Berliner feiern am Brandenburger Tor die Freigabe von Cannabis – Zweifel bleiben

Kiffen ist nicht länger verboten: Seit 1. April können Volljährige legal Hanf besitzen und konsumieren. In Berlin wird das gefeiert. Doch Zweifel bleiben.
Andi und Thilo haben sich getroffen, um die neue Freiheit zu feiern. Sie sitzen auf einer Bank im Görlitzer Park, Berlins Drogen-Hotspot. Andi hält einen Joint in der Hand, Thilo einen Vaporizer. „Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Tag jemals kommt“, sagt Andi glücklich. Sein Gesicht verschwindet hinter einer weißen Rauchwolke.
Die beiden Mittdreißiger genießen das Gefühl, nichts Illegales mehr zu tun. Denn seit gestern ist kiffen in Deutschland erlaubt, zumindest teilweise. Mit der zum 1. April in Kraft getretenen Legalisierung dürfen Erwachsene auf der Straße 25 Gramm Cannabis mit sich führen, zuhause sind es sogar 50 Gramm. Der Hanf kommt entweder aus eigenem Anbau – drei Pflanzen sind im Wohnbereich erlaubt – oder aus Cannabis-Clubs, bei denen man Mitglied sein muss und die ab Juli an den Start gehen. Das Rauchen von Joints in der Öffentlichkeit ist nun ebenfalls erlaubt, allerdings nicht in der Nähe von Schulen, Spielplätzen und Kindergärten.
Am Brandenburger Tor feiern sie die Hanffreigabe
Wie Andi und Thilo feierten am Ostermontag Tausende Menschen in ganz Deutschland die Freigabe von Cannabis. In Städten wie Leipzig, Nürnberg oder Heidelberg fanden Veranstaltungen zum „Ankiffen“ statt. Besonders groß aber war die Freude in der Hauptstadt: Rund 1500 Menschen versammelten sich pünktlich um Mitternacht am Brandenburger Tor, um zu Reggae-Sounds ihre Joints anzuzünden. Die Stimmung war ausgelassen, nach anderthalb Stunden hatte sich die Menge aber wieder aufgelöst.
„Es war unverhältnismäßig, wie mit Kiffern umgegangen wurde“, erzählt Andi, der zum ersten Mal mit 15 Cannabis probiert hat. „Vor allem wenn man bedenkt, welchen Stellenwert Alkohol in unserer Gesellschaft hat. Da kann einer mit zwei Promille seine Frau verprügeln, aber einem Kiffer haben sie den Führerschein entzogen, wenn der mit zwei Joints erwischt wurde.“ In Berlin sei das zwar alles nie so dramatisch gewesen, „aber da wo ich herkomme, aus der Nähe von Frankfurt“, sagt Andi weiter, „da war das was anderes“.
Thilo berichtet auch gleich davon, wie er einmal bei einem Festival gefilzt wurde. Er habe der Polizei seinen nackten Hintern zeigen müssen, um zu beweisen, dass er da kein Gras versteckt hatte. Heute lacht er darüber, aber lustig sei das damals wirklich überhaupt nicht gewesen. „Ich finde gut, dass der Minister so standhaft geblieben ist und sich durchgesetzt hat“, lobt Thilo Karl Lauterbachs Gesetz. Er hofft auch weiterhin auf den legalen Verkauf in Läden, der jedoch erst mit einem zweiten Gesetz angegangen werden muss. Hierbei gibt es jedoch EU-rechtliche Bedenken. Ob diese Umsetzung je kommt, ist fraglich.
Gesundheitsminister Lauterbach zeigte sich am Montag mit dem ersten Schritt der Legalisierung zufrieden: „Heute beenden wir eine gescheiterte Verbotspolitik.“ Er sprach von einer historischen Chance. „Ab jetzt kombinieren wir eine echte Alternative zum Schwarzmarkt mit besserem Kinder- und Jugendschutz. So wie bisher konnte es nicht weitergehen“, fügte der SPD-Politiker hinzu.
Darin sind sich auch alle einig. Allerdings reißen die Zweifel am Gesetz nicht ab. Die Polizei kritisiert, dass die Kontrolle für sie durch die Legalisierung nicht einfacher, sondern komplexer wird. Und ob der Schwarzmarkt wirklich ausgetrocknet werden kann, wenn es keine legalen Verkaufsstellen gibt, weiß niemand so recht. Die oppositionelle Union will die Freigabe sofort zurücknehmen, sobald sie wieder in der Regierung ist, kündigte CDU-Gesundheitspolitiker Tino Sorge an.
Derweil gehen im Görlitzer Park die Dealer am ersten Tag der Freigabe ihrem Geschäft nach wie eh und je. Sie stehen an den Parkeingängen, sitzen auf den Bänken oder der Wiese. „Willst du Energie?“, fragt einer auf Englisch.
„Ich glaube, heute wird sogar weniger geraucht als sonst“
Andere schnalzen mit ihrer Zunge, um zu signalisieren, dass auch sie Stoff verkaufen – nicht nur Cannabis, auch harte Drogen sind hier im Umlauf. „Wenn du hier im Görli kaufst, dann kriegst du eine Wundertüte“, erzählt Thilo. „Jeder Dealer verkauft dir was anderes. Das ist das gefährliche Zeug, wenn du nicht weißt, was im Gras drin ist, wie hoch der THC-Gehalt ist, ob es mit Chemikalien besprüht wurde.“ Die Zulassung von Shops müsse deshalb unbedingt kommen – wie in Kanada und Amerika. „Ich zahle auch gerne Steuern auf mein Gras“, betont er.
Angesprochen auf die Legalisierung zucken die meisten Dealer nur mit den Schultern. Über ihr Geschäft wollen sie nicht reden. Die Polizei dreht derweil ihre Runden – zu Fuß und mit Fahrzeugen. „Ich glaube, heute wird sogar weniger geraucht als sonst“, wundert sich ein Polizist. „Alles ist ruhig.“ Damit ist der Job hier auch getan, Hauptsache nichts eskaliert.
Auf Deeskalation setzen auch die „Parkläufer“. Sie sind vom Bezirk bezahlt, sprechen die Sprachen der Dealer – Arabisch, Französisch, westafrikanische Dialekte – und sorgen insbesondere dafür, dass die Verkäufer nichts an Minderjährige verticken. Dass Cannabis nun freigegeben ist, macht für die „Parkläufer“ und ihre Mission keinen Unterschied. „Das war doch hier schon immer legal“, scherzt einer von ihnen.
