Kameradschaft für den Frieden: Eine Frau steht jetzt an der Spitze der Hemauer Krieger

Frauen an der Spitze von Männer-Domänen sind nach wie vor eine Seltenheit. In Hemau gibt es jetzt genau so einen Fall.
„Ich bin ja eigentlich dagegen, dass eine Frau Vorstand von einem Kriegerverein ist.“ Waltraud Hertle lacht, schüttelt den Kopf und zuckt dann mit den Schultern. Aber nachdem sich bei den Männern niemand gefunden habe, übernahm nun eben sie den Job. Als erste Frau in der 150-jährigen Vereinsgeschichte.
Waltraud Hertle, neue Vorsitzende der Soldaten- und Kriegerkameradschaft (SKK) Hemau, kennt sich damit aus, „Erste“ zu ein. 2010 legte sie die Böllerprüfung an der Kanone ab – als erste Frau im Jurakreis. Ebenso wie bei der Vorstandswahl tat sie das mehr aus Notwendigkeit als aus der Lust heraus. In ihrer Garage lud ein Schütze regelmäßig Pulver und Kartuschen ab. Rechtlich durfte sie die Munition aber nichtaufräumen. „Des Graffl mach’ ich nimmer mit“, habe sie sich gesagt und die Prüfung abgelegt.
Große Fußstapfen
Nun wurde sie bei der Generalversammlung der SKK im Vereinslokal Gasthof Schlossbräu zur neuen Vorsitzenden gewählt. In dieser Funktion leitet sie den Ausschuss und kümmert sich um Marienwallfahrt, Geburtstage, Treffen und Veranstaltungen wie die Christbaumversteigerung. „Ich fürcht’ mich nicht. Ich bin nicht allein, ich weiß: Wenn ich Hilfe brauch’, krieg’ ich sie“, sagt Hertle.
Unterstützung erhält sie auch von Alfons Kollmer. Das Vereins-Urgestein war 13 Jahre lang Vorsitzender und zog sich nun aus persönlichen Gründen zurück. In seiner Zeit habe er Großes für den Verein und das Gedenken an Gefallene in Hemau und der Umgebung geleistet. „Ziel der SKK Hemau ist es, dem Frieden zu dienen“, sagte Kollmer zum 150-jährigen Gründungsfest 2023.
Dieser Maxime folgt auch Waltraud Hertle. Manchmal würden Menschen denken, es gehe bei Kriegervereinen um Verherrlichung. „Im Gegenteil: Die SKK wurde im Dritten Reich verboten, wir stehen für Frieden ein“, sagt Hertle. Sie könne sich noch an einen Festeinzug vor einiger Zeit erinnern, als ihr jemand einen Hitlergruß entgegengehalten habe. Fast sei ihr die Hutschnur geplatzt: Wäre sie nicht repräsentativer Teil des Festzugs gewesen, hätte sie ihm den Mittelfinger entgegnet, erzählt sie.
Gerade in der heutigen Zeit sehe man, wie wichtig es sei, an das Grauen des Krieges zu erinnern und für Frieden zu kämpfen. „Aber es ist viel Zeit vergangen“, sagt Hertle und seufzt. Der letzte Weltkriegssoldat der SKK Hemau starb 2022 im Alter von 100 Jahren. Je ferner der Krieg rücke, umso weniger schätzten die kommenden Generationen den Frieden. Das merke die SKK.
Wie die Kameradschaft mitteilt, ist die Mitgliederzahl 2023 trotz zahlreicher Neumitglieder von 193 auf 188 gesunken. 35 davon sind Frauen. Besondere Ereignisse des Jahres waren neben der 150-Jahr-Feier Festbesuche bei befreundeten Vereinen sowie die Pflege von Kriegsgräbern im französischen Metz. Generell sei 2023 eine Rekordsumme für die Pflege von Kriegsgräbern zusammengekommen. 2354 Euro gingen bei der Haussammlung ein, zusätzlich zu den 1391Euro, die die Reservisten sammelten. Top-Sammlerin war Karoline Götz mit 1146Euro.
„Wir dürfen nicht vergessen“
Der wohl wichtigste Tag für die SKK ist jedes Jahr der Volkstrauertag. Dann legen die Kameraden einen Kranz an der Kriegergedächtniskapelle nieder und in Verbindung mit der Gedenkfeier der Stadt an beiden Kriegerdenkmälern. „Wir dürfen unsere Vergangenheit nicht vergessen“, sagt Waltraud Hertle. Die 68-jährige gebürtige Beratzhausnerin kam über ihren Mann Michael Hertle vor 22 Jahren zur SKK. Schwiegervater Johann hatte viele Jahre lang die Kameradschaft geleitet, bis zu seinem Tod 1999. „Ich mache das jetzt auch zum Gedenken an den Schwiegervater“, sagt Hertle über ihr Engagement.
Ebenso wie Johann Hertle war auch Waltraud Hertles Vater einst Soldat. Beide kamen lebend aus dem Krieg zurück. Viele überlebten die Grauen der Weltkriege aber nicht. Sehr viele der heutigen SKK-Mitglieder haben Vorfahren, die gefallen sind – Opas, Onkel, Väter. Jedes Land brauche ein Gedenken und sollte zum Frieden mahnen, sagte Hemaus Pfarrer Berno Läßer bei der letzten Generalversammlung. „Ein Volk, das sich an die Vergangenheit erinnert, kann miteinander in die Zukunft blicken.“
Und so blickt auch die SKK in die Zukunft. Sie hofft, dass auch junge Menschen sich ihr anschließen, die Tradition nicht sterben lassen und den Gedanken an den Frieden wahren. So hofft auch Waltraud Hertle und so singen es die SKK-Mitglieder traditionell in der letzten Strophe der Hymne des Bayerischen Soldatenbundes: „Es gilt aus Krieg zu lernen, zu bauen an der Welt, zu greifen nach den Sternen, bevor der Vorhang fällt.“
