Traditionsgeschäft: Nach 40 Jahren Optik Raab in Cham gibt es nun ein Ende auf Raten

Optik Raab – so steht es nun schon 40 Jahre lang an der Fassade des Hauses Fuhrmannstraße 5. Nun hat die Optikerfamilie Raab zum 1. März übergeben. Nicht nur geräuschlos, sondern auch reibungslos. Übernommen haben die beiden Optikermeister Gloria Grau und Carsten Thiesen. „Das hat so super geklappt, weil ich so vergesslich war“, sagt Thiesen.
40 Jahre, nachdem Fritz Raab dem ersten Kunden zu neuem Durchblick verholfen hat, ging es plötzlich ganz schnell: Raab stieß im Oktober bei der Handwerkskammer auf den Button „Geschäftsübergabe“. Zwei Tage später hatte er schon Kontakt zu Carsten Thiesen. Der hatte nämlich nach der Eröffnung seines Brillengeschäftes gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Gloria Grau in Bad Kötzting vergessen, den Eintrag zu löschen.
So wurde die Vergesslichkeit zum Glücksfall. An einem Sonntag im Oktober 2023 sei dann der Anruf gekommen, erinnert er sich: „Hallo, hier ist Fritz Raab, ich hätte da was für Sie..!“ Innerlich, so erzählt der Optikermeister, sei es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Aber gemeinsam habe man sich das dann schon gründlich überlegt. Am Ende stand pünktlich zum 1. März die Übernahme.
Ruhrpott und Bayerwald
Raab und Thiesen sind sich einig: eine Win-win-Situation. Denn Raab bleibt auf 520 Euro-Basis als Aushilfe und Urlaubsvertretung mit an Bord. Mit seinen 67 Jahren will er nicht ganz so abrupt auf Null herunterbremsen sagt er und erzählt von einigen ganz hartnäckigen und langjährigen Kunden, die gerne ihre Brille weiter von ihm haben wollen. „Ich bin ja da“, sagt Raab und weist nach oben, wo er im oberen Stockwerk weiter wohnt. „Ich hab nur die Firma verkauft, nicht das Haus.“ Eigentlich wollte Raab an seine Tochter übergeben, die auch Optikermeisterin ist. Allerdings war sie zu früh geboren, sagt er: „Sie hätte mich 20 Jahre mitziehen müssen. Und das wollten wir beide nicht.“
Der Optikermeister Thiesen stammt eigentlich aus dem Ruhrpott, aus Oberhausen. Er hat dort irgendwann nach der Schule ein Praktikum beim Optiker absolviert. „Das hat mir gefallen und ich bin hängengeblieben“, sagt er. Bereut hat er das bis heute nicht. Optiker ist ein vielseitiger Beruf, findet er: „Ich bin in der Werkstatt, ich ermittle Augenwerte, passe Brillen und Linsen an und habe mit Kunden zu tun. Es macht Spaß.“
Vom Ruhrpott in den Bayerwald war es zunächst nur eine Urlaubsfahrt. „In der Stadt war es mir zu hektisch, zu laut, zu unpersönlich. Ich bin immer wieder hierher in den Urlaub gefahren und vor 20 Jahren einfach geblieben“, sagt Thiesen. Damals arbeitete er bei einer Optikerkette und bekam problemlos eine Stelle im Bayerwald. Heute wohnt er mit seiner Lebensgefährtin bei Traitsching – und hat sich selbstständig gemacht.
Und der Fritz Raab? Geht einfach so in Rente? Mit 67? – Geht er nicht. Es würde ihm auch schwer fallen nach den 40 Jahren, die er mit viel Herzblut Tausende von Brillen und Kontaktlinsen verkauft hat. Der Anfang war schon hart, erinnert sich Raab. Da war ein Haufen Schulden, auf die es Zinsen zwischen 8,5 und 12 Prozent gab. „Das nagt an einem...“, erinnert er sich. „Bist Du narrisch,“ hat man nach seiner Lehre zum ihm gesagt, als er das dritte Optiker-Geschäft in Cham eröffnet hat. Heute sind es sechs, und Raab ist immer noch da. Auf die Frage nach dem Erfolgsgeheimnis kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Zuverlässigkeit, Schnelligkeit, Nettigkeit!“
Dazwischen hatte er noch ein heftiges Intermezzo als Vorsitzender des „Cham Service“ wider Willen. Die zwei Vorsitzenden Christa Strohmeier-Heller und Frank Hübler legten ihre Ämter nieder und Raab war acht Jahre lang ungewählt und kommissarisch Vorsitzender und später Mitglied im Nachfolge-Arbeitskreis Cham erleben.
Doch der Optikermeister erinnert sich noch gut, wie ihm die Anfänge zu schaffen machten. „Als wir in unseren ersten Urlaub nach Lignano fuhren, da hab ich in Burghausen angehalten, und zu Cordula gesagt: Entweder Du fährst jetzt weiter, oder ich kehre um.“ Damals hat Raab sich eingebildet, dass die Welt untergeht, wenn man nicht im Geschäft ist, sagt er. „Aber mit der Zeit wird man ruhiger. Und aufhören sollte man wirklich, wenn es am schönsten ist. Und jetzt war es am schönsten. Keine Schulden mehr, man wird abgeklärter, und akzeptiert es auch einmal, wenn man zu einem Kunden gar nicht passt – oder umgekehrt...“
Nach Brille kommt Radl
Billigramsch wollte Raab nicht verkaufen. „Ich habe Ware für jeden. Für die Mädels, für die eher exklusiven Kunden, für das Mittelalter, für die Brillenvernichter. Aber Trödel geht nicht über den Tisch.“ Das Geheimnis des Optikermeisters: Von 50 Brillen kann er meist fünf nicht verkaufen. Die bleiben dann da und gehen über den Ladentisch, wenn jemand einfach etwas Preiswertes sucht. „Das ist dann vielleicht nicht mehr der letzte Schrei, aber es ist noch immer gutes Material.“
Was passiert jetzt als Teilzeit-Optiker? Ein neue Hobby? Raab lacht: „Wir wollen uns E-Bikes kaufen.“ Zum Radeln ist er gekommen, nachdem er sich vor zwölf Jahren beim Skifahren das Tibiaköpfchen gebrochen hatte und die Kondition neu aufbauen musste. Seitdem radelt er. – Und dann ist da draußen ja noch der Schriftzug Raab auf der Fassade – und ein bisserl Raab wird wohl noch eine ganze Zeitlang drin sein.
Glosse
Kategorie: Brillenvernichter!
Von Johannes Schiedermeier
Ich erinnere mich noch ganz genau an den Moment der Niederlage. Es war beim Griechen. Und es war die Speisekarte. Ich war 50 und konnte sie nicht lesen. Nicht mehr. Die beste Ehefrau von allen musste aushelfen, sonst wäre ich verhungert. Ehrlich. Das Ergebnis war die Geschichte einer neue Beziehung, die schnell in die Brüche ging: „Meine Brille und ich“.
Es gibt recht wenige Dinge, die einem Optiker nicht passieren sollten. Er sollte den Durchblick behalten und die Fassung nicht verlieren. Beim zweiten war ich dem Raab Fritz sehr behilflich. Als er bei unserem Gespräch zur Geschäftsübergabe die Kategorien seiner Kunden aufzählte, an die er schon verkauft hat, da wusste ich genau, wen er meinte, als er den „Brillenvernichter“ aufzählte: Meins! Meins! Meins!
„Geht’s no?“, hat er damals gesagt, als ich ihm das erste Opfer meines Lebenswandels auf den Tresen legte. Eine angeblich unkaputtbare Sehhilfe gegen die Sonne mit Titanflex-Gestell. Ich mit dem Rennrad durch ein Schlagloch, Schwerkraft reißt Brille zu Boden, vom Lkw überfahren. Dreiachser! Platt. Eindeutig nicht unkaputtbar.
Fall 2: Teure Bildschirmbrille, Schranktüre offen, klare Kante, trotzdem übersehen, mittiger Bruch, auch fertig.
Fall 3: Unfalleinsatz, Jacke schwungvoll über die Schulter, Brille fliegt aus der Tasche, 95 Kilo im Laufschritt drauf, völlig geplättet, auch nicht unkaputtbar.
So ist es bis heute: Keine meiner Sehhilfen ist an Altersschwäche gestorben, aber alle sind jäh dahingeschieden unter Komplettverlust sämtlicher modischer Formen. Mein Optiker mag mich.!
