55-Hektar-Solarpark in Kelheim: Muss ein Dorf die Energiewende der Kreisstadt wuppen?

Wer profitiert? Wessen Belange sind wichtiger? Mit sehr gemischten Gefühlen schaut man in einem Kelheimer Ortsteil auf die Pläne für einen riesigen Solarpark. Anwohner, Landwirte und Jagdpächter schildern ihre Sorgen, der Investor nennt Details.
Rappelvoll war es im Stüberl im Staubinger Feuerwehrhaus lange vor Beginn des Bürgerinfo-Abends von Stadt und Südwerk Energie GmbH zum geplanten 55-Hektar-Solarpark. Es folgte ein intensiver Mittwochabend mit vielen Fragen.
• „Revival“: Pläne für den Freiflächen-PV-Park gab es in ähnlicher Dimension schon einmal. Vor gut einem Jahr hatte Kelheims Stadtrat, der Änderungen von Flächennutzungsplänen zustimmen muss, diese letztlich doch „abgebogen“. Doch weil der Investor (Südwerk) das Interesse aufrecht erhielt und die Stadt mehr Strom aus erneuerbaren Energien braucht, kam man im Stadtrat überein, „sich das Ganze noch einmal anzuschauen“, so Bürgermeister Christian Schweiger. Keiner wolle eine PV-Anlage oder ein Windrad „vor seiner Tür haben. Irgendwo im Stadtgebiet werden wir es aber machen müssen“.
• Status Quo: Aktuell sei man ganz am Anfang des Verfahrens. Schweigers grundsätzliche Erfahrung: „Einer wird sich immer benachteiligt fühlen.“ Daher sei Diskussion wichtig. Aufgabe des Stadtrats sei es, alle Belange abzuwägen. Mehrfach tauchte die Frage auf, ob alles schon fix sei. „Noch ist keine Entscheidung gefallen“, betonte Schweiger. Wer Einwände habe, solle die in den nächsten vier Wochen ans Rathaus adressieren. Jeder Stadtrat könne das Vorhaben „immer noch ablehnen“.
• (Agri-)PV-Module: Auf den zwei nördlichsten Flächen, die am nächsten zum Dorf liegen, könnten Agri-PV-Module kommen, informierte Planer Max Wehner. So bliebe der beste Boden landwirtschaftlich nutzbar. Jedoch könnten die Module „sechs bis sieben Meter“ in die Höhe ragen. Dies sei aber nicht in Stein gemeißelt, sondern „ein Angebot von uns an die Landwirte“, so Südwerk-Geschäftsführer Manuel Zeller Bosse. Bislang habe ein Spargelbauer Interesse bekundet. In dem Fall könnten die Module niedriger ausfallen. Anwohner aus Staubings Siedlung machten deutlich, dass sie so hohe Module in Dorfnähe problematisch sehen. Auch dass Bäume diese in wenigen Jahren „verschwinden“ ließen, bezweifelten sie. Gefragt wurde auch nach der beabsichtigen Ausrichtung der Module. Aktuell sei an eine Südausrichtung gedacht, so der Investor. Es könne aber sein, dass man auf Ost-West umschwenke. Der Planer sprach von viel „Eingrünung“ (7,5 Hektar) und erwähnte, dass die Flächen von Schafen beweidet werden sollen. Für Michael Schlamp, der seinen Hof, nur drei Kilometer weiter in Eining hat, wäre das interessant, sagt er auf unsere Nachfrage. Ausgemacht sei noch nichts.
• Anwohner: Weil eine Teilfläche nahe am Dorf nicht eingegrünt werden soll, fürchten Anwohner aus der Siedlung Spiegelungen bzw. Blendung. „Wenn das so ist, grünen wir das ein“, antwortete Wehner. Bürgerinfo-Abende seien dafür da, „dass der Vorhabenträger Einwände mitnehmen kann“, betonte denn auch Schweiger.
• „Das große Ganze“: Einige der 320 Staubinger sahen ihr Dorf in Sachen erneuerbare Energien über Gebühr belastet. Man werde Freiflächen-PV nie in gleichwertiger Größe in allen Ortsteilen realisieren können, entgegnete der Bürgermeister. Der Stadtrat müsse ans „große Ganze denken. Auch ihr Staubinger, seid Kelheimer“.
• Landwirte: Südwerk zahle eine gute Pacht, verhehlte ein Flächeneigentümer nicht. „Lieber PV, als Plastikfetzen“, die von Erdbeer- oder Spargelkulturen in der Natur zurückblieben. Zudem seien die meisten Staubinger Flächen an Auswärtige verpachtet. Zwei aktive Landwirte aus dem Dorf sehen sich dagegen wichtige Pachtflächen verlieren und ihre Belange „aus dem Raster“ fallen. Einer schilderte unserer Zeitung die Krux, dass Politik und Gesellschaft immer mehr Tierwohl forderten. Allein für den Umbau des Betriebs brauche es auch viel Grünland, das es nachzuweisen gelte. Ob Teile der insgesamt elf Flächen nicht doch noch für klassisch landwirtschaftliche Nutzung offenbleiben, „dazu hat man heute nichts gehört“, stellten die beiden am Ende ernüchtert fest.
• Alternativlos? Warum nicht die „Schutte“, eine verfüllte Deponie, für PV genutzt werde. Weil mit den Modul-Ständern der mit Folien abgedichtete Deponiekörper beschädigt würde, erklärte Markus Schnell vom Stadtbauamt.
• Jagdpächter: Der Jagdpächter kritisierte den geplanten Solarpark als „total verschachteltes Etwas“. Von der grundlegenden Flur bleibe da nichts mehr übrig. Aber auch mit Blick auf die Jagd selbst, legte er den Finger in die Wunde. Das Gebiet werde wesentlich schwieriger zu bejagen sein. Das stellte Zeller Bosse nicht in Abrede und versprach einen „Ausgleich zu zahlen, der nicht schlecht ist“.
• Batteriespeicher und Umspannwerk: Warum in Staubing und warum so groß? Das fragten sich viele. Das Wichtigste sei der Anschluss ans Netz, erklärte Zeller Bosse. „Deshalb müssen wir in der Nähe von Umspannwerken bauen.“ Da sich im nahen Sittling „ein riesiger Netzknotenpunkt befindet, bauen wir hier“. Zudem wolle man auch einen „riesigen Batteriespeicher“ bauen und südlich des Sittlinger Umspannwerks ein eigenes neues. „Das kostet zehn Millionen, da kann ich nicht zwei Hektar machen.“ Grundsätzlich ließ der Investor durchblicken, dass man die Leitung nach Sittling „auch größer auslegen“ könne. Dies würde die Einspeisungsprobleme zahlreicher Staubinger (Dach-PV) beseitigen – und wäre die Idealvorstellung des Bürgermeisters.
• Finanzielle Beteiligung: Zeller Bosse stellte eine Bürgerbeteiligung in Aussicht. „Wenn die Planreife absehbar ist.“ Dann könnten zuerst Staubinger, dann Kelheimer und Landkreis-Bürger Anteile zeichnen. Bei bestehenden Anlagen gebe es aktuell „4 bis 4,5 Prozent Zinsen“ im Jahr. Dass sein Unternehmen die Anlage nach dem Bau weiterverkaufe, sei nicht zu befürchten, sagte er. Es sei angedacht, vor Ort eine Firma zu gründen, die in Kelheim Gewerbesteuer zahle.
Feldlerchen, viel Grün und digitale Unterlagen
Dimensionen: Laut Planer hat der angedachte Solarpark eine Gesamt-Dimension von 55 Hektar. Verteilt sind die Module auf elf Teilflächen zwischen Staubing und Sandharlanden. Insgesamt entspreche dies 46 Hektar. 7,5 Hektar „außen herum“ entfallen für die Eingrünung der Anlagen mit Hecken und Baumreihen.
Ausgleichsflächen: Der Rest seien „interne Ausgleichsflächen“. Laut artenschutzrechtlichem Gutachten gibt es in dem Gebiet 18 Feldlerchen. Für sie würden weitere Ausgleichsflächen fällig.
Auslegung: Der Infoabend fand zu Beginn der öffentlichen, vierwöchigen Auslegung des Flächennutzungsplans statt. Das Areal soll in ein „Sondergebiet Erneuerbare Energien“ umgewandelt werden. Erste Voraussetzung für den Solarpark. Die Unterlagen sind online öffentlich einsehbar: www.kelheim.de/aktuelles/bekanntmachungen (Bekanntmachung der Stadt Kelheim, Nr. 3.2-610-20/38)