Mit 65 muss längst nicht Schluss sein: „Erfahrung schlägt Fachwissen“

Von Gerd Otto · 1. April 2024 um 19:00

Die Babyboomer steuern auf den Ruhestand zu. Dabei fehlen heute schon Fachkräfte allerorten. Beispiele aus Ostbayern zeigen, wie ältere älterer Arbeitnehmer im Beruf gehalten werden können – und so dazu beitragen, die Probleme der sozialen Sicherungssysteme zu lösen.

Ob wir es uns tatsächlich leisten können, schon ab 63 in Rente zu gehen, oder ob nicht vielmehr Anreize geschaffen werden sollten, länger zu arbeiten – diese Frage dürfte künftig in hohem Maße die Entwicklung des deutschen Arbeitsmarkts beeinflussen. Nicht von ungefähr hat die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) anlässlich des morgigen „Tags der älteren Generation“ die Bedeutung der sogenannten Babyboomer für den in Deutschland erwirtschafteten Wohlstand hervorgehoben. Nach Ansicht von vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt ist es angesichts des sich verschärfenden Arbeitskräftemangels für die gesamte Gesellschaft wichtig, „Arbeit im Alter attraktiv zu halten und wertzuschätzen“. Ältere Mitarbeiter bringen Leistungsstärke und viel Erfahrungswissen ein, wovon die Jüngeren profitieren und letztendlich auch die Betriebe.

Babyboomer werden 60

Nach Auffassung von Matthias Winkler, dessen von ihm gegründete Steuerberatungsgesellschaft WW+KN sich erst kürzlich der international tätigen Großkanzlei Baker Tilly angeschlossen hat, bemühe sich auch seine Branche durch flexible Arbeitsmodelle darum, dass ältere Mitarbeiter länger im Beruf bleiben: „Schließlich gilt gerade in der Steuerberatung, dass Erfahrung häufig Fachwissen schlägt.“

Der anstehende Strukturwandel in den Steuerkanzleien lasse sich auch daran ablesen, dass die Steuerberater im Schnitt bereits über 53 Jahre alt sind. Konkret beobachtet Winkler bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter einen Trend zu internationalen Kanzleien. „Obwohl wir schon bisher mit 40 Beschäftigten besser als manch kleinere Steuerkanzlei dastanden, tun wir uns als Baker Tilly jetzt leichter“, betont Winkler. Angesichts der gravierenden demografischen Veränderungen komme dem Aspekt der Zuwanderung eine immer größere Bedeutung zu. Sei diese Lücke bisher durch Zuwanderer aus Osteuropa gefüllt worden, so würden inzwischen laut Winkler immer mehr Syrer oder Menschen aus Afghanistan eine Lehre im Steuerrecht absolvieren.

Norweger arbeiten viel länger

Die größten Herausforderungen stehen dem Arbeitsmarkt und der Gesellschaft erst noch bevor. Die „größte Kohorte der Babyboom-Generation“, der Jahrgang 1964, wird heuer 60 Jahre alt und hat damit den Renteneintritt vor Augen. Kein Wunder, dass die Wirtschaftsweisen die jetzt beginnende Entwicklung als „akute Phase der demografischen Alterung“ bezeichnet haben. Olga Pötzsch und Felix zur Nieden vom Statistischen Bundesamt verweisen dabei ebenso auf die Herausforderungen für die sozialen Sicherungssysteme wie Brossardt: „Hält der Trend an, entstehen für die Rentenversicherung bis 2035 Zusatzkosten von fast 140 Milliarden Euro.“

An einer längeren Lebensarbeitszeit werde jedenfalls kein Weg vorbeiführen. Derzeit sind in Deutschland 18 Prozent zwischen dem 65. und 69. Lebensjahr erwerbstätig, in Norwegen fast 30 Prozent, in Japan die Hälfte der Rentner. Auch bei der IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim stuft man die Weiterbeschäftigung älterer Mitarbeiter als eine wichtige Ressource des Arbeitsmarktes ein. Hauptgeschäftsführer Jürgen Helmes spricht von einem Wissenstransfer zwischen den Generationen und appelliert angesichts des Fachkräftemangels an die Unternehmen, ältere Mitarbeiter zu halten und sie gerade nicht in den vorzeitigen Ruhestand oder in die Altersteilzeit zu schicken.

Petra Betz, die Vorsitzende des IHK-Gremiums Regensburg, betont diesen Aspekt auch in ihrer Eigenschaft als Geschäftsführerin der Stahl Lasertechnik GmbH in Wackersdorf. Speziell für mittelständische Familienbetriebe sei es wichtiger denn je, dass sich die Mitarbeiter wohl fühlen, und umgekehrt sich die Unternehmen auf die Erfahrung gerade der Älteren verlassen können. Dementsprechend zeigt sich Andreas Vogl (69), der in seiner ersten aktiven Berufszeit bei Krones tätig war, sehr zufrieden über seine aktuelle Situation. 24 Stunden an drei Tagen in der Woche, noch dazu an hochmodernen Fräsmaschinen, sei für ihn eine sehr attraktive Rückkehr aus dem Rentner- ins Berufsleben. Speziell mit Blick auf den hohen Qualitätsanspruch bewertet Petra Betz die Mitarbeiter über 60 als „sehr wertvoll“, zumal sie offenbar gerne arbeiten.

Dieser emotionale Aspekt spielt auch in der Zusammenarbeit der beiden Regensburger Friseurmeisterinnen Aylin Six und Barbara Schneider-Waha eine große Rolle. Während Schneider-Waha seit ihrer Lehrzeit vor 48 Jahren weiterhin fasziniert sei von ihrer Tätigkeit und deshalb auch als Rentnerin „an Bord“ blieb, ließ sich Aylin Six selbst durch die bittere Erfahrung der Corona-Pandemie nicht ins Bockshorn jagen.

„Sich fit halten“ über 65

Vielmehr sei sie überzeugt gewesen, dass es trotz allem weitergehen müsse, und wagte deshalb 2023 den Sprung in die Selbstständigkeit. „Schließlich bin ich bereits seit 24 Jahren im Beruf und habe schon so manches erlebt,“ betont Aylin Six. Mit Barbara Schneider-Waha ist sie sich zudem darin einig, dass länger als 65 zu arbeiten durchaus dazu beitragen könne, sich fit zu halten.

Weiter Hand in Hand: Aylin Six (li.) und Barbara Schneider-Waha
Die Steuerberater Matthias und Kerstin Winkler stellen sich dem Strukturwandel.