Pensionierte Rektorin aus Parsberg appelliert: „Lasst Lehrer und Kinder in Ruhe“

Von Isolde Stöcker-Gietl · 13. März 2024 um 05:00

An der Neuausrichtung des Grundschul-Stundenplans gibt es viel Kritik. Kulturschaffende aus Bayern sprechen von einem „Anschlag“. Ein Neurologe und Musikermediziner warnt, dass vernachlässigte Kreativität deutliche Folgen für die künftige Gesellschaft haben kann.

„Wir haben Kinder in der Schule, die können sich die Schuhbänder nicht binden, aber statt ihnen auch zu lernen, ihre Hände zu gebrauchen, sollen wir uns noch mehr konzentrieren auf Mathematik und Deutsch.“ Wenn Brigitte Rausch, ehemalige Rektorin an der Grundschule in Parsberg (Lkr. Neumarkt), über die geplanten Stundentafeländerungen an Grundschulen spricht, findet sie deutliche Worte. „Es wäre gut, wenn die bayerische Staatsregierung die Lehrer mit ihren Schülern in Ruhe arbeiten lassen würde. Die Lehrer wissen selbst am besten, wie sie den Stoff vermitteln können.“

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An der Neuausrichtung der Grundschulstundentafel gibt es derzeit viel Kritik – insbesondere auch der Kulturschaffenden. Denn nach dem jüngsten Pisa-Schock hat das Kabinett beschlossen, zugunsten der Intensivierung der Hauptfächer Mathe und Deutsch die Nebenfächer Musik, Kunst sowie Werken und Gestalten in einem Stundenpool zusammenzufassen. Diesen sollen die Lehrer im Rahmen eines Gestaltungsspielraumes künftig selbst ausschöpfen. Kultusministerin Anna Stolz (FW) wehrt sich deshalb auch vehement gegen die Auffassung, dass in den kreativen Fächern Stunden gestrichen würden. Nichtsdestotrotz müssen die Grundschulen in Klasse eins bis vier eine Deutschstunde mehr einplanen und in Klasse eins und drei auch eine Stunde mehr Mathe – ohne dass die Stundenzahl insgesamt ausgedehnt wird. Nicht angetastet werden soll bei der Unterrichtsgestaltung die Anzahl der Religionsstunden.

Verzichtbare Nebensache?

Deshalb sprechen die Kunstschaffenden in einem offenen Brief inzwischen von einem Versuch der Staatsregierung, die Künste als verzichtbare Nebensache zu erklären. Auch gegenüber der Mediengruppe Bayern üben bekannte Akteure wie Elisabeth Erl, aus Niederbayern stammende Gewinnerin der Musikshow „Deutschland sucht den Superstar“ und selbst Lehrkraft an einer Realschule in Freising, deutliche Kritik. „Meine jahrelange Erfahrung mit Musikklassen hat mir immer wieder gezeigt, dass diese Kinder die emphatischeren, sozialeren und auch leistungsstärkeren Kinder sind oder auch dadurch werden.“ Und Singer-Songwriter Richie Necker, der mit Musikformationen wie der Italo-Popband „I dolci signori“ durch ganz Europa tourt, sieht einen Kniefall vor den Kirchen. „Deren parteipolitischer Einfluss in der konservativen Staatsregierung hat wohl zu dem Erhalt der drei Stunden geführt.“ Nur noch zwei von drei Kindern besuchen laut einer Statistik des Kultusministeriums im aktuellen Schuljahr den katholischen oder evangelischen Religionsunterricht.

Der Religionsunterricht beschäftigt auch Brigitte Rausch. 47Jahre ist sie Lehrerin, arbeitet mit knapp 70 Jahren noch als mobile Reserve, weil sie diesen Beruf über alles liebt und noch immer den Wunsch in sich trägt, Kinder auf einem Stück ihres Weges gut zu begleiten. „Grundschullehrer bekommen von den Kindern am meisten zurück“, sagt sie. Aber was brauchen die Sechs- bis Zehnjährigen, um fürs Leben gerüstet zu sein?

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Für die ehemalige Rektorin sind nicht nur kognitive Fähigkeiten wie sie in Deutsch und Mathematik vermittelt werden, wesentlich, sondern auch die Fertigkeiten im kreativen Bereich. „Für die Entwicklung der Kinder ist fraglos die Handgeschicklichkeit sehr wichtig. Deshalb ist Werken für mich das vorrangige kreative Fach.“ Rausch hat auch die Missio canonica, darf also katholische Religionslehre unterrichten. Und macht das auch gerne, weil sie selbst in der Kirche verankert ist, wie sie sagt. Doch sie sieht auch, dass sich die Bedeutung verändert. An ihrer Schule in Parsberg haben 40 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. Es fehlten aber Lehrer, um genauso viele Ethik- wie Religionsstunden anzubieten. Und in vielen katholischen Familien werde der Glaube heute nicht mehr gelebt. „Am Tag nach der Erstkommunion sieht man die Kinder nicht mehr in der Kirche.“

„Kein Fach sollte eine heilige Kuh sein“

Dass der Religionsunterricht mit drei Wochenstunden unangetastet bleiben soll, nennt Rausch „als definitiv zu viel im Vergleich zu anderen Fächern“. Überhaupt sieht sie das Vorgehen kritisch, diesbezügliche Überlegungen von vorne herein abzuwürgen. „Kein Fach sollte eine heilige Kuh sein. Man muss über alles nachdenken, um den Unterricht an der Grundschule zukunftsfähig zu machen.“ Tatsächlich hatte Kultusministerin Stolz zunächst auch die Streichung der dritten Religionsstunde in der dritten und vierten Klasse als Option genannt, „wenn die Schulfamilie dies wolle“. Nach heftiger Kritik der Kirchen und einem Machtwort von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nahm Stolz rasch wieder Abstand von dieser Idee.

Und nun also die kreativen Fächer – und die Option, den Englischunterricht auf eine Stunde einzukürzen. Der Neurologe Prof. Eckart Altenmüller, Musikermediziner und früherer Direktor der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, ist entsetzt über die Pläne aus Bayern. Denn die Effekte von Musik auf die kindliche Bildung seien wissenschaftlich erwiesen. Kinder, die ein Instrument lernen oder singen, bewältigen sehr anspruchsvolle neurophysiologische Aufgaben spielerisch, sagt Altenmüller. „Wissenschaftliche Studien belegen, dass sich bei diesen Kindern nicht nur der Spracherwerb verbessert, sondern auch Gedächtnis-Funktionen, emotionale Kompetenz, und dann vor allem die exekutiven Funktionen, also Aufmerksamkeitssteuerung, Konzentrationsfähigkeit.“ Altenmüller sieht massive gesellschaftliche Folgen, wenn die Kreativitätsförderung an den Schulen vernachlässigt wird. „Wir werden vielleicht funktionierende TechnokratInnen erzeugen, aber ob sie auch Zuhören? Ob sie Mitfühlen? Ob sie Sinn im Dasein erkennen? Ob sie den Wert der Gemeinschaft kennen?“

„Ich wäre untergegangen“

Die Neumarkter Grafikerin Lena Kunstmann hat am eigenen Leib erlebt, wie wichtig kreative Fächer sind. „Ich glaube, ich wäre untergegangen in der Schule, wäre Außenseiter gewesen, hätte vorwiegend schlechte Noten mit nach Hause gebracht, ich hätte das Gefühl gehabt, zu nichts zu gebrauchen zu sein“, sagt die von der Aufmerksamkeitsstörung ADHS betroffene Oberpfälzerin. Ihre herausragenden Leistungen in Kunst, Werken und Musik hätten ihr aber immer wieder das nötige Selbstbewusstsein vermittelt, um sich durchzubeißen. Um Abitur und Studium zu absolvieren und heute als selbständige Grafikerin zu arbeiten. Deshalb setzt sich auch Kunstmann dafür ein, nicht bei kreativen Lernangeboten zu kürzen. So wie viele weitere Kreativschaffende aus ganz Bayern. „Ein Anschlag auf die Persönlichkeitsentwicklung“, schreiben sie auf Nachfrage der Mediengruppe Bayern.

Die ehemalige Grundschulrektorin Brigitte Rausch plädiert vor allem für mehr pädagogischen Freiraum statt neuem Druck und Aktionismus durch die Pisa-Ergebnisse. Die deutsche Sprache sei nicht in einem Jahr zu lernen, sagt sie mit Blick auf die Kinder mit Migrationshintergrund. „Die Schüler brauchen Zuwendung und Lehrer, die genügend Zeit haben, auf ihre Bedürfnisse einzugehen, das ist das A und O. Dann klappt es auch mit dem Lernen.“

Stimmen aus der bayerischen Kulturszene

DSDS-Gewinnerin Elli Erl: „Was die Regierung aktuell versucht an den Grundschulen umzusetzen empfinde ich als gewaltigen Rückschritt. Meine ersten Erfahrungen mit einem Instrument und mit dem gemeinsamen Singen kommen aus der Grundschulzeit. Und die Erinnerungen sind durchwegs positiv. Es ist auch ein Grund, warum ich heute selbst Musik unterrichte. Musik macht soviel mit jungen Menschen und zwar nachhaltig.“

Singer-Songwriter Richie Necker: „Diese Entwicklung ist skandalös. Eine komplette Ignoranz gegenüber wissenschaftlicher Pädagogik (Kunst/Musik fördert Kreativität mehr als alle anderen harten Fächer). Ein Katzbuckeln vor der an gesellschaftlicher Bedeutung verlierenden Kirche. Und ein weiterer Schritt zur Spaltung der Gesellschaft in Reich und Arm, weil Eltern musikalische Bildung aus eigener Tasche zahlen.“

Kabarettistin Eva Karl Faltermeier: „Die aktuelle Kritik der Kunstszene teile ich nicht. Ich glaube bei Musik und Kunst zählt Qualität statt Quantität. Ich war selbst am musischen Gymnasium, hatte extra viel Kunst und Musik und fand es streckenweise abschreckend. Meiner Einschätzung nach wäre es viel besser nach Neigungen zu unterrichten – bereits in der Grundschule. Für unmusikalische Kinder ist singen der Horror.“

Bernd Schweinar, bis 2023 Rockintendant in Bayern: „Ein perspektivloses Armutszeugnis verfehlter Schulpolitik. Die Produktion von Gütern lässt sich sehr leicht in Billiglohnländer verlagern – Kreativität in den Köpfen bleibt bei uns! Erfindungen entstehen aus gepflegter Kreativität. NIcht ohne Grund hat Deutschland als Land der Dichter, Denker und Musiker einen sehr hohen Rang bei Patentanmeldungen.“

DSDS-Gewinnerin Elli Ehrl
Singer-Songwriter Richie Necker Foto: Mary Förster
Kabarettistin Eva Karl Faltermeier Foto: Ingo Pertramer
Der ehemalige Rock-Intendant Bernd Schweinar Foto: privat
Seit 47 Jahren im Schuldienst: Brigitte Rausch Foto: Stöcker-Gietl
Neurologe und Musikermediziner: Eckart Altenmüller Foto: dpa