Jürgen Häublein hat Regensburg vermessen – und 17 und einen Mittelpunkt gefunden

Jürgen Häublein hat sein Rad vor dem efeubewachsenen Durchgang zu den Hausnummern 17, 19 und 21 der Blumenstraße abgestellt. Auf den Boden hat er eine knallorange Pylone gesetzt. Genau dort, wo Häublein steht, ist der Mittelpunkt von Regensburg – oder besser gesagt: Hier ist einer von 17 und einem Mittelpunkten der Domstadt, die der 60-Jährige berechnet hat.
Für die Berechnung der Stadt hat der Ingenieur drei Jahre gebraucht. Los ging alles, als sich der Mittelpunkt der Europäischen Union verschob, weil die Briten die Gemeinschaft verließen. Das Punkte-Fieber packte ihn.
Häublein zerbrach sich den Kopf, recherchierte im Netz nach Berechnungsmethoden, wandte diese auf Regensburg an und stieg in den Sattel. Der 60-Jährige radelte zu jedem einzelnen Mittelpunkt, stellte eine Pylone auf und schoss ein Foto. „Es ist nicht nur eine Faszination für Mittelpunkte, sondern auch für das Radfahren, für die Umgebung und für das Rechnen.“ Als Vermesser beschäftige man sich viel mit Zahlen. „Da ist mir der mathematische Gaul durchgegangen“, sagt Häublein über sein Hobby und schmunzelt. Zahlen lagen Häublein schon immer. „Ich hatte Mathematik und Physik als Leistungskurse.“ Schon in der Schule habe er kleine Programme geschrieben, die ihm heute bei der Mittelpunkt-Jagd helfen, sagt der 60-Jährige.
Von Zirkeln und Punkten
Für den mathematischen Laien, das gibt Häublein offen zu, sind seine Berechnungen manchmal etwas schwer nachzuvollziehen. Das fängt schon beim Flächenschwerpunkt an, das ist gewissermaßen der klassischste aller Mittelpunkte. Um diesen nachzuvollziehen, müsse man sich die Stadtfläche als Papier vorstellen. Der Punkt, an dem man mit einem imaginären Zirkel hineinsticht und das Papier im Gleichgewicht bleibt, ist der Flächenschwerpunkt. Und der liegt in einer Wohnung zwischen der Blumenstraße 19 und 21. „Vielleicht schlafen die Bewohner ja etwas unruhig“, sagt Häublein und lacht. Deutlich einfacher nachzuvollziehen ist der Mittelpunkt aller Hausnummern. Dieser liegt mitten in der Ostenallee.
Neben all diesen „wirklichen“ Mittelpunkten hat Häublein auch einen Punkt berechnet, der eigentlich gar kein wirklicher Mittelpunkt ist: den Mittelpunkt der Mittelpunkte. Der befindet sich in der Weißenburgstraße zwischen der Hausnummer 17 und 21.
Fragt man Häublein nach seinem persönlichen Lieblingspunkt, muss er nicht lange überlegen. „Das ist der Mittelpunkt der flächengleichen Quadranten.“ Der Punkt befindet sich in der Guerickestraße gegenüber der Kleingartenanlage. „Hier ist es sehr ruhig, sehr beschaulich.“ Doch damit nicht genug: „Den Mittelpunkt habe ich erfunden. Den gibt es nirgendwo anders, den hat noch keiner berechnet.“ Er habe mit Hilfe eines Geoinformationssystems die Stadtfläche der Länge nach in zwei exakt gleich große Stücke geteilt und diese Stücke dann der Breite nach erneut geteilt. Herausgekommen sind vier genau gleich große Stücke, deren Zentrum in der Guerickestraße liegt. Eine Art salomonischer Mittelpunkt, könnte man sagen.
„Regensburg ist sehr dicht bebaut“
Häublein hat eher selten das Glück, seine Pylone direkt auf dem exakten Mittelpunkt abzustellen. „Regensburg ist sehr dicht bebaut, deswegen liegen die meisten Punkte in Häusern.“ Er habe leider noch nie jemanden getroffen, der in einem der Mittelpunkte lebt. Aber dafür ist er auf seinen Erkundungstouren auf interessierte Menschen gestoßen. „Es ist ja doch eine ziemlich mathematische Sache. Ich sage dann immer bloß, dass hier einer der Mittelpunkte ist. Das ist dann ganz nett und die Leute kommen ins Reden.“
Ganz genau am Mittelpunkt zu stehen sei dabei auch gar nicht so wichtig, sagt Häublein. Vielmehr gehe es um den Weg dorthin. „Für mich ist das Faszinierende, neue Orte zu entdecken. Und dann ist es mir lieber, da hin zu fahren und nicht zum 25. Mal die Donau auf und ab.“
Auf seinen Streifzügen hat Häublein einiges in der Stadt entdeckt, in der er seit vielen Jahren lebt. „Der Flächenschwerpunkt hat sich zum Beispiel in den vergangenen Jahren verschoben. Da lernt man auch viel über die Stadtgeschichte, weil immer wieder Gebiete dazugekommen sind.“ Auch die Punkte selbst erzählen einiges über die Entwicklung von Regensburg. Der Mittelpunkt des kleinsten Außenkreises beispielsweise. Als Häublein den Punkt entdeckte, sei der noch mitten in einer Baugrube gewesen. „Heute steht da ein Haus, das zum Marina-Quartier gehört.“
Auf zu neuen Ufern
Die Vermessung seiner Stadt hat Häublein nun beendet – vorerst. Nun sucht sich der 60-Jährige neue Ziele: „Wenn das Wetter passt, werde ich im Mai zum küstenfernsten Punkt Deutschlands radeln.“ Dort wären die Nordsee und das Mittelmeer gleich weit entfernt, sagt Häublein. Dieser liege in Riedbach, einem Teil der Stadt Schrozberg im Landkreis Schwäbisch Hall.
Bleibt eine Frage: Herr Häublein, ruhen Sie eigentlich in Ihrer Mitte? Der 60-Jährige muss lachen. „Ich denke schon. Wenn meine Frau und ich im Sonnenschein an der Donau entlang radeln, bin ich ganz in meiner Mitte.“
