In der ehemaligen Nibelungen-Kaserne: Besser kann man Geschichte nicht fälschen

Aberwitzig, humorvoll und manchmal auch beklemmend: Florian Toperngpong und Peter Engel inszenieren drei Epochen in drei gefakten Amtsstuben. Hitler landet auf dem Müll der Weltgeschichte, die US-Army wirbt mit Coke und Burger.
Welcome to Skelly’s Diner! Im Foyer des wuchtigen Hauses mit der Adresse Fort-Skelly-Straße 19, mitten im Areal der früheren Nibelungenkaserne, wirbt ein US-Kiosk für Burger, Coke und Bavarian Pretzels. „Open tomorrow“ kündigt ein Schild an der verschlossenen Durchreiche an, nur: Dieses Morgen, es wird nie kommen. Aber vom Gestern gibt’s hier reichlich.
Florian Toperngpong und Peter Engel, ausgebuffte Kunst-Brüder im Geiste, betanzen leichtfüßig und schlitzohrig die knapp 100 Jahre lange Zeitlinie der Kaserne und schicken Besucher auf Achterbahnfahrt, hinunter in braune Vergangenheit und hinauf in beginnende Demokratisierung und junge Bundesrepublik. Drei Amtsstuben, in den Foyers von drei Etagen als Reliefs angedeutet, beamen Besucher in drei prägende Phasen des Hauses: ab 1941 Kaserne für die Flakartillerie von Hitler-Deutschland, bis 1964 Quartier der US-Army und bis 2007 Bundeswehr-Kaserne.
Zuletzt baute das Studierendenwerk Niederbayern-Oberpfalz den Koloss sensibel und mit sichtbarem Bauherrenstolz in ein Gästehaus für Studierende und Dozierende um – und beauftragte die Künstler, die bewegte Geschichte sichtbar zu machen. Eine gute Idee! Für ihre Intervention haben Toperngpong und Engel unbedingt einen Tusch verdient.
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Eine Basis lieferten Bernhard Löffler, Uni-Professor für Bayerische Landesgeschichte, und Studierende, die tief in der Historie gruben. Statt dann Staubfänger-Stellwände zu beschriften, erzählt das Künstler-Duo nun kleine Geschichten. Das ist augenzwinkernd gemacht, mit viel Fake und vielen authentischen Sächelchen angereichert und so humorvoll inszeniert wie präzise recherchiert.
Die Story beginnt da, wo sich das Land 1945 befindet: im Keller. Tisch und Stuhl wachsen aus der Wand, daneben ist – könnte ja sein, man muss flüchten – eine Metallluke vermauert. Ein Schaubild weist den rettenden Weg durch ein Tunnelsystem bis zur Donau, wo ein U-Boot wartet. Oft muss man lachen über die aberwitzigen Einfälle, oft wird einem auch ganz schön blümerant. Ein Schränkchen hütet in akkurat nachgemachten Schachteln „Fliegermarzipan“, „Panzerschokolade“ und wie die Droge Pervitin, die Hitlers Truppen bei Kampflaune hielt, noch so hieß. Ein echter Brief vom 9. November 1944 an „Anny + Albertl“ belegt, wie die Menschen sich an Kleinigkeiten klammerten, um die Großkatastrophe auszublenden. Eine Fläche im Putz hebt sich fein ab: Hier hing wohl ein Bild? Florian Toperngpong deutet nach unten, auf das Stück Papierkorb, das aus der Wand ragt: „Da liegt er.“ Tatsächlich: Hat doch, wie sich erspähen lässt, glatt jemand das Porträtfoto von Adolf Hitler in den Müll gepfeffert.
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Der aberwitzige Ritt durch die Weltgeschichte, die sich hier wie im Brennglas spiegelt, setzt sich im Erdgeschoss fort. „Skelly’s Diner“, leicht kitschig und mit Stars&Stripes-Tamtam dekoriert, flankiert eine Amtsstube der US-Army. Ein Baseballschlager lehnt so lässig und täuschend echt in der Ecke, dass man ihn greifen will – bloß dass er fest verschraubt ist, wie alles hier. Wie der Rahmen, in dem Fotos von Panzer-Attrappen hängen, mit denen sich Truppenbewegungen vortäuschen ließen. Die potemkinschen Panzer gab es wirklich, die aufblasbaren Modelle an der Wand sind aber erfunden. Toperngpong gesteht: „Ich hab’ Hüpfburg und Panzer in die KI eingegeben.“ Glatt gelogen ist auch, dass Elvis Presley hier gegen den Hausmeister geboxt hat, wie es ein Plakat annonciert. Ähnlich schaut’s aus mit dem fein gezeichneten Plan des Hauses, den Gottfried Müller, Professor für Architekturdarstellung in Dortmund, beigesteuert hat.
Die Ära Bundeswehr lebt im ersten Stock auf. Betriebsanleitungen und Vorschriften, blödsinnig bis treudoof, pflastern die Amtsstube. Ein schneidiger Helmut Schmidt auf Truppenbesuch taucht auf, im Spind hängen freizügige Models aus der „Bravo“ und ein Sticker deutet eine neue Zeit an, die heute wieder von gestern ist: „Entweder wir schaffen die Rüstung ab“, heißt es da, „oder die Rüstung schafft uns ab“.
Eine ausufernde Recherche
Florian Toperngpong und Peter Engel haben sich in die Epochen regelrecht hinein gefräst, Zeitgeist eingesaugt, Flohmärkte durchstöbert, Bücher, Archive und Internet befragt. Das Ergebnis der langen und intensiven Recherche kommt aber nicht wie ein bleierner Leistungsnachweis daher, sondern leicht, geistreich und hintersinnig zugleich. Besser kann man Geschichte nicht fälschen.
Wer Interesse hat an einer Führung durch Fort-Skelly-19 in Regensburg, meldet sich bei florian@toperngpong.de.

