Keine Lust auf Krieg: „Romulus der Große“ am Theater Regensburg

Von Marianne Sperb · 28. April 2024 um 09:45

Der Feind steht vor der Tür, aber der Kaiser beliebt zu chillen und Hühner zu züchten: Antje Thoms inszeniert das Stück nah an Dürrenmatt. Das ist stimmig gemacht, komisch, vergnüglich, hellsichtig – und manchmal ein bisschen zäh.

Die Lage ist schlecht. Das Land hat abgewirtschaftet. Die Infrastruktur ist marode, die Häuser verlottern, die in der Vergangenheit errungenen Werte werden verscherbelt. Die Regierung regelt selbst nebensächlichste Details in absurden Vorschriften, aber die großen Fragen lässt sie offen. Die Fremden rücken an, stehen schon an den Grenzen, der Krieg ist greifbar nah, nur: Der Staat reagiert nicht, bleibt taub für alle Warnungen, tut, als wäre die Krise nur ein bisschen staubige Luft, und wendet sich lieber Fragen des Lebensstils zu, also etwa: Legen die Bio-Freiland-Hühner auch schön ihre Eier?

Die Verhältnisse, die verblüffend auf heutige zu passen scheinen, sind in „Romulus der Große“ im Jahr 476 angesiedelt. Friedrich Dürrenmatt hat seine „ungeschichtliche historische Komödie“ 1949 geschrieben, der Weltkrieg war gerade ein paar Jahre her, als Aufruf zu Pazifismus, verkleidet als Groteske. In fein gestochenen Worten, mit Sprachwitz und philosophischem Tiefgang bohrt er die alte Vision auf: Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.

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Antje Thoms, Schauspieldirektorin am Theater Regensburg, inszeniert das Stück nun im Antoniushaus und entscheidet sich klug, auf grelle Überschreibung zu verzichten und nah an Dürrenmatt zu bleiben. „Eine Welt geht in Flammen auf und hier reißt man faule Witze. Täglich sterben Tausende Menschen und hier wurstelt man weiter“, heißt es bei ihm. Die Worte Ukraine, Russland, Gaza, Scholz, Hofreiter, Wagenknecht und wie die Krisen und ihre Ausdeuter alle heißen mögen: Sie müssen gar nicht fallen, stehen als Elefant eh’ riesengroß im Raum.

Romulus lebt auf seinem verranzten Landsitz vor sich hin. Dass die Germanen drauf und dran sind, sein Reich zu erobern: Ihn juckt es nicht. Seine Familie, sein Gefolge drängen ihn, endlich zur Tat zu schreiten, aber der Kaiser beliebt zu chillen und sich seinen Hühnern zuzuwenden. Spät enthüllt er, dass Kalkül ist, was wie Wahnsinn wirkt: Das Weltreich soll, weil äußerlich verlottert und innerlich ausgehöhlt, endlich fallen, gern an Germanen-Führer Odoaker. Der aber hat auf Krieg auch keine Lust.

Das Setting (Ausstattung: Florian Barth) ist die versiffte Römer-Ranch mit Klavier und Veranda. Die Figuren tragen Tunika und Toga, nur die Germanen dürfen die frisch erfundenen, fürs Reiten praktischen Hosen anhaben und als moderne Menschen auftreten. Vom Band kommen Country- und Westernmusik, eingestreut sind Hühnergegackere und Laute wie das unheimliche Hu-Hu von Eulen und Wolfsgeheul.

Das ist alles stimmig und solide erdacht und gewürzt mit treffsicheren Regieeinfällen: Die Welt als luftgefüllter Plastik-Globus erschlafft, pfeift aus dem letzten Loch. Die ganze versammelte Truppe legt Westerntänzchen aufs Parkett, dann wieder fliegen Hühnereier in einer artistischen Einlage von einem zum anderen.

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Antje Thoms hat vor allem ein Ensemble zur Hand, das sich freudig, so virtuos wie rasant in seine Zwei- und Dreifachrollen stürzt. Guido Wachter zeigt Romulus erst als unerschütterlich bräsigen Insolvenzverwalter des Imperiums, der die Büsten seiner Vorfahren verschachert und selbst die Blätter seines Lorbeerkranzes rupft, um das Nötigste zu zahlen. Er spielt ein entwaffnendes Talent zur Komik aus, bevor er schlagartig wechselt zum knallharten Apologeten des Untergangs. Eine zynische Haltung, weil beides – erbitterter Krieg wie kampfloses Hingeben an ein brutales Regime – Opfer kosten.

Kathrin Berg ist seine rationale Frau Julia, die sehr genau das eigene Fortkommen im Blick hat. Sophie Juliana Pollack gibt Tochter Rea im Amy-Winehouse-Look die Züge eines Wohlstandsteeangers. Paul Wiesmann verkörpert mit Haut und Haar den Diener-Tölpel Pyramus; mit langer Mähne wirbelt er den Staub der dekadenten Bude auf. Gerhard Hermann muss kaum mehr machen, als mit den Augen zu rollen, um den verpeilten Ostrom-Kaiser Zeno in seiner ganzen Lächerlichkeit zu zeigen. Jonas Julian Niemann schleppt sich als Reiterpräfekt Spurius Titus, der 100 Stunden geritten ist, sieben Pferde verschlissen und drei Pfeile erlitten hat, so erbarmungswürdig über die Bühne, dass man sich am liebsten mit ihm zu Boden werfen würde.

Joscha Eißen verkörpert Romulus’ Fast-Schwiegersohn Ämilian, der in der Germanen-Folter einen Arm eingebüßt hat, so versiert, als hätte er nie einen zweiten besessen. Michael Heuberger, dem Elder Statesman des Regensburger Schauspielensembles, nimmt man hier ohne Weiteres den Kriegsminister ab, der ohne Federlesen, so deppert wie entschlossen voranstürmt. Und Thomas Mehlhorn verschafft dem Publikum höchstes Vergnügen als Hosenfabrikant Cäsar Rupf, der Rom mit Geld zuschmeißt und sich – Trump lässt grüßen – als narzisstischer Großkotz aufführt. Er stellt den Kaiser vor die Wahl „zwischen kapitaler Katastrophe oder katastrophalem Kapitalismus“.

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Der Star des Abends aber ist Dürrenmatts Text, Sätze wie gemeißelt, zeitlos, geistreich, hellsichtig, viele bonmot-tauglich und viele geeignet, sich daran zu entzünden. Romulus purzeln die Perlen nur so aus dem Mund: „Ein Widerstand um jeden Preis ist das sinnloseste, was es gibt“, sagt er. „Meldungen stürzen die Welt nie um, das tun nur die Tatsachen“, kühlt er Panik-News herunter. „Die heutige Zeit hat das Heldentum in eine Pose verwandelt“, lautet seine auch aktuell recht belastbare Gesellschaftsdiagnose.

Antje Thoms lässt dem Geschehen Zeit, sich zu entrollen und von Komik in Tragik zu kippen. Das bringt aber Längen mit sich und streckenweise wird es zu einer zähen Angelegenheit. Wie sagt Reiterpräfekt Spurius Titus? „Ich bin müde, so müde.“

Auf der Bühne: Gerhard Hermann, Joscha Eißen, Guido Wachter und Michael Heuberger (von links) Foto: Neumeier
Kapitale Katastrophe oder katastrophaler Kapitalismus: Thomas Mehlhorn als Cäsar Rupf Foto: Tom Neumeier