„Wenn man das E lernt, isst man Erdbeeren“ – So geht Sonderpädagogik in Thaldorf

Von Etienne Nückel · 2. Mai 2024 um 19:00

Die Eduard-Staudt-Schule in Thaldorf wird 50. Das Sonderpädagogische Förderzentrum ist die Anlaufstelle im Landkreis für Kinder die sich beim Lernen und im Zwischenmenschlichen schwer tun. Im MZ-Interview erklärt Konrektorin Sonja Kreuzer (54), wie man Buchstaben mit Obst lernt und warum sie trotz Inklusion eine Lanze für die Sonderpädagogik bricht.

Frau Kreuzer, was für Kinder besuchen die Eduard-Staudt-Schule?

Sonja Kreuzer: Unsere Schülerschaft ist sehr bunt. Wir haben alles – vom Schüler mit Autismus-Spektrumsstörung, der auch Raketenwissenschaftler werden könnte, bis zu dem Schüler, der wirklich in allen Bereichen Probleme hat. Die meisten unserer Schüler fallen im regulären Leben – im Verein, bei der Feuerwehr – nicht auf. Aber sie haben Probleme, sich neue Dinge schnell anzueignen.

Es geht also um Kinder mit Lernschwäche?

Kreuzer: Wir haben die Förderschwerpunkte Lernen, Sprache und sozial-emotionale Entwicklung. In der Sonderpädagogik nennt man das Trias. Eines alleine existiert normalerweise nicht: Wer Probleme beim Lernen hat, zeigt das oft auch durch schwieriges Verhalten. Wer ein schwieriges Verhalten hat, hat Probleme beim Lernen. Wer Probleme hat, Sprache zu verstehen oder zu sprechen, hat oft Probleme im Verhalten.

Warum?

Kreuzer: Weil er Konflikte nicht sprachlich lösen kann, sondern vielleicht sogar körperlich wird.

Sie haben also Schüler, die man gemeinhin als „schwierig“ bezeichnen würde.

Kreuzer: So würde ich das vielleicht nicht unbedingt sagen. Wir haben Schüler, die nicht so in das reguläre Schulsystem passen oder anders, das reguläre Schulsystem passt nicht so für sie.

Wie gehen Sie mit diesen Kindern um?

Kreuzer: Alle Kinder an unserer Schule brauchen besondere Unterstützung beim Lernen. Wir erarbeiten neue Lerninhalte wesentlich intensiver und planen sehr viel mehr Übungszeit ein. Wir lernen sozusagen handelnder, also mit mehr Eigenaktivität, versuchen, alle Sinne anzusprechen.

Zum Beispiel?

Kreuzer: Beim Buchstabenlernen etwa versuchen wir, dass die Kinder nicht nur am Platz sitzen und schreiben. Sondern den Buchstaben mit allen Sinnen erfassen. Ihn hören, sehen, nachlaufen, ertasten. Und wenn man das E lernt, isst man Erdbeeren, um auch noch das Geschmackliche zu haben. Multisensorisch nennt man das.

Welchen Bildungsabschluss sollen Ihre Schüler erreichen?

Kreuzer: Wir bieten den Förderschulabschluss und den einfachen Mittelschulabschluss an. Die Schulzeit ist ein Jahr länger. Für die Lerninhalte der zwei ersten Klassen der Grundschule haben wir in den Diagnose- und Förderklassen ein Jahr länger Zeit.

Gelingt Ihren Schülern in der Regel der Übertritt ins Berufsleben?

Kreuzer: Ja. In den letzten drei Schuljahren arbeiten wir sehr praxisorientiert. Und es gibt eine spezielle Unterstützung vom Arbeitsamt. Viele Schüler gehen direkt in eine Ausbildung, lernen handwerkliche Berufe, die sehr gefragt sind – und schaffen das auch. Natürlich spielt uns auch die derzeitige Situation auf dem Arbeitsmarkt in die Karten.

Verbringen die meisten Schüler die gesamte Schulzeit bei Ihnen?

Kreuzer: Das ist sehr verschieden. Wir fördern die Kinder so gut wie möglich, um den Sprung zurück an die Grund- oder Mittelschule zu schaffen. Dieses „wenn mein Kind da einmal drin ist, kommt es nie wieder raus“ stimmt nicht. Die Eltern entscheiden, ob und wie lange ihr Kind bei uns an der Schule ist.

Widerspricht ein Sonderpädagogisches Förderzentrum nicht dem Gedanken der Inklusion?

Kreuzer: Natürlich wünsche ich allen Kindern eine gemeinsame Schulzeit. Aber aktuell ist das schwer leistbar. Daher schlägt mein Herz für die Sonderpädagogik und den Schonraum, den wir bieten: Mit kleinen Klassen, ganz viel Zuwendung, einem familiären Setting. Viele Kinder brauchen das und erzielen hier Erfolge, die sie an einer Grund – oder Mittelschule meiner Meinung nach nicht erzielt hätten.

Warum?

Kreuzer: Die Aufgaben an den Grundschulen werden immer mehr: Es gibt eine enorme Bandbreite an unterschiedlichen Schülern und Bedürfnissen. Das ist eine mächtige Herausforderung. Ich habe größten Respekt vor allen Grundschullehren, die diesen Job jeden Tag meistern.

Müssen Sie sich für diese Position häufig rechtfertigen?

Kreuzer: Als Inklusion in den Anfangsjahren war, dachte mancher: Sonderschulen muss man nicht fördern, die gibt es in ein paar Jahren sowieso nicht mehr. Ich bin überzeugt: Es wird immer Schüler geben, die ein stationäres, exklusives Angebot brauchen. Exklusiv, weil es eine besondere Förderung ist, aber auch exklusiv mit der Bedeutung nicht gemeinsam.

Gibt es Schüler, mit denen Sie nicht fertig werden?

Kreuzer: Natürlich gibt es an jeder Schule Schüler, die besonders schwierig sind. Die uns vielleicht auch an unsere Grenzen bringen. Aber dann stellt sich die Frage, woran liegt das: an dem Schüler oder an der Schule? Wir haben nun seit vier Jahren eine Stütz- und Förderklasse als Kooperationsmodell mit dem Jugendamt. Diese Klasse wird zusätzlich zum Lehrer durch einen Sozialpädagogen und eine Erzieherin unterstützt. Dort werden Schüler unterrichtet, die eine besondere Herausforderung sind.

Wie sieht der Unterricht dort aus?

Kreuzer: Es gibt möglichst wenig Ablenkungen, viel Rückzugsmöglichkeiten, viel individuelles Unterrichten.

Im kommenden Schuljahr tritt Thomas Rößler seine Stelle als Schulleiter an – freuen Sie sich schon darauf, wieder mehr unterrichten zu können?

Kreuzer: Ja! Schule ist immer Teamarbeit und ich freue mich, wenn unser Team mit Thomas Rößler wieder komplett ist!.

Was macht Ihnen so viel Freude in ihrem Beruf?

Kreuzer: Die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beobachten und begleiten zu dürfen. Wenn ich sehe, wie aus oft verunsicherten Kindern selbstbewusste Jugendliche werden. Zum Beispiel wird eine Schülerin bei der Moderation der 50-Jahr-Feier mitwirken, die kaum gesprochen hat als sie zu uns kam. Sie war extrem schüchtern – und jetzt traut sie sich, bei Schulveranstaltungen vor über 150 Personen zu sprechen.

Einladung zum Jubiläum

Die Eduard-Staudt-Schule in Thaldorf feiert am Freitag, 10. Mai, ihr 50-jähriges Schuljubiläum. Dazu gibt es um 10 Uhr einen Festakt mit geladenen Gästen. Ab 12 Uhr gibt es einen Tag der offenen Tür, zu dem die Schule alle Freunde, Eltern und Ehemalige einlädt.

1974 zog die damalige Sonderschule Kelheim aus der Schule Kelheim-Hohenpfahl nach Thaldorf um. Dort war das Gebäude der ehemaligen Verbandsschule für die Gemeinden Tahldorf, Reißing und Teuerting aufgrund der Gebietsreform frei geworden.

Die Geschichte der Eduard-Staudt-Schule ist auch die Geschichte des Sonderschulwesens. Die gab es bis 1965 eigentlich nur in größeren Kreisfreien Städten, auf dem Lande nur vereinzelt, weiß die Konrektorin Sonja Kreuzer. Dann regelte ein Gesetz Errichtung und Betrieb.

Seitdem wurde die Schulart immer wieder umbenannt, es war auch sprachlich eine Entwicklung weg vom Stigma, sagt Kreuzer: „Von der Hilfsschule über die Sonderschule, Sonderschule für Lernbehinderte, Schule für Lernbehinderte, Schule zur individuellen Lernförderung und dann zum Sonderpädagogischen Förderzentrum.“ Seit 2013 trägt die Schule den Namen des ehemaligen Kelheimer Bürgermeisters Eduard Staudt. Das geschah auch, damit Kinder nicht sagen müssen „ich gehe auf das Sonderpädagogische Förderzentrum“, sondern „ich gehe auf die Eduard-Staudt-Schule“.

Der Schulsprengel wurde mehrmals verändert, unter anderem wegen der Auflösung der Sonderschulen in Riedenburg (1982) und Mainburg (1989). Heute umfasst er den gesamten Landkreis Kelheim mit Ausnahme der Gemeinden des Altlandkreises Rottenburg.

Dieser Tage steht ein weiterer Umzug im Raum: Der Landkreis will einen Neubau neben dem Keldorado (wir berichteten). Kreuzer betrachtet das mit einem „großen lachenden und einem kleinen weinenden Auge“: Einerseits brauche die Schule mehr Platz, es gebe viel zu wenige Gruppenräume und eine Klasse sei dauerhaft in einen Container ausgelagert. Auch wären Kooperationen mit Kelheimer Schulen einfacher. „Andererseits hängen wir mit dem Herzen auch ein Stück weit am alten Gebäude. Die Außenanlagen sind super, wir haben einen ganz tollen Nachbarn mit dem Thaldorfer Fußballverein“, sagt Kreuzer.

Derzeit hat die Eduard-Staudt-Schule 150 Schüler und 35 Lehrer. Der Neue Schulleiter Thomas Rößler wird seinen Dienst zum neuen Schuljahr antreten.

Sonja Kreuzer ist die Konrektorin der Eduard-Staudt-Schule. Die Stelle des Rektors ist derzeit unbesetzt, da Christine Jochenheim bereits im Ruhestand ist, der neue Schulleiter Thomas Rößler tritt seine Stelle im neuen Schuljahr an. Foto: Nückel
Donikkl tanzt mit Schülern der Eduard-Staudt-Schule. Foto: Rainer Schneck