Gegensätzliche Reaktionen auf Genderverbot in Schulen, Hochschulen und Behörden

Von Isabel Metzger, Stefan Rammer · 21. März 2024 um 11:00

Das mit den Sternchen ist so eine Sache und nicht jeder hält etwas davon. Das Kabinett hat – wie berichtet – am Dienstag beschlossen, das Gendern in Schulen, Hochschulen und Behörden zu verbieten.

Nicht erlaubt sind damit Schreibweisen wie Schüler*innen oder Student:innen. „Sprache muss klar und verständlich sein“, sagt dazu Staatskanzleiminister Florian Herrmann (CSU). Die Mediengruppe Bayern hat Vertreterinnen und Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen im Freistaat zu ihrer Meinung zum Genderverbot befragt.

„Unnötig, lächerlich, verräterisch.“ Auf diese drei Begriffe könne man das Thema bringen, meint die Frauenbeauftragte der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Die aus Töging (Lkr. Altötting) stammende Kirchenrechtlerin Dr. Margit Weber sieht eine unnötige Polarisierung und Politisierung durch die Staatsregierung, die nicht der Sache diene.

„Warum etwas verbieten, das schon unzulässig ist. Der Deutsche Rechtschreibrat hat mehrmals klargestellt, dass keines der Sonderzeichen – Genderstern, Unterstrich oder Doppelpunkt – offiziell Teil der deutschen Orthografie ist.“ Für Margit Weber ist es „lächerlich, dass in einer Ministerratssitzung dafür Zeit verwendet und hinterher so getan wird, als ginge es um die Rettung des Abendlandes“. Die Sprache normieren zu wollen, sei politischer Humbug, weil die Sprache lebendig sei und sich ständig entwickle. „Vielleicht gendern wir in 20 Jahren oder wir haben einen anderen Weg gefunden.“

„Wichtiges Instrument zur Förderung der Gleichberechtigung“

Auch der Landesverband Bayern des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) kritisiert den Kabinettsbeschluss. „Das Verbot ohne konstruktive Alternativen zur Förderung der Gleichberechtigung ist ein bedauerlicher Rückschritt“, sagt die Vorsitzende des traditionsreichen und größten Frauenverbandes in Bayern, Birgit Kainz (60). Sprache befinde sich im Fluss, sie entwickele sich mit der Gesellschaft mit, „prägt aber auch unser Bewusstsein und unser Denken“, betont Kainz und ergänzt: „Somit ist sie mitunter ein wichtiges Instrument zur Förderung der Gleichberechtigung.“

Grundsätzlich spreche nichts gegen eine konstruktive Betrachtung des Sonderzeichen-Systems, wenn zugleich Raum für Ideen zu einem sensiblen und aktuellen Umgang mit unserer Sprache geöffnet werde. „Sichtbarkeit, Vielfalt und Toleranz müssen gerade in der jetzigen Zeit gestärkt werden“, gibt die KDFB-Vorsitzende zu bedenken. „Ein ausdrückliches Verbot des Genderns an Schulen und staatlichen Behörden ohne jede Form der Klarstellung zur Bedeutung von gendersensibler Sprache und Gleichberechtigung ist enttäuschend.“

Sternchen oder Doppelpunkt liest sich holprig

Auch die Frauenbunds-Ehrenvorsitzende in der Diözese Passau, Walburga Wieland (83), spricht sich für „klare Worte“ aus. Allerdings habe sie mit dem Gendern in Form von Sternchen oder Doppelpunkten Schwierigkeiten. „Das liest sich so holprig“, sagt sie. „Warum kann man nicht einfach Schülerinnen und Schüler sagen.“ Walburga Wieland betont auch: „Ich bin für eine vollwertige und menschenachtende Anerkennung eines jeden Menschen, egal welchen Geschlechts, welcher Farbe und welcher Religion. Gott hat sie so geschaffen, wie sie sind.“

Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann (53), unterstützt indes laut einer Mitteilung den Kabinettsbeschluss. Sie schränkt aber ein, sie hätte sich „mehr Selbstbestimmung und entsprechende Freiheiten für die Schulen vor Ort gewünscht“. Allerdings seien auch „befürchtete weitergehende Verbote“ ausgeblieben. Schülerinnen und Schüler müssten nicht um ihre Noten fürchten, wenn sie sich um eine geschlechtergerechte Sprache bemühten.

Missverständliche Formulierungen vermeiden

Ähnlich sieht es der Deutsche Lehrerverband. Im gesamten amtlichen Sprachgebrauch gehe es immer auch darum, deutlich zu machen, dass alle Menschen gemeint seien und nicht nur einzelne Gruppen, sagt Verbandspräsident Stefan Düll (58). „Missverständliche Formulierungen sind daher grundsätzlich zu vermeiden. Es geht um respektvolle Formulierungen, die damit auch gendersensibel sind, ohne es als solche zu markieren. Auch das Sternchen kann schließlich ausgrenzend verstanden werden.“

AfD lehnt „Sprach-Sexismus“ ab

Die für die niederbayerischen Grünen im vergangenen Herbst in den Landtag gewählte Mia Goller hält nichts von einem Verbot: „Reden und reden lassen, schreiben und schreiben lassen – in Bayern gehört das zum Leben und Leben lassen“, sagt sie. Die 46-Jährige aus Falkenberg (Landkreis Rottal-Inn) betont in Richtung des Ministerpräsidenten: „Statt jetzt mit weiteren Verboten um die Ecke zu kommen, sollte sich Markus Söder endlich um die wirklichen Probleme in unserem Land kümmern.“ Was sie damit meint: „Wir brauchen bessere Kinderbetreuung! Wir brauchen günstigen Wohnraum! Wir brauchen hier auf dem Land zuverlässiges Internet! Und wir brauchen endlich ein funktionierendes Stromnetz für die Energiewende!“

Mia Goller weiß sich mit ihrem Parteikollegen Dominik Krause (33) einer Meinung. Der zweite Bürgermeister der Stadt München betont: „Ich finde, beim Gendern sollten wir uns mal ein bisschen locker machen. Wer gendern will, soll das machen, wer nicht, lässt es eben.“ Die CSU führe einen „Kulturkampf“.

Schüler bezeichnen Genderverbot als Bevormundung

Die Bundesschülerkonferenz bezeichnet das Genderverbot als „Bevormundung“. Bei etwas so persönlichem wie der Sprache würden Schülern nun Vorschriften gemacht, es werde in ihre Freiheit eingegriffen, erklärt der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Florian Fabricius (18).

Genau gegensätzlicher Meinung ist die AfD-Fraktion im Landtag. Sie sieht die „linksgrünen, genderideologischen Schreib- und Sprechvorgaben“ als Bevormundung der Bürger. „Sie reduzieren Menschen auf ihre geschlechtliche Identität“, heißt es in einer Mitteilung. „Diesen Sprach-Sexismus lehnen wir ab.“