Behinderte in die Arbeitswelt einbeziehen

Cham. Eine „scharfe Pepperoni“, eine kleine, bunte Skulptur aus Pappmaché, war das Gastgeschenk für die bayerische Staatsministerin Ulrike Scharf in Anspielung auf ihren Familiennamen, die am frühen Donnerstagabend auf Einladung von MdL Dr. Gerhard Hopp und in Begleitung von Landrat Franz Löffler die Behindertenwerkstätten Oberpfalz besuchte. „Wir wünschen uns, dass für die Beschäftigten scharf gekämpft wird“, schuf Geschäftsführerin Katharina Keber eine weitere Verbindung zu dem Unikat aus der eigenen Werkstatt.
Man sei stolz, die Ministerin für Familie, Arbeit und Soziales hier willkommen zu heißen, gerade in einer Zeit, in der es rund um die Werkstättenlandschaft viele Gesetzgebungsänderungen gebe und Themen komplett neu aufgerollt würden.
Die Teilnehmerrunde
Keber begrüßte auch Altbürgermeister Leo Hackenspiel, Vorsitzender der Lebenshilfe, Maximilian Heigl, Kreischef des VdK, Thomas Dorner, Vorsitzender des Werkstattrates, Thomas Schießl, Leiter der Sozialdienste der Werkstätten, Verwaltungsangestellte Johanna Kerscher und zwei junge Praktikantinnen aus Tschechien.
Keber vermittelte einen Überblick über die Einrichtung zur beruflichen und sozialen Integration von Menschen mit verschiedensten Behinderungen (siehe Infoteil). Im ZiP, dem Zentrum für industrielle Produktion, werde gezielt daran gearbeitet, Menschen mit psychischen Erkrankungen Hilfestellung zu geben und ihnen, soweit möglich, die Rückkehr auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Zudem würden in Bad Kötzting Zweigwerkstätten und in Cham zwei Wohnheime unterhalten. Es existierten noch Produktionswerkstätten (P-Werkstätten) und Gruppenwerkstätten (G-Werkstätten), die stärker auf die individuelle Förderung und die sozialen Aspekte der Arbeit ausgerichtet seien. Sie werde es in dieser Form bald nicht mehr geben. Gerade sei auch eine neue Namensgebung im Gange.
Beim Betriebsrundgang wurden weitere politische und gesetzliche Themen angesprochen. Eines der Herzstücke der Werkstätten sei die Dreherei. „Unsere Auftragslage ist gut, weil wir zum Glück weltweit Standardteile im Fertigungsbau der Autoindustrie liefern, unabhängig, ob ein E-Auto oder ein Verbrenner produziert wird“, erklärte Keber. Um arbeitsmarktnahe Prozesse vorzubereiten, gebe es immer mehr Hightech, wozu es IT-Fachleute und IT-Anwendungen brauche.
Das Grundgebäude stamme aus 1972, man saniere stückchenweise. Keber sprach von einer Art Teufelskreis: „Wir wollen hohe Löhne ausschütten (Durchschnittslohn 450 Euro im Monat; in Deutschland 223 Euro), brauchen aber dann auch entsprechende Kunden, deren Anforderungen wir erfüllen können.“
Scharf stellte klar, dass durch die Ausgleichsabgabe, die Arbeitgeber entrichten müssen, die nicht die gesetzlich vorgeschriebene Zahl von behinderten Menschen beschäftigen, jährlich 24 Millionen Euro für die Sanierung und Erweiterung der Werkstätten zur Verfügung standen. Nun müsse aber dieses Geld laut Bundesgesetz zur Finanzierung von Maßnahmen zur Integration in den Arbeitsmarkt verwendet werden.
Großer Fan von Werkstätten
Scharf bekannte, ein großer Fan von Werkstätten zu sein. Doch die Philosophie, dass alle auf diesem ersten Arbeitsmarkt eine Chance hätten, stimme einfach nicht. Für Dorner ist dabei das verlangte Tempo nicht zu bewerkstelligen. Hinzu komme die fehlende Berufsausbildung.
Schießl sah Schwierigkeiten von der Altersstruktur her: weniger Belastbarkeit und viele Abgänge in den nächsten Jahren. Man sei bestrebt, durch Betriebspraktika und Außenarbeitsplätze den Beschäftigten ein reguläres Arbeitsverhältnis zu ermöglichen. Außerdem herrsche große Unsicherheit, zu hören, dass der Bildungsbereich eventuell aus dem Werkstattsystem ausgeklammert werde. Man wolle die Qualität der beruflichen Bildung permanent weiterentwickeln, so ab Herbst mit einem Zertifikatslehrgang Altenpflege. Weitere Kurse sollen nach und nach in bis zu neun Bereichen möglich sein.
Landrat Löffler ging auf das neue Bundesteilhabegesetz ein. Darin sei definiert, dass für jeden Menschen ein individueller, auf seine Bedürfnisse zugeschnittener Arbeitsplatz angeboten werde. Das müssten der Kostenträger und die Werkstätten als Durchführer umsetzen. Er frage sich, ob das der Weisheit letzter Schluss sei, denn schon bisher habe man Hilfeleistungen angeboten, Menschen zu integrieren.
Besichtigt wurden weiter das Kunstatelier sowie Montageräume mit Schweißgeräten, an denen Menschen im Rollstuhl arbeiten. Dieses Jahr seien 15 Menschen mit Behinderung als Sicherheitsbeauftragte ausgebildet worden. Scharf offenbarte, es gebe in Bayern 158 Werkstätten, die 37000 Arbeitsplätze bieten und nicht unterschiedlicher sein könnten. Sie sei froh, diesen Betrieb mit seinen hochqualifizierten Arbeitsplätzen kennengelernt zu haben.
