Pro und Contra: Ist die Cannabis-Legalisierung ein richtiger Schritt – oder ein Rohrkrepierer?

Anfang April wird Cannabis entkriminalisiert – doch nicht jedem gefällt das. Auch in der MZ-Redaktion wird diskutiert. Christian Eckl, Chefreporter und Mitglied der Chefredaktion, übt Kritik an der Freigabe. Redakteur Philip Hell sieht darin allerdings eine Chance.
Pro: Gesetz ist ein Schritt in die richtige Richtung
Die Geschichte des Menschen ist eine Geschichte des Rausches. Drogen – und ganz besonders Marihuana – sind Teil unserer Kultur. Es ist gut, dass wir uns das endlich eingestehen und Gras entkriminalisieren. Freilich, das Gesetz ist eine Kopfgeburt, ein wahres Bürokratiemonster. Es muss an bestimmten Punkten nachjustiert werden – gerade um Polizei und Staatsanwaltschaften nicht noch mehr zu belasten. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung: Rund 8,8 Prozent der Deutschen ziehen eh mindestens einmal im Jahr am Joint. Es ist gut, sie aus der Illegalität zu holen. Der Stoff verliert so den Nimbus des Verbotenen. Das Gesetz ermöglicht eine breite gesellschaftliche Debatte über das Rauschmittel – gerade für Prävention ist das immens wichtig. Darüber hinaus kommen – hoffentlich – weniger junge Menschen mit dem Schwarzmarkt in Berührung. Das wiederum könnte dazu führen, dass der Konsum anderer Drogen zurückgeht. Darüber hinaus ist es grober Unfug, zu glauben, die halbe Republik nebelte sich ein, sobald Marihuana nicht mehr illegal ist. Wir tun gut daran, vom mündigen Bürger auszugehen, der eben nicht ab April dauerstoned durch die Gegend läuft. Ja, das Gesetz ist ein Sprung ins kalte Wasser, der uns alle fordern wird. Er wird zeigen, ob eine liberale Drogenpolitik funktioniert. Gehen wir es an. (Philip Hell)
Contra: Affront für unsere Polizei
Täglich halten Polizisten für uns den Kopf hin. Sie werden in Situationen, die jeder Normalbürger meidet, mit Gewalt und Drogensucht konfrontiert. Dass Bayern mit seiner rigiden Drogenpolitik eine schlechte Figur macht, habe ich selbst bereits im Alleengürtel am Hauptbahnhof zu spüren bekommen, als sich ein junger Mann am helllichten Tag einen Schuss setzte. Dass man diese Menschen, die krank sind, kriminalisiert, halte ich für falsch. Aber genauso falsch finde ich nun die Freigabe von Cannabis – und zwar nicht, weil ich keinem seinen Joint gönnen würde, während sich andere völlig legal auf Volksfesten maßlos betrinken. Für falsch halte ich, wie die Ampel dieses Gesetz gestrickt hat. Legionen von Staatsanwälten müssen nun Altfälle sichten und das in Zeiten, in denen die Justiz ohnehin überfordert ist. Selbst Menschen, die täglich Cannabis konsumieren, wollen das Gesetz nicht – klar, denn sie dürften bald mit einer Vielzahl von Verkehrskontrollen konfrontiert werden. Der ein oder andere Schein ist so schnell weg, wie der Dübel (so nennt man Joints auf Bayerisch) legal wird. Doch am schlimmsten trifft es unsere Polizisten. Sie müssen sich von Kleindealern am Regensburger Hauptbahnhof jetzt die lange Nase zeigen lassen. Welches Signal bitteschön soll das sein? Ein fatales – die Ampel liefert einen Rohrkrepierer. (Christian Eckl)