691 Reiter erneuern das Gelöbnis des Kötztinger Pfingstrittes aus dem Jahr 1412

Der Legende nach folgen die Kötztinger einem Gelöbnis aus dem Jahr 1412, wonach sie sich alle Jahre am Pfingstmontag auf geschmückten Rössern auf den Weg nach Steinbühl und wieder zurück machen. Eine der größten berittenen Wallfahrten Europas war auch dieses Jahr wieder ein beeindruckendes Beispiel gelebten Glaubens in der Stadt und der gesamten Region, und aus polizeilicher Sicht übrigens ohne Vorkommnisse.
Bei bestem Reiter-Wetter füllten sich ab dem frühen Morgen die Straßen der Innenstadt mit den Pferden und ihren Reitern. Pünktlich um 8 Uhr setzte sich die Prozession mit dem Kreuzträger an der Spitze in Bewegung, während Tausende Zuschauer an der Prozessions-Strecke entlang auf die Reiter warteten.
Vom Veitsplatz auf Areopag
Betend folgten die 691 Pfingstreiter dem Kreuz und dem Allerheiligsten, das der Geistliche Offiziator Kaplan Alexander Ertl in der Monstranz mit sich trug. In Steinbühl feierte der Kaplan mit Pfingstreitern und vielen weiteren Gläubigen die Messe, die dieses Jahr wegen der Sanierungsarbeiten an der Kirche St. Nikolaus als Feldmesse zelebriert wurde, und zwar vor dem Leichenhaus.
Bilder vom Pfingstritt finden Sie hier: 691 Reiter zogen von Bad Kötzting nach Steinbühl: Impressionen vom 612. Pfingstritt
Bei Temperaturen gut über 20 Grad und Sonnenschein war der Pfingstmontag geradezu gemacht für die Feldmesse, die Kaplan Alexander Ertl gemeinsam mit mehreren ehemaligen Kaplänen der Stadt zelebrierte. In seiner Predigt an der für den Pfingstmontag ungewöhnlichen Stätte ging es dem Geistlichen um „Begeisterung“.
Weitere Beiträge und Bilder: Pfingsten in Bad Kötzting
Die sei etwas, das man nicht verordnen können – nicht in der Politik und auch nicht in anderen Bereichen des Lebens. „Begeisterung stellt sich einfach ein – aber wie?“, fragte der Geistliche Offiziator des Pfingstrittes. Der Geist der Wahrheit, so wie ihn Jesus den Menschen vorgelebt habe, lasse die Herzen der Menschen erleuchten, wenn sie es selbst auch zuließen, wenn sie sich begeistern ließen.
Auch wenn die Pfingstreiter-Messe dieses Jahr im Freien gefeiert werden musste, wich sie nicht vom bekannten Ablauf der vergangenen Jahrzehnte ab. So wurde auch im Freien die Schubert-Messe gesungen.
Am Ende war es Kaplan Alexander Ertl aber doch ein Anliegen, sich besonders bei all denjenigen zu bedanken, die den Gottesdienst an diesem Tag überhaupt erst möglich gemacht hatten. Hauptverantwortlich seien dafür Inge Zach, Paul Graßl und Sepp Gogeißl, aber natürlich auch noch viele weitere gewesen, bei denen sich der Geistliche ausdrücklich bedankte. Da es dieses Jahr nicht möglich war, in der Pfingstreiterkapelle allen verstorbenen Teilnehmern der Wallfahrt zu gedenken, wurde auch das zum Ende des Gottesdienstes unter freiem Himmel getan.
Danach hatten die Pfingstreiter noch eine Stunde Zeit, um sich auf den Ritt zurück nach Bad Kötzting vorzubereiten. Pünktlich um 12 Uhr setzte sich die Prozession dann wieder in Bewegung, die Spitze kam gegen 13.20 Uhr am Platz vor der Kirche St. Veit im Herzen der Innenstadt an, wo ein unfallfreier und auch im Ablauf reibungsloser Pfingstritt mit
Bevor die dieses Jahr 35 Reiter, die 25, 40, 50 oder 60 Mal an der Wallfahrt teilgenommen haben, ihre Erinnerungsfahnen und -bänder erhielten, wandte sich der Kaplan erst noch mit einer Ansprache an die Zuschauer und besonders den Pfingstbräutigam dieses Jahres, Andreas Kolbeck.
„Wir sind gut zurückgekommen von unserem Ritt mit 691 Teilnehmern. Jetzt stehen wir am Veitsplatz. Ich möchte an dieser Stelle an einen anderen Marktplatz erinnern“, begann Alexander Ertl. „Begeben wir uns auf den Areopag in Athen. Dorthin ging der Apostel Paulus, wo das Leben pulsiert, wo es um Leistung geht, um Wettbewerb, um Gemeinschaft, auch um Egoismus und Populismus.“ Der Apostel sei dort hingegangen, wo die Wirtschaft das Sagen habe. „Und er redet von Du zu Du, nicht vom hohen Ross herunter.“
Paulus habe die Menschen mit der Botschaft Jesu vertraut machen wollen. „Mich fasziniert das immer wieder. Die Menschen sind neugierig und fragen ihn: ,Können wir erfahren, was das für eine Lehre ist, die du uns verkündest?‘ Und Paulus antwortet: ,Keinem ist Gott fern. In ihm bewegen wir uns, in ihm sind wir.‘“ Gott sei nicht das, wozu ihn die Menschen machten. „Das wäre Götzendienst. Sondern Gott ist das, wie er sich den Menschen und seiner Schöpfung geschenkt hat.“ Beim Pfingstritt Ritt sei in der kleinen Monstranz, die er gehalten habe, eine gewandelte Hostie – ganz unscheinbar. „Viele werden das sogenannte ,Allerheiligste‘ gar nicht wahrgenommen haben“, sagte der Kaplan. Nach dem katholischen Glauben sei es aber Jesus Christus selbst, die „Auferstehung und das Leben“.
Wie Paulus sollten auch die Menschen heutzutage die Botschaft des Evangeliums in einer Sprache des Friedens sagen. !Ich sage das mit Absicht, weil ich eine Verrohung der Sprache wahrnehme. Ich meine nicht die Deftigkeit im Ausdruck, die manchmal notwendig ist, um Klarheit zu haben. Mich treibt eher die zunehmende Ehrfurchtslosigkeit in unserer Gesellschaft um“, sagte der Kaplan. Er appelliere, „dass wir behutsam und gewaltlos übereinander und miteinander reden. Mir geht es darum, dass wir auf den Marktplätzen unseres Lebens einander mit Respekt begegnen.“
Feiern mit Pfingstbrautpaar
Nach seiner Ansprache übergab der Kaplan das Tugendkränzchen an den diesjährigen Pfingstbräutigam Andreas Kolbeck, um anschließend auch noch die langjährigen Teilnehmer an der Wallfahrt mit Fahnen und Bändern zu ehren. Danach ging der kirchliche in den weltlichen Brauch über und die Bürger der Stadt feierten beim Umzug mit den Gästen aus nah und fern gemeinsam mit dem Pfingstbrautpaar in den Straßen der Innenstadt.
