Gewerkschaften: Haben sie zu viel Macht oder sind sie Teil der Lösung?

Die aktuellen Streiks sorgen für Zündstoff. Schaden die Gewerkschaften dem ohnehin angeschlagenen Land? Oder sind sie Teil eines gut funktionierenden Systems? Zwei Autoren – Christian Eckl und Bernhard Fleischmann – streiten.
Christian Eckl sagt: Die Gewerkschaften sind mitverantwortlich an Deutschlands Sorgenkind-Dasein
Deutschland ist wieder zum Sorgenkind Europas geworden. Und die Gewerkschaften sind neben der Politik, die unzweifelhaft die Hauptschuld trägt an der Misere, mitverantwortlich. Der Motor stottert, Deutschland ist längst zum Land des Stillstands geworden. Wellenstreik ist das Wort der Stunde – ein völlig außer Rand und Band geratener Claus Weselsky und seine Sprenkelorganisation GDL legen den Bahnverkehr lahm, während zeitgleich verdi den Luftverkehr über Deutschland zum Erliegen bringt.
Doch halt: Die Lufthansa macht doch Rekordgewinne. Wieso sollten die Mitarbeiter nicht teilhaben daran, dass die deutschen Unternehmen nach wie vor im Kern stark und erfolgreich sind? Wer so argumentiert, erfasst nicht den Kern des Problems: Viele Gewerkschaften, längst nicht alle, sind zu reinen Klientelorganisationen geworden. Mehr noch: Sie wurden zu politischen Vorfeldorganisationen von Parteien und verfehlen dabei völlig ihren Arbeitsauftrag: Gute Arbeitsplätze erkämpfen, sichern und bewahren. Stattdessen geben sie politische Statements ab, zeigen im sicherlich ehrenwerten Kampf gegen rechts (leider allzuoft geht dieser dann bereits rechts der Mitte los und verunglimpft weite Teile der Wähler) Flagge und sind nicht mehr zu unterscheiden von linken, manchmal von linksextremen Politikern.
All dies hat auch einen großen Teil der Arbeitnehmer vor den Kopf gestoßen. Klar gibt es Ausnahmen! Wer hier vor Ort mit Vertretern der IG Metall spricht, merkt schnell, dass man dort eine große Verantwortung spürt. Kein Wunder, die Global Player in unserer Region bieten nach wie vor Arbeitsplätze, von denen die Verkäuferin, die um acht das Licht ausmacht, nur träumen kann. Und das ist das nächste Problem: Die Gewerkschaften haben über Jahrzehnte hinweg ein Zwei-Klassen-System manifestiert. Dort, wo sie stark sind, sitzen ihre Vertreter selbst in Aufsichtsräten und reden mit Konzernchefs mit. Dort haben sie Macht und setzen diese auch regelmäßig ein. Streiks kosten die Wirtschaft Milliarden.
Das Ergebnis in den Betrieben: Lange Betriebszugehörigkeit wird zum sicheren Polster. Man verdient deutlich mehr als der Nachwuchs, leistet aber weniger und lässt die Jungen für sich arbeiten. Ist das Gerecht? Nein. Aber was schert das schon die Gewerkschaften?
Bernhard Fleischmann sagt: Ohne Gewerkschaften ginge es den Menschen schlechter
Sind wir das neue Italien? Streiks statt Fleiß? Die Ausstände bei Bahn und Luftfahrt sind ein willkommener Anlass, Gewerkschaften generell gemeinsam mit der Ampel die Schuld für das Lahmen unserer Wirtschaft zuzuschieben; dass die Industrie angeblich flieht, weil es nichts mehr zu verdienen gibt und die Menschen nicht arbeiten wollen. Hört sich an, als wäre der Untergang nah.
Vermutlich ist er das nicht. Ebenso ist es falsch, den Gewerkschaften die Schuld für die Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte anzuhängen.
Um Forderungen für die Beschäftigten durchzusetzen, haben Gewerkschaften nur ein einziges Mittel: den Streik. Das ist lästig für Betroffene, manchmal mehr als das. Aber die Arbeitnehmervertreter verhalten sich in aller Regel, abgesehen von der GDL, konstruktiv. Sie sind genauso wie die Unternehmer und Mitarbeiter daran interessiert, dass es den Unternehmen gut geht und diese höhere Löhne und andere Verbesserungen leisten können. Das führt meist zu ausgewogenen Tarifabschlüssen.
Heutzutage lassen Tarifverträge Betrieben Luft zum Atmen. Es gibt eine Vielfalt an Möglichkeiten, individuelle Vereinbarungen zu treffen. Wer daraus flieht, will in der Regel halt weniger bezahlen.
Es ist ein großer Schaden, dass nur noch für die Hälfte der Beschäftigte ein Tarifvertrag gilt. Beschäftigte in tarifgebundenen Unternehmen verdienen elf Prozent mehr, im Schnitt jährlich 3022 Euro, netto! Und sie arbeiten 54 Minuten kürzer pro Woche. Nun gehen tarifgebundene Unternehmen nicht häufiger pleite als solche ohne Tarif. Die meisten erfolgreichen Unternehmen achten auf ein gutes Verhältnis zu den Gewerkschaften. Der Erfolg gibt beiden Seiten Recht.
Hinzu kommt: Was Gewerkschaften aushandeln, dient häufig selbst dort als Orientierung, wo die Verträge nicht gelten. Ohne Gewerkschaften würden Arbeitnehmer weniger verdienen und länger arbeiten. Auch der Staat hat so Vorteile – er nimmt höhere und zuverlässiger fließende Steuern ein.
Ein respektvolles Verhältnis hilft beiden Seiten und trägt zum gesellschaftlichen Frieden bei. Das ist (nicht nur) ein Standortvorteil. Zunehmende Wut, Hassaktionen gegen Politiker und Minderheiten, lassen uns gerade spüren, was es bedeutet, wenn dieser Frieden ins Wanken gerät. Das kann sich niemand wünschen.

