Beim Kunstverein Graz: Skurrile Mischwesen und intime Szenen

Von Michael Scheiner · 27. Mai 2024 um 18:00

Luzie Bommert und Nina Dobner untersuchen in einer Doppel-Ausstellung innere Form und äußere Hülle – mit sehr unterschiedlichem Ergebnis. Der Anspruch wird nur teilweise erfüllt.

Mischwesen von Mensch und Tier, Chimären also, gehören zu den ältesten Darstellungen der Menschheitsgeschichte; einige der bekanntesten sind Sphinx, Kentauren und der Waldgott Faun. Luzie Bommert scheint bei ihrem Werk „I am a catch (exploring the option of becoming a fish)“, aktuell zu sehen beim Kunstverein Graz, an eine Meerjungfrau gedacht zu haben. Bei der kleinen, auf Seide gemalten Monotypie hängt ein Fischkörper mit weiblichen Kopf an einem Angelhaken, umspült von wellenartigen Farbspritzern. Mit dem durchaus gruseligen Motiv, das in der Ausstellung „inner shape – outer shell“ in abgewandelter Form noch einmal auftaucht, knüpft die Künstlerin, die in Bergen studiert, auch an „Die Fliege“ an. In diesem von Kurt Neumann inszenierten SF-Horror-Klassiker hängt am Ende eine Fliege mit Menschenkopf im Spinnennetz fest.

Gefangensein und Gefressenwerden als Ausdruck beklemmender innerer Vorstellungen findet man bei der Wiener Künstlerin auch in der Fotoradierung „swallowing myself“. Mit weit aufgerissenem Mund, einer Reminiszenz an das legendäre Cover von King Crimsons Debütalbum, ist sie dabei, sich selbst zu verschlingen. Die albtraumhaften, surrealen Szenen scheinen so gar nicht mit Bommerts weiteren Ölbildern zusammenzugehen, auf denen glotzäugige Kühe auf Weiden grasen oder verwaschene bergige Landschaften mit einer Hand davor wie mit der Handykamera abgebildet sind.

Es sind Facetten innerer Befindlichkeiten und emotionaler Zustände als Ausdruck einer Persönlichkeit. Damit entsprechen Bommerts Arbeiten deutlicher dem selbst gesteckten Anspruch, weisen zumindest teilweise über das eigene Ego hinaus in die Sphäre des Allgemeinen.

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Anders die Zeichnungen und gemalten Selbstporträts, die Nina Dobner aus Regensburg in der Doppel-Ausstellung in den neuen Graz-Räumen neben der Kultkneipe Apotheke in der Rote-Hahnen-Gasse präsentiert. Zwar zeigt sich die Absolventin des Master Studiengangs Bildende Kunst und Ästhetische Erziehung der Regensburger Uni durchaus offen und ungeschminkt in sitzenden, stehenden und kauernden Akten. Ein Vorgang der Mut erfordert und Respekt verdient. Allerdings muten ihre handwerklich sauber und sorgfältig gestalteten, dabei etwas altbacken wirkenden Darstellungen eher wie Selbstbespiegelung an denn als „Abbildung, die mehr als die äußere Erscheinung“ wiedergibt, wie es in der Beschreibung der Ausstellung heißt. Dem eigenen Anspruch, „ihr Inneres nach außen zu bringen“, wird Dobner mit Zeichnungen, die an Rodin erinnern, ohne dessen Spannung und Kraft zu erreichen, nur sehr bedingt gerecht. Mit dem großformatigen ausdrucksstarken Gemälde „bedroom scene“ allerdings liegt sie deutlich näher an den selbst gesteckten Erwartungen. Andere Bilder bleiben an der Oberfläche und bieten wenig Anreiz, sich intensiver mit ihrer Ästhetik auseinander zu setzen.

Sich mit der eigenen Identität zu befassen, liegt im Trend. Den gesellschaftlichen Hang zur Selbstbespiegelung künstlerisch zu verarbeiten, ist eine Herausforderung. Hier wird sie zu wenig aufgegriffen.

Die Ausstellung „inner shape – outer shell“ beim Kunstverein Graz ist bis 8. Juni zu sehen, bis 30. Juni im Schaufenster.