Plötzlich sexy: Mehr Mitglieder und mehr Macht für Regensburgs Gewerkschaften

Von Benedikt Baumgartner · 1. Mai 2024 um 10:00

Vor der Uni-Klinik streiken Ärzte, Pfleger und Dienstleister, vor der Kita streiken die Erzieherinnen, selbst die Bierbrauer streiken vorm Kneitinger und am Bahnhof ist der Streik fast Dauerzustand. Arbeitskampf ist sichtbar wie lange nicht und Gewerkschaften werden wieder als gewichtige gesellschaftliche Akteure wahrgenommen. Das hat Gründe.

Auch bei den Mitgliederzahlen findet eine – zumindest vorläufige – Trendumkehr statt. Jahrzehntelang rote Zahlen, doch 2023 ging es aufwärts beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Für das Mitgliederplus hat Christian Dietl, Regionsgeschäftsführer des DGB, drei Erklärungsansätze. Der erste ist eher unromantisch: Während Corona hat man massiv verloren. „Das liegt überwiegend daran, dass Leute nicht mehr zusammengekommen sind.“ Mit mehr Austausch und sozialem Kontakt trete jetzt die Gegenbewegung ein.

Lohn reicht nicht mehr zum Leben

Als zweiten Grund für den Aufschwung sieht Dietl die langanhaltende Inflation. „Das spüren alle im Geldbeutel, die Gruppe mit geringem Einkommen aber natürlich stärker“, sagt Dietl. Bei normaler Lohnprogression reiche das Gehalt plötzlich bei einigen nicht mehr zum Leben. Höherer Lohn sei bei Tarifverhandlungen nun das relevanteste Thema, nachdem es in Zeiten wirtschaftlicher Stabilität mehr um Urlaubstage und Wochenarbeitszeit gegangen sei.

„Die Leute merken jetzt: Ihnen wird nichts geschenkt, sie müssen sich auf die Hinterfüße stellen“, sagt Dietl zur gestiegenen Bereitschaft, sich zu organisieren. Laut Verdi-Bezirksgeschäftsführer Alexander Gröbner hätten Beschäftigte gemerkt: „Hoppla, Gewerkschaften sind da für uns, wenn es richtig eng wird.“ Vor allem, wenn sie sich schon lange vor der großen Krise begonnen haben zu organisieren, wie Dietl anmerkt: „Wenn die Titanic den Eisberg gerade gerammt hat, ist es ein bisschen spät für den Schwimmkurs.“

Arbeitskampf betrifft alle

Der Arbeitskampf findet aktuell vermehrt in sichtbaren Branchen statt. Ein Warnstreik vor dem Uniklinikum erregt mehr öffentliche Aufmerksamkeit als Protest vor einem Firmentor im Gewerbegebiet, wie Rico Irmischer, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Regensburg, anmerkt. Streiken die Bierbrauer, wie im vergangenen Sommer vorm Kneitinger am Arnulfsplatz geschehen, betrifft der Kampf für gerechte Löhne plötzlich auch die Stammtischbrüder recht direkt. „Wenn wir im Herzen der Stadt einen ganztägigen Warnstreik hinlegen, weil wir in den Tarifverhandlungen für nicht einmal 20 Beschäftigte nicht weiterkommen, dann hat das auch einen Öffentlichkeitswert“, sagt Rainer Reißfelder, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Oberpfalz. Er wünscht sich aber von Beschäftigten in Gastronomie und Hotellerie noch mehr Mut, sie seien kaum kollektiv organisiert. Zu aufmerksamkeitswirksamen Warnstreiks könnte es dagegen im Einzelhandel kommen. Laut Gröbner laufen hier seit elf Monaten Tarifverhandlungen – bislang ohne Durchbruch.

Sehnsucht nach Solidarität

Dietls dritter Ansatz zur Erklärung steigender Mitgliederzahlen: Menschen sehen sich wieder mit existenziellen Fragen konfrontiert: Krieg in Europa, Energie-Knappheit in Deutschland. Bei Gewerkschaften gebe es keine Unterteilung in hohe und niedrige Löhne, in Deutsche und Ausländer, in Männer und Frauen. „Bei uns ist klar, wir sind alle Kolleginnen und Kollegen.“ Ein solcher Zusammenhalt werde wieder gesucht. Dietl erinnert sich an seine Anfangszeit, um das Jahr 2000, mitten in der neoliberalen Umgestaltung des Landes. „Da waren Gewerkschafter die Dinosaurier und die Bremser. Diese Wahrnehmung sehe ich jetzt überhaupt nicht mehr.“

Mit der Wiedervereinigung zählte der DGB deutschlandweit gut elf Millionen Mitglieder, Anfang des Jahrtausends noch knapp acht Millionen. Es ging kontinuierlich bergab, auf Verlustjahr folgte Verlustjahr. Nun kann für 2023 ein leichtes Plus vermeldet werden: 0,39 Prozent in Deutschland bei 5,67 Millionen DGB-Mitgliedern. Im Kreisverband Regensburg (Stadt und Landkreis) stieg die Mitgliederzahl um 3,48 Prozent auf 22943 zum Jahresende 2023. Auch die beiden zahlenmäßig stärksten Mitgliedergewerkschaften vermelden Zulauf: In der Oberpfalz wuchs Verdi um 1090 auf 22305 Mitglieder. Die IG Metall verzeichnet einen Zuwachs von 201 Mitgliedern auf nun über 24000 im Bereich Regensburg mit Schwandorf, Cham, Neumarkt und Kelheim. Die NGG – mit deutschlandweit rund 200000 Mitgliedern die kleinste Gewerkschaft unter dem Dach des DGB – wächst laut Reißfelder seit sechs Jahren konstant auf niedrigem Nievau auf 2800 Mitglieder in der Oberpfalz.

Mitglieder gleich Kampfkraft

Steigende Mitgliederzahl ist gleich mehr Macht? „Unbedingt“, sagt Dietl. „Mitgliederzahlen bedeuten auch immer Beitragsgelder und Kampfkraft.“ Irmischer erreichte man in der vergangenen Woche beim ersten Erwirkungsstreik der IG Metall Regensburg seit 30 Jahren bei einer Firma nahe Neumarkt. Stehender Betrieb, Streikgeld: „Das macht man nicht, wenn man ängstlich ist.“ Starke Forderungen, entschiedene Maßnahmen, „das macht sexy, das hat etwas Empowerndes“. Auch benachbarte Betriebe würden solche Maßnahmen registrieren.

Die politische Arbeit des Gewerkschaftsbundes falle ebenfalls leichter, wenn sich die Mitgliedsgewerkschaften im Aufwind befinden. Der Ehrgeiz sei geweckt, das Auftreten selbstbewusster, bekräftigt Reißfelder. „Das ist, wie wenn ich Fußballtrainer bin und nicht ständig 4:0 verliere, sondern auch mal 3:0 gewinne.“

Streiken die Bierbrauer, wird es ernst, wie hier im Juni vorm Kneitinger.