon verbale und physische Gewalt erlebt haben. Das ist allerdings nicht nur ein Problem der Feuerwehren, sondern ein gesellschaftliches.