Immer mehr leiden unter Pollen: Darum macht medizinischer Fortschritt aber Hoffnung

Die Pollen fliegen wieder früh und mancherorts wuchern neue hochallergene Pflanzen. Gleichzeitig sind immer mehr Menschen betroffen, in Zukunft könnte jeder Zweite an Allergien leiden. Gleichzeitig macht die Medizin große Fortschritte, erklären Apothekerin Maria Schießl und Allergologe Michael Kabesch aus Regensburg.
Frühling in der nördlichsten Stadt Italiens könnte so schön sein – wäre da nicht dieser nervige Blütenstaub, der Zehntausenden Regensburgern die sonnige Saison vermiest. Durch das milde Frühjahr fliegen die Pollen heuer außerdem wieder früh. Aber es gibt Grund zum Optimismus.
„Ganz klar: Man kann Heuschnupfen besser behandeln als vor zehn oder 20 Jahren – man hat mehr Optionen, man ist genauer geworden in der Einschätzung“, sagt Michael Kabesch, renommierter Forscher und Arzt an der Regensburger Hedwigsklinik. „Es ist unbestritten, dass Allergien in den vergangenen 50 Jahren deutlich zugenommen haben.“ Pollen seien die häufigsten Allergene, doch nur die Spitze des Eisbergs.
Medikamente lassen hoffen
„Wir haben den Eindruck, dass die Zahl der Kunden mit Allergien zunimmt“, sagt Maria Schießl, Apothekerin in der Aktiv Apotheke in der Regensburger Bahnhofsstraße. Gleichzeitig beginne die Pollenzeit früher, dauere länger und sorge durch sommerliche Trockenheit für stärkere Symptome. Gegen die häufigsten, laufende Nase und juckende Augen, gebe es aber inzwischen viele Behandlungsmöglichkeiten, sagt Schießl. „In den letzten Jahren wurden auch viele Medikamente aus der Verschreibungspflicht entlassen“, sagt sie. Antihistaminika in Form von Nasensprays, Augentropfen und Tabletten kann man so einfach in der Apotheke kaufen. Hier erhalte man auch Beratung und Tipps. Ihr Favorit, der den meisten Kunden zu helfen scheine: Kleidung, mit der man draußen war, streng vom Schlafzimmer fernhalten, nicht dort ausziehen, hinlegen oder auch nur lagern.
Nebenwirkungen bei Medikamenten gegen Allergien seien heutzutage gering. Das gilt auch für die oft genannte Nebenwirkung Müdigkeit. „Früher waren Wirkstoffe wie Fenistil gängig. Die haben schon eine ziemlich sedierende Wirkung“, sagt Schießl. Moderne Anti-Heuschnupfen-Tabletten sei dieser Effekt bei den meisten Menschen viel geringer. Bei schlimmeren Allergien, vor allem bei Kindern, rät Schießl aber, zum HNO-Arzt zu gehen. Denn einerseits könne die Allergie sich in Form von Asthma ausprägen und andererseits sollte geprüft werden, ob neben Pollen nicht andere Allergene das Problem sind.
Auch Allergologe Michael Kabesch betont: „Mit richtiger Beratung kriegt man für fast alle Patienten ein Behandlungskonzept hin, das zu einer Verbesserung oder, vor allem bei Kindern, sogar einer kompletten Heilung führt. Das ist tatsächlich möglich.“
Und ob nun die Allergie gegen Pollen, Tierhaare oder Hausstaub bestehe: Auch für schwere Fälle gebe es seit einigen Jahren Hoffnung, zusammengefasst unter dem Begriff Biologika. Diese Antikörper-Therapien seien für schwer betroffene Patienten ein „Gamechanger“, wie Kabesch sagt. „Patienten, deren ganzes Leben nur noch um Allergie kreiste, können plötzlich wieder ganz normal leben. Wenn man das als Arzt beobachtet, kann man es fast nicht glauben.“
Für einfachen Heuschnupfen sei das aber nicht notwendig. „Wenn auch das Wort Heuschnupfen verniedlicht. Ein Kind, das monatelang nicht raus kann, leidet massiv“, sagt Kabesch. Eltern würden das oft verharmlosen. Auf dem Land heiße es gern mal: „Wer nicht tot ist, hat nichts“, sagt er.
Derzeit, schätzt Kabesch, leiden rund 30 Prozent der Regensburger unter Allergien. Die europäische Akademie EAACI rechnet aber damit, dass bis 2050 jeder Zweite an Allergie leiden wird. „Bei Kindern sind die hohen Zahlen an Allergien und Asthma in den letzten zehn, 20 Jahren stabil geblieben“, sagt Kabesch über die Lage in der Region. Doch diese Allergien kämen nun auch immer mehr bei Erwachsenen an, daher die steigenden Zahlen.
Tipp: Kühe im Wohnzimmer?
Viele Mythen ranken sich um Allergien: Sind zum Beispiel Dorfkinder „abgehärteter“ und weniger betroffen als Stadtkinder? Wäre also der Landkreis Regensburg Heuschnupfen-sicherer als die Domstadt? Allergologe Michael Kabesch sieht dafür keine Belege. Im Gegenteil: Kabesch war an der berühmten „Bauernhof-Studie“ beteiligt, die 2013 den Leibniz-Preis, quasi den deutschen Medizin-Nobelpreis, erhielt.
Deren Ergebnis: Kinder, die auf einem traditionellen Bauernhof aufwachsen, entwickeln kaum Allergien. Das liege aber nicht einfach am Landleben, denn beim Dorfladen sei der Effekt nicht da, sondern am dauerhaften Kontakt mit Ställen und Kühen im ersten Lebensjahr.
„Man könnte sagen: Eine Kuh im Wohnzimmer hilft. Praktisch ist das aber natürlich nicht“, sagt Kabesch. Warum das so ist und ob sich durch diese Erkenntnis eines Tages ein Gegenmittel gegen Allergien herstellen ließe, wird bis heute erforscht, sagt Kabesch. „Noch sind wir nicht soweit. Aber ich würde nicht ausschließen, dass jemand in zehn Jahren Mittel und Wege findet.“
Verbreiten sich hochallergene Pflanzen in Regensburg?
Bestand: Die Zahl der üblichen allergenen Bäume wie Hasel, Erle und Birke in der Region und der Stadt Regensburg sind über die vergangenen Jahre hinweg konstant, heißt es laut Sprecherin Katrin Butz seitens des Umweltamtes.
Klimawandel: „Wir sehen, dass der Pollenflug bei den milderen Temperaturen immer früher losgeht“, sagt Josef Sedlmeier, Gartenbau-Chef beim Landratsamt. Immer wohler in der Region fühle sich auch Ambrosia aus Amerika.
Ambrosia: Die invasive, hochallergene Pflanze fasst in Regensburg schon Fuß, stellt das Umweltamt fest. Sie wächst u. a. in Gärten unter Vogelhäusern aus importierten Körnern. Auch entlang der Autobahn findet man sie.


