Tage Alter Musik enden mit frenetischem Beifall

Zwei herausragende Konzertereignisse erlebte das Publikum zum Abschluss des berühmten Festivals: mit Marco Beasley und dem Ensemble Constantinople im Reichssaal und Händels „Samson“ in der Dreieinigkeitskirche.
Auf der Zielgeraden der Tage Alter Musik standen zwei außergewöhnliche Konzertereignisse, die verschiedener nicht hätten sein können und doch in eine Beziehung zueinander traten, die sich auf den ersten Blick gar nicht aufdrängte. Denn die scheinbare Exotik des Konzerts von Marco Beasley und der kanadischen Formation Con-stantinople mit ihrem Leiter Kiya Tabassian im übervollen Reichsaal schlug nicht nur die Brücke zwischen Orient und Okzident, sondern löste Kulturgrenzen auf, verschmolz westliche und orientalische Musik des Mittelalters und der Renaissance zu einem Ganzen.
Stimmte Marco Beasley, der charismatische Meister des frühbarocken Gesangs, italienische Liebeslieder aus seinem kleinen Büchlein in der Begleitung osmanischen Instrumentariums (die persische Laute Setar oder die arabische Zither Kanun) an, dann war meist nur noch schwer auszumachen, was von wem getragen wurde, welcher Stil der Vordergründige. Und wenn auch noch Kiya Tabassian im anrührenden, venezianischen Lied „tu dormi Libro“ als Duettpartner von Beasley hinzutrat, waren Orient und Okzident kaum mehr voneinander zu trennen.
Die Instrumentalstücke wirkten irgendwann improvisiert, ähnelten erstaunlich in Machart und Struktur einer fiebrigen Jazzsession. Die finale furiose Tarantella versetzte das Publikum schließlich vollends in Verzückung und verschob die Horizonte, jenseits der üblichen Auffassung historischer Aufführungspraxis und ihrer Verengung auf westliche Musiktradition.
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Wer anschließend unter diesem Eindruck in die Dreieinigkeitskirche zu Händels barocken Oratorium „Samson“ eilte, konnte in der fast drei Stunden dauernden Aufführung erstaunlich faszinierende Parallelen zu den orientalischen Floskeln und Verzierungen finden, allerdings freilich nicht in der deutlich engeren persisch-osmanischen Harmoniestruktur.
Die Capella Cracoviensis unter der Leitung von Jan Tomasz Adamus hatte zusammen mit dem sechsköpfigen Solistenensemble tatsächlich ein dickes Brett zu bohren. Die Geschichte des alttestamentarlichen Helden Samson in seinen Rezitativen, Chören und Arien scheint schier endlos und ist doch von Georg Friedrich Händel geschickt gewoben und dramaturgisch aufgeladen. Vom Cembalo aus trieb Adamus das Geschehen unaufhörlich an, kannte wohl die Tücken und Längen der Partitur und verlangte in allen Partien stets nach hohen Tempi. Das setzte die renommierte Solistenriege Rebecca Bottone, Joanna Sojka (Soprane), Xavier Sabata (Countertenor), Zbigniew Malak und Robin Bailey (Tenöre) sowie Lisandro Abadie als Bass manches Mal sichtlich unter Stress in den Rezitativen und verlangte nach reaktionsschnellen Anschlüssen. Deshalb wackelte es hin und wieder leicht in diesen Momenten, was aber den Eindruck einer durchdachten Interpretation und Dramaturgie nie trübte – dafür war die grundsätzliche Güte und Qualität der Instrumentalisten und Sänger einfach zu gut.
Herausragend war die klangschöne Schlagkraft des kleinen, nur 16 Mitglieder zählenden Chors, der in bester Balance zum ebenso klangreichen Orchester stand. Jedes Register schien bestens besetzt, Jan Tomasz Adamus konnte sich traumwandlerisch auf die Interaktion verlassen.
Dem tadellos singenden Zbigniew Malak fehlte in seiner Titelrolle als geblendeter und verzweifelter Samson lediglich mehr Drama. Auch Xavier Sabata bestach als Micah mit warmen Timbre, fand aber auch – wie im Grunde das gesamte Solistenensemble – erst im dritten Akt zu einem extrovertierten und zwingenden Ausdruck.
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Überhaupt nahm die Aufführung zum Ende hin Fahrt auf und drängte in dramaturgischer Verdichtung zum Finale, hin zum berühmten und vom Publikum sehnsüchtig erwarteten Trauermarsch. Der würdige und mächtige Abschluss der 39. Tage Alter Musik wurde dann auch zu Recht frenetisch gefeiert, der Mut der Macher einmal mehr belohnt für eine erneut große Vielfalt und Authentizität über 16 Konzerte hinweg. Im nächsten Jahr wird dann das 40-jährige Bestehen gefeiert. Einfach unglaublich.
Die Tage Alter Musik
Das Festival: Die Tage Alter Musik zählen zu den bedeutendsten Konzertreihen ihrer Art. Künstler und Besucher des von Publikum wie Kritikern gefeierten Festivals kommen aus aller Welt.
Die Macher: Das Festival ist aus einer privaten Initiative entstanden und wird gelenkt von den Gründern Ludwig Hartmann und Stephan Schmid sowie Paul Holzgartner.