Migrationsexperte stellt klar: „Die Bezahlkarte wird kein Gamechanger“

Hein de Haas forscht seit über 30 Jahren zu Fluchtbewegungen. Im Interview mit unserer Mediengruppe räumt er mit linken wie rechten Mythen auf.
Das Interview im Wortlaut:
Bald werden in Deutschland Bezahlkarten für Flüchtlinge eingeführt. Führt das zu weniger Migration?
Hein de Haas: Die zwei wichtigsten Migrationsgründe für Flüchtlinge kennen wir aus der Forschung. Zum einen sind es Probleme im Heimatland, zum anderen gehen Migranten in andere Länder, wenn dort bereits Verwandte wohnen. Solche Maßnahmen haben nur eine zu vernachlässigende Wirkung. Die Auswirkung von Restriktionen durch die Politik sind marginal. Egal, ob Migranten eine Bezahlkarte oder Bargeld bekommen – sie kommen aus anderen Gründen. Die Karte wird kein Gamechanger. Das ist hauptsächlich Symbolpolitik.
In Regensburg gibt es eine Rettungsorganisation Sea Eye, die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer rettet. Immer wieder gibt es harsche Attacken auf diese, die Boote der NGOs seien Pullfaktoren. Was denken Sie?
de Haas: Die meisten Menschen werden von der italienischen Küstenwache gerettet, nicht von den NGOs – trotz der rechtsgerichteten Regierung von Giorgia Meloni. Es gibt keine wissenschaftlichen Belege für einen Pullfaktor. Außer der Flucht vor Krieg ist einer der wichtigsten Faktoren für Migration nach Europa die wirtschaftliche Situation mit einer sehr niedrigen Arbeitslosigkeit und drängender Arbeitskräftemangel hier. Ich rede nicht über Ingenieure und Ärzte, sondern gering qualifizierte Arbeit. Die meisten Afrikaner, neun von zehn, kommen völlig legal nach Europa. Ich habe in Marokko geforscht. Als in der Krise 2008 in Europa die Arbeitslosenzahl gestiegen ist, kamen kaum noch Menschen aus Marokko. Die Verbindung zwischen dem Konjunkturzyklus und Migration ist nachweisbar. Natürlich gibt es auch Konflikte und Kriege, die zu Migration führen. Aber der größte Teil der Migranten kommt wegen Arbeit. Der Arbeitskräftemangel wird zum immer wichtigeren Migrationsmotor.
Finnland erwägt derzeit sogenannte Pushbacks, weil Putin Migranten an die Grenze fährt. Wie sehen Sie das?
de Haas: Das ist eine politische Frage. Meine persönliche Meinung spielt aber eigentlich keine Rolle.
Aber ich verstehe, wenn man direkt Tür an Tür mit einer Großmacht lebt, dass man sich nicht zum Spielball durch Migration machen will. Aber man muss auch an russische Dissidenten denken. Was macht man mit denen? Es ist ein großes Dilemma, das verstehe ich. Grenzen zu schließen, das ist vielleicht eine gute Schlagzeile – aber was bedeutet das wirklich? Schießen? Eine wirklich geschlossene Grenze ist nur möglich in totalitären Systemen wie Nordkorea. Die Wahrheit ist: Die demokratischen Staaten kämpfen mit diesem Problem. Nur totalitäre Staaten können eine Grenze total schützen.
Zahlen belegen, dass unter zehn Prozent der Menschen, die hier Asyl beantragen, auch einen Anspruch auf Asyl haben. Sollten die nicht eher als Arbeitsmigranten kommen?
de Haas: Das ist die Kernfrage. Ein Grund, wieso Migration so hoch ist in allen europäischen Ländern ist, dass wir eine so gute Entwicklung am Arbeitsmarkt haben. Deutschland hat mehr Asylanträge als alle anderen Länder in Europa. Aber auch die Arbeitsmigration steigt. Was Deutschland sehr gut gemacht hat, ist, Kanäle für Migration von Hochqualifikation zu schaffen. Im Durchschnitt sind von 2000 bis 2021 1,1 Millionen Menschen jedes Jahr nach Deutschland gekommen – gegenüber 830000 jährlichen Auswanderer.
Die meisten Menschen vergessen, dass in den meisten Jahren viel mehr Menschen zum Arbeiten oder Studieren kommen , als um Asyl zu bitten. Die meisten Menschen, die sich illegal aufhalten sind die, die legal mit einem Visum kommen und dann aber bleiben. Die große Frage ist: Was macht Deutschland in Zukunft mit der Frage, wer die niedrigqualifizierten Jobs macht? Viele Migranten aus Osteuropa sind etwa in der Altenpflege tätig. Das wird auch weitgehend toleriert. Auch im Gastronomiesektor, Landwirtschaft oder in der Baubranche werden diese Migranten als Arbeitnehmer akzeptiert.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Migration und Erfolg rechter Parteien?
de Haas: Geert Wilders hatte seinen ersten großen Wahlerfolg, als die Niederlande eine sehr niedrige Migrationsrate hatten. Das Problem sind Schwierigkeiten bei der Integration, weil die Behörden keine Verantwortung für die im Ausland angeworbenen Arbeitskräfte nahmen. Man hat zu lange an der Idee festgehalten, die Gastarbeiter gehen zurück. Als in der Zeit der großen Rezession in den 70er und 80er Jahren die Zahl der Arbeitslosen unter den Gastarbeitern stieg, kam es zu einer Häufung sozialer Probleme und deren Isolation. Bereits 1967 schrieb Max Frisch: Wir wollten Arbeitskräfte und es kamen Menschen. Die Rechtspopulisten machen Migranten für alle Probleme verantwortlich. Sie werden für Kriminalität, das Fehlen günstiger Wohnungen, Lohnstagnation und die Probleme im Gesundheitssystem verantwortlich gemacht. Die Gefahr ist, dass die etablierten Parteien die Tür öffnen für Regierungen mit Rechtspopulisten. Was Parteien der Mitte tun sollten, ist, dass sie ein realistisches Bild von Migration zeichnen.
Aber sie sollten nicht vermitteln, dass man Migration einfach so abstellen kann. Einerseits passiert etwas wie das, was Sie beschreiben mit den Tunesiern in Regensburg und Menschen sind zu Recht besorgt darüber, aber andererseits haben viele Menschen auch die netten Nachbarn und Kollegen mit migrantischen Wurzeln und verstehen, dass viele Migranten lebenswichtige Arbeiten verrichten. Die Realität ist, dass die meisten Menschen gemischte Gefühle gegenüber Migration haben. Politiker sollten den Mut aufbringen die echten Probleme zu lösen und ein realistisches Bild von Migration zu zeichnen.
Gibt es Länder, die einen besseren Umgang mit Migration haben als Deutschland?
de Haas: Kanada und Australien haben viel höhere Migrantenzahlen als die meisten europäischen Länder, weil sie Arbeitsmigration fördern. Spanien, das wird Sie überraschen, hat eine große Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt für Migranten. Frankreich hat ein sehr interessantes Einwanderungsprogramm im Bereich der Landwirtschaft gemacht. Politiker dürfen nicht länger von der Realität wegschauen. Man sollte Migration besser regulieren und ermöglichen, das macht Migration berechenbarer.
