Friseur-Bezirksobermeister Mike Hecker im Interview: Die Sorge um den Nachwuchs ist groß

Von David Santl · 22. Mai 2024 um 15:00

Mike Hecker aus Bad Gögging (Landkreis Kelheim) ist neuer Bezirksobermeister der Oberpfälzer Friseur-Innungen. Im Interview mit der Mittelbayerischen Zeitung spricht er über das niedrige Ausbildungsgehalt, unfaire Bewertungen – und verrät, ob uns bald KI-gesteuerte Roboter die Haare schneiden werden.

Herr Hecker, es gibt heutzutage viel zu wenig Friseure. Wie schlimm ist es im Landkreis Kelheim?

Mike Hecker: Tatsächlich ist der Personalnotstand extrem hoch, auch bei uns im Landkreis. Ich kenne Kollegen, die die Öffnungszeiten kürzen müssen und einen zweiten freien Tag in der Woche machen, weil sie das personell nicht mehr abdecken können.

Sieht man sich Statistiken an, ist die Friseurausbildung vergleichsweise sehr schlecht bezahlt. Laut Bundesinstitut für Berufsbildung lag die durchschnittliche Ausbildungsvergütung 2023 in Westdeutschland bei Zimmerern bei 928 Euro, bei Malern bei 782 Euro und bei Friseuren nur bei 596 Euro. Wie soll das überhaupt junge Leute für den Beruf begeistern?

Hecker: Inzwischen gibt es im Handwerk eine Mindest-Ausbildungsvergütung von 649 Euro im ersten Lehrjahr. Die gilt auch für Friseure. So groß sind die Unterschiede zu anderen Handwerksberufen also gar nicht mehr.

Trinkgeld ist ein großer Faktor

Aber die Unterschiede sind da...

Hecker: Man darf aber auch nicht vergessen, dass im Friseur-Handwerk sehr viel Trinkgeld gegeben wird. Wenn man das aufrechnet mit Handwerks-Berufen, wo es kein Trinkgeld gibt, dann ist der Friseur ganz schnell nicht mehr so schlecht gestellt.

Besorgniserregend ist der Nachwuchsmangel trotzdem, oder?

Hecker: Klar, die Sorge ist sehr groß. Angst, dass unser Handwerk ausstirbt, habe ich aber nicht. Dazu macht der Beruf zu viel Spaß. Momentan werden ausgebildete Friseure weniger. Denn wenn die Betriebe kleiner werden, wird es schwieriger, einen Ausbilder und einen Azubi zu beschäftigen.

Es muss ja auch das Gehalt gestemmt werden und es gehört Zeit dazu, jemanden auszubilden. Da hat man dann schnell mal nicht die Möglichkeit dazu. Zeitgleich gibt es in unserem Beruf aber immer mehr Leute, die gar keine Ausbildung haben.

Ist Schwarzarbeit also nicht nur auf dem Bau ein Problem, sondern auch im Friseurberuf?

Hecker: Das gab es bei uns schon immer. Aber Corona war für die Schwarzarbeit im Friseurhandwerk wie ein Katalysator. Die Leute haben sich Alternativen gesucht und zumindest das Haareschneiden ist zuhause auch leicht erledigt.

Ist der Friseur nicht mehr alternativlos? Barbershops sind zum Beispiel ziemlich im Trend.

Hecker: Auch der Barber schneidet Männern die Haare und pflegt ihnen den Bart. Das ist bei uns seit jeher verankert. Der Trend zum Bart steigt wieder und wird von Barbern jetzt aufgegriffen. Im Endeffekt macht er aber nur einen Bruchteil von dem, was ein Friseur macht. Es gibt renommierte Barbershops, die einen Meisterbrief haben. Leider haben wir es auch mit vielen schwarzen Schafen zu tun, die Läden eröffnen ohne Qualifikation.

Haare schneiden kann theoretisch jeder. Einen guten Friseur macht das aber nicht aus.

Hecker: Natürlich ist das Haareschneiden noch immer unser wichtigster Aspekt, aber gerade bei Frauen ist das Färben ein großes Thema. Hier ist das Handwerk sehr speziell geworden. Da brauchen die Frauen absolute Fachkräfte. Das zeigt auch, warum die Friseurausbildung so wichtig ist.

Trotz aller Herausforderungen stehen Sie wie kaum ein anderer für das klassische Friseurhandwerk. Was reizt Sie daran?

Hecker: Es ist ein absolut vielseitiger und kreativer Beruf. Nicht jeder ist für ein Büro geeignet. Wir hatten Leute, die andere Ausbildungen angefangen haben und gemerkt haben, dass sie diese im Vergleich zu unserem Handwerk langweilig finden. Alle halbe Stunde einen neuen Kunden auf dem Stuhl sitzen haben, nette Gespräche führen und freundschaftliche Beziehungen entwickeln: Das kann in dieser Fülle kein anderes Handwerk bieten.

Aber es gibt auch sicher schwierige Kunden?

Hecker: Das schreckt laut einer Umfrage auch die meisten potenziellen Azubis ab – sogar noch stärker als das Gehalt. Es gibt Leute, die Angst davor haben, auf schwierige Kunden eingehen zu müssen.

Haben Friseure auch mit schlechten Bewertungen im Internet zu kämpfen?

Hecker: Ja. Früher hat der Friseur geschaut, dass sein Ruf im Ort tadellos ist. Heute hat er natürlich das Problem, dass im Internet vieles anonym läuft. Da kommen schon zum Teil auch verletzende Kommentare in Bewertungen, die einfach der Unwahrheit entsprechen und die Mitarbeiter ungerecht beurteilen.

Was bringt die Zukunft für Friseure?

Herausforderungen gibt es im Friseurhandwerk also genug. Wie könnte die Politik dem Friseur von nebenan helfen?

Hecker: Mittlerweile gibt es bei uns immer mehr Bürokratie. Wenn man alles so machen will, wie man es machen müsste, käme man nicht mehr zum Haareschneiden. Es braucht also einen Bürokratieabbau. Außerdem will die Politik immer mehr Meister und Führungskräfte generieren. Das ist aber gar nicht unser Problem. Was wir eigentlich bräuchten, um Leute auszubilden, wären Betriebe, die Mitarbeiter haben. Die Gesellen sind diejenigen, die gefragt wären. Führungskräfte und Meister haben wir zuhauf.

Werfen wir noch einen Blick in die Glaskugel. Stimmt sie die Zukunft des Berufs optimistisch?

Hecker: Der Beruf wird sich total positiv entwickeln. Immer wenn Personal knapp ist, wird der Beruf exklusiver. Das ist für die Leute, die den Beruf jetzt ergreifen, was Besonderes, weil sie ein Handwerk ausüben, das immer weniger können.

Spricht man über die Zukunft von Berufen, kommt man an Künstlicher Intelligenz nicht vorbei. Machen uns bald KI-gesteuerte Roboter die Haare schön?

Hecker: (lacht) Es gibt ja Studien, in welchen Berufen KI eine Rolle spielen wird. Und ich glaube, dass unser Friseurberuf da ganz, ganz hinten irgendwo rangiert. Ich kann mir schon vorstellen, dass in Sachen Frisur-Beratung KI irgendwann eine gewisse Rolle spielt. Aber das Handwerk an sich wird man nie ablösen können.

Der Haar-Experte:

Aufgaben: Mike Hecker ist Obermeister der Friseurinnung Kelheim, Vorstandsmitglied im Landesinnungsverband und Oberpfälzer Bezirksobermeister. Das liegt daran, dass die Kelheimer Innung dem Bezirk Oberpfalz zugeordnet ist. Damit ist er das Bindeglied zwischen Innungen und Landesverband. Auf Landesebene ist er Vorsitzender im Ausschuss für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit.

Zahlen: In der Friseurinnung Kelheim, Mainburg und Riedenburg gibt es aktuell 48 Mitgliedsbetriebe. Im Bezirk Oberpfalz (inklusive Kelheim) gibt es rund 300 Mitgliedsbetriebe.

Trends: Männer tragen laut Hecker weniger Einheits-Haarschnitt, sondern auch wieder längere Haare. Bei den Frauen werden die Haare viel gefärbt. Trends entstehen oft in sozialen Medien.