Alpenverein in Neumarkt will klimaneutral werden: Aber gehen Bergsport und Klimaschutz zusammen?

Die Neumarkter Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) will bis 2030 CO2-neutral sein. Doch der DAV bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Erlebnis in der Natur und deren Bewahrung,. Das zeigt sich beispielhaft an der eigenen Olpererhütte in den Zillertaler Alpen.
Die in den Zillertaler Alpen auf fast 2400 Metern gelegene Hütte ist Nachbarin eines Instagram-Hotspots. Eine schmale Hängebrücke überquert einen Bach. In Instagram findet sich immer wieder das gleiche Bild: Wer sich auf der Brücke aus einem bestimmten Winkel fotografieren lässt, scheint direkt über dem eigentlich viel weiter unten liegenden Stausee zu schweben.
Die Brücke hat es inzwischen in die überregionalen Schlagzeilen geschafft. Denn der Übergang birgt Konfliktstoff, wenn Wanderer in die Schlange jener geraten, die auf ihren Fotomoment warten.
Olpererhütte hat Tausende von Tagesgästen
Der Hotspot hat die Zahl der Tagesgäste in der Olpererhütte in der Vergangenheit bis auf 20000 in der viermonatigen Saison hochgetrieben. Inzwischen hat der Ansturm nachgelassen, wie Hüttenreferent Franz Baierl berichtet. 10000 waren es in der Saison 2023. Denn die Behörden haben reagiert und das Parken am Aufstieg zur Hütte limitiert.
Manch normalen Hotelier wäre das ein Dorn im Auge. Der DAV ist aber kein normaler Hotelier, auch wenn die Hütte zusätzlich zu den Tagesgästen zuletzt ein neues Hoch von 6149 Übernachtungsgästen beherbergte. Die Sektion freue sich, dass die Hütte attraktiv sei, sagt der Vorsitzende Bernhard Hollweck. Das Potenzial stärker auszunutzen, sei aber kein Ziel.
Dieses Spannungsfeld findet sich auch in der DAV-Satzung: Der Verband will den Bergsport fördern, zugleich aber die Schönheit der Berge erhalten. „Der DAV verfolgt den Zweck, dass Menschen in die Berge kommen, und dem soll er auch weiter dienen können“, sagt Max Krauser. Er betont das, weil er gemeinsam mit fünf weiteren Sektionsmitgliedern in einer Projektgruppe an etwas arbeitet, was manche als eine Bedrohung dieses Zwecks empfinden könnten. Bis 2030 will der gesamte DAV und damit auch die Sektion Neumarkt klimaneutral sein.
Neumarkter Sektion des DAV hat 7600 Mitglieder
„Was der DAV will, geht sehr weit“, sagt Alex Emmerling, der wie Krauser in der Klimaschutzgruppe ist. Das habe anfangs die Skepsis unter manchen der 7600 Mitgliedern gefördert. Nach zwei Jahren Arbeit der Gruppe sei die Skepsis aber inzwischen abgebaut. „Wir wollen niemandem etwas verbieten“, sagt Emmerling einen wichtigen Satz. Die Bergfreunde im DAV sollen beispielsweise auch weiterhin in die Natur fahren – aber eben klimaschonender.
Klimaneutralität haben sich auch Viele auf die Fahne geschrieben. Die tatsächliche Umsetzung scheint oftmals aber zweifelhaft. „Uns ist es aber ernst“, betont Manfred Meyer. Das unterstreicht auch, wie offen die Gruppe damit umgeht, dass der Weg zum Ziel komplex und holprig ist.
Konkret geht es dem DAV darum, den CO2-Ausstoß der Sektion zu bilanzieren. Doch was gehört alles rein? Und wie soll es von wem erfasst werden? Mit solchen Fragen setzt sich die Projektgruppe seit zwei Jahren auseinander. Inzwischen sei man einen großen Schritt vorangekommen, erklären die Mitglieder. Entscheidend dabei sei eine von Krauser programmierte App. Mit dieser könnten beispielsweise Tourenleiter ohne großen Aufwand Teilnehmer, Art und Zahl der Verkehrsmittel, Distanz und andere Daten erfassen.
Mit dem Bus in die Berge
Mit den Daten wird eine CO2-Bilanz erstellt, die wiederum die Höhe eines Klimabudgets bestimmt. Dieses muss die Sektion selbst aus ihren Mitteln finanzieren. Für 2023 ist die Bilanz noch nicht berechnet, für 2022 nur teilweise. Den tatsächlichen Ausstoß durch Veranstaltungen, Fahrten, Kletterzentrum, Olpererhütte und andere Bereiche der Sektion schätzt die Projektgruppe auf 200 Tonnen. Es gilt hier wie generell bei dem Projekt, dass Vieles im Fluss ist. „Wir tasten uns ran“, sagt Manfred Meyer. Ran an das Jahr 2030 und das Ziel, CO2-neutral zu sein.
Mit dem Klimabudget sollen konkrete Maßnahmen finanziert werden, um am CO2-Ausstoß zu arbeiten. Wobei die Devise lautet: Vermeiden vor reduzieren vor kompensieren.
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Beispiele sind ein Kleinbus für die Sektion, mit dem sich bei Fahrten mehrere Autos ersetzen lassen. Oder die Idee, sich mit anderen Sektionen für einen Reisebus zusammenzutun, der Bergfreunde zu wechselnden Zielen bringt. Er könnte die Flexibilität herstellen, die dem regulären ÖPNV bei manchen Zielen abgeht. Über das Klimabudget könnte es Zuschüsse geben. „Es geht darum, Angebote zu machen“, sagt Meyer. Keine Verbote.
Vegetarische Gerichte auf der Olpererhütte
Auch jenseits von Angeboten geschieht im Hintergrund einiges. Im DAV-Zentrum fließt Ökostrom. Die Mehrkosten finanziert das Klimabudget. An der Olpererhütte hat die Sektion das Kraftwerk, dessen Rapsöl aus Deutschland importiert werden musste, abgeschafft. Eine Leitung bringt grünen Strom aus dem Tal.
Auf der Hütte kommen verstärkt Produkte aus der Region auf den Tisch. Vegetarische Gerichte sind neben Fleischgerichten fest verankert. Auch hier: Angebote statt Verbote. Das Bewusstsein nehme aber zu, hat Hollweck festgestellt.
Hochbringen muss den Hüttenproviant aber nach wie vor ein Hubschrauber. Bis zur CO2-Neutralität ist es noch ein Stück Aufstieg. Aber damit kennt sich der Alpenverein aus.

