Ein Dorf blüht neu auf: Wie die Lengfelder Vereinsgemeinschaft für Zusammenhalt kämpft

Von Etienne Nückel · 5. Mai 2024 um 11:00

Der Lengfelder Maibaum ist ein Symbol für den Zusammenhalt im Ort. Selbstverständlich ist er nicht – Die Vereine haben sich erfolgreich gegen das Einschlafen der Dorfgemeinschaft gewehrt.

Mit einem Wegweiser an der B16 fing alles an. Beziehungsweise mit dessen Nichtvorhandensein. Hätte Lengfeld nicht für seinen Wegweiser gekämpft, gäbe es vielleicht heute das beliebte Maibaumaufstellen und manch andere Projekte nicht. Aber der Reihe nach.

Auf das Maibaumaufstellen ist man in Lengfeld stolz. Dutzende junge Burschen unter der Leitung von Gerhard Hauner richten alljährlich den Baum auf traditionelle Weise auf – mit Muskelkraft und langen Stangen. Über eine Stunde dauert die schweißtreibende Arbeit. Die Dorfgemeinschaft kommt derweil beim Gasthof Schreiner zusammen, schaut zu, ratscht, feiert. Schön, aber nicht unbedingt außergewöhnlich – könnte man meinen.

Aber dass es dieses Fest überhaupt gibt, ist keine Selbstverständlichkeit, weiß der eingesessene Lengfelder Heinrich Rieger (53). Denn Lengfeld hat mit den typischen Problemen eines Dorfes in der Großstadtperipherie zu kämpfen. Die Einwohnerzahl wuchs zu Riegers Lebzeiten von 700 auf heute rund 1800 an. Gleichzeitig liege Regensburg quasi vor der Tür und damit die Verlockung, sich auch privat dorthin zu orientieren, sagt Rieger. Lengfeld drohte, zum Schlaf-Dorf zu werden: Ein Ort, an dem man nur sein Haus hat, aber an dessen Leben man nicht teilnimmt. Die Folge: Keine Vereine mehr, keine Feste mehr, kein Wirt mehr.

Vereinsleben blüht auf

Und zeitweise schien Lengfeld genau dieses Schicksal zu drohen, sagt Rieger. Auch weil die Vereine ihre eigenen Süppchen gekocht hatten. Früher habe es beispielsweise fünf Faschingsbälle gegeben, teils am gleichen Tag, erinnert sich Rieger. Dann kamen weniger Besucher, man kam nicht mehr auf seine Kosten und dann gab es plötzlich keinen mehr. Zeitweise hatte Lengfeld auch keinen Maibaum mehr.

An dieser Stelle kommt der Wegweiser ins Spiel. Lengfelder hatten sich vor über 14 Jahren dafür eingesetzt, einen zu bekommen, sagt Rieger. Wie sich herausstellte, war das gar nicht so einfach. Daher bündelten die Lengfelder Vereine – Feuerwehr, Sportler, Schützen, Landjugend, Krieger, Soldaten und Kameraden und der Frauenbund – ihre Kraft in der Vereinsgemeinschaft, deren Sprecher Rieger ist. Neu dazu gekommen sind die Drohnenengel, die Rehkitze vor dem Tod durch Mähmaschinen retten.

Die Vereinsgemeinschaft hat sich zum Ziel gesetzt, eine gute Gemeinschaft nicht nur der Vereine sondern aller Bewohner Lengfelds und Alkofens zu schaffen. Sie wurde sozusagen zum Samenkorn eines neu aufblühenden Dorflebens, sagt Rieger. Die Vereine stimmen sich nun ab und helfen zusammen. Auf viele Schultern verteilt ist auch die Last eines Maibaums zu stemmen, ob die Burschen nun in der Landjugend, der Feuerwehr oder im Sportverein sind. Man setzt gemeinsame Projekte um, etwa den Faschingsball, den Bau der Panorama-Schutzhütte oder Rama Dama. Man rührt gemeinsam die Werbetrommel für die 150-Jahr-Feier der Feuerwehr (31. Mai bis 2. Juni).

Den Aufwärtstrend spürt beispielsweise auch Michael Brandl (24) von der Landjugend: Zeitweise sei die fast nicht mehr existent gewesen. Nun, am 1. Mai, waren die Mitglieder in ihren grünen Polohemden zahlreich beim Maibaumaufstellen vertreten. Und auch wenn jeder sein Vereinsheim hat – Sitzungen und Feiern hält man beim Wirt ab, sagt Rieger. Denn: „Kirche und Wirt müssen im Dorf bleiben.“

Nicht besser, aber gut dabei

Und noch etwas hält man sich in Lengfeld zu Gute: Dass Neubürger und Eingesessene nicht unter sich bleiben, sondern zusammenwachsen. So stammt Alexander Zufelde (54) ursprünglich aus dem Rheinland. Vor rund 20 Jahren zog er nach Lengfeld, heute ist er erster Vorsitzender der Feuerwehr. Seine Kinder sind in den örtlichen Vereinen aktiv. Er sei bereitwillig und freundlich im Dorf aufgenommen worden, sagt Zufelde. Auch wenn man seiner Meinung nach ein Fass „anschlägt“ und nicht „ozapft“.

Rieger und Zufelde wollen nicht behaupten, dass Lengfeld besser wäre als alle anderen Dörfer im Kreis Kelheim, sagen sie. „Es gibt genügend Leute, die auch in Lengfeld ihre Anonymität leben“, sagt Rieger. Dennoch ist man der Ansicht, dass Lengfeld stolz auf das Erreichte sein und durchaus als Vorbild dienen kann. Man sei nicht besser, so Rieger, aber: „Wir sind gut dabei“.

Heinrich Rieger und Alexander Zufelde (r.)