Wo im Landkreis Cham kleine Häuser für große Träume entstehen

Von Mittelbayerische Zeitung · 23. Februar 2024 um 05:00

Es ist gerade Fastenzeit – die Zeit des Verzichtens. Dafür gibt es Heilfasten, Fasten-Yoga, Schweigekurse oder Handyfasten – selbst digital lässt sich heute fasten. Doch manche verzichten freiwillig auf Wohnraum – und erfüllen sich damit einen Lebenstraum mit einem Tiny-Haus.

Was solche Menschen dazu veranlasst, auf liebgewonnene und oft vollgefüllte Quadratmeter zu verzichten, das wissen Philipp Weber (36) und sein Bruder Samuel (34) sowie Alexander Plank (47) genau. Die drei gehören zu den Tiny-Haus-Pionieren in der Region, lassen seit acht Jahren in der Haselmühle in Walderbach übersichtliche und individuelle Wohnträume wahr werden.

Der Clou: Sie bieten den Bauherren die Möglichkeit zur Mitarbeit am eigenen Tiny-Haus, veranstalten dafür Do-it-yourself-Kurse und bieten einen Rund-um-Service mit Baugrundsuche und Behördengängen.

So ist eine kleine Bausiedlung von sechs Minihäusern aus regionalem Holz hinter der Haselmühle entstanden. Und wer dort an Wochenenden entlang des Regens spazieren geht, hört das Hämmern, Sägen und Tackern vom Bauplatz. Die Bauherren dürfen die Profimaschinen der Zimmerei mitbenutzen, bekommen Tipps und Antworten von den drei Profis. „Manche Bauherrin hat hier zum ersten Mal einen Akkuschrauber in der Hand“, sagt Philipp Weber, der eigentlich Physiker ist und, neben der Leidenschaft für die Tiny-Häuser, sein Geld mit der Arbeit für eine Versicherung verdient.

Ähnlich ist das bei dem Regensburger Alexander Plank – der ist im Hauptjob Lehrer, aber auch Schreinermeister. Er und Samuel Weber, ebenfalls Schreinermeister, Architekt für Holzbau und Geschäftsführer der Haselmühle, lernten sich vor Jahren in der Holzakademie in Cham kennen. Und irgendwann rief Alexander Plank ihn wieder an, um ihn für den Tiny-Hausbau zu gewinnen.

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„In Regensburg fand sich dafür keine geeignete Werkstatt“, so Plank. Viel Überzeugungsarbeit brauchte er nicht zu leisten – die Weber-Brüder waren schnell begeistert. Seitdem suchen sie Wege, um Tiny-Häuser zu verwirklichen. Ein dickes Brett sind dabei oft die Behörden, wie sie lernen mussten. Denn in den Gemeinderäten säßen häufig Skeptiker des Wohnens auf kleinem Raum.

„Da bin ich am Anfang zu naiv gewesen“, sagt Philipp Weber. Die Vorbehalte gegen solche Wohnprojekte seien da, selbst bei jungen Bürgermeistern. Die auszuräumen und Gemeinderäte vom eigenen Tun zu überzeugen, sei oft langwierig, doch auch Aufgabe für sie. Um 2010 seien erste Tiny-Häuser in Billigstform aufgestellt worden – und hätten vor Ort einen schlechten Eindruck vermittelt. Das hänge ihnen heute noch nach, sagt Philipp Weber. Auch heute gebe es Billigangebote – man müsse auf vieles achten, um nicht später Probleme zu bekommen.

Irgendwo ist die Haselmühle auch Sozialprojekt, denn sie bringt Menschen zusammen, die gemeinsam an ihrem Traum bauen. „Für manche ist das hier sogar eine Ersatzfamilie“, meint Philipp Weber. „Und viele wünschen sich ein Gemeinschaftshaus“, sagt Alexander Plank. Zahlreiche Tiny-Haus-Interessenten seien etwa geschiedene oder verwitwete Frauen, die mit anderen einen Neuanfang suchten. Aber auch eine fünfköpfige Familie baut hier an ihrem neuen Domizil, das als Modulhaus 50 Quadratmeter haben wird.

Alle packen zusammen an. So steht in einem Tiny-Haus ein Schild für die anderen Hausbauer – mit dem Hinweis, dass der Kaffee dieses Mal nebenan im Nachbarhaus zu finden ist. So ist das bei wenig Raum – man muss das Miteinander lieben. Und auch das haben die Tiny-Haus-Tüftler gelernt: Es gibt Zeiten, wo auch das nicht klappt. Daher brauche jedes Haus – und ist es noch so klein – eine Art Panik- oder Rückzugsecke. Das könne eine Fensternische mit Vorhang sein, so Weber. Gerade weil die Häuser klein sind, braucht es viel Planung bis ins kleinste Detail.

„Allein am Bad planen wir einen Monat!“, sagt Philipp Weber. Vieles haben sich die drei Firmengründer über die Jahre angeeignet, haben ihr eigenes Tiny-Haus vor dem Firmengebäude stehen, um immer neue Lösungen zu finden und zu tüfteln. So entpuppt sich eine Holzkunst an der Wand als klappbare Treppe in den ersten Stock. Jeder Raum wird genutzt – die Ecke in der Küche etwa dient als unsichtbarer Stellplatz für die Waschmaschine, die vom Bad nebenan befüllt wird, die Treppenstufen sind gleichzeitig Schubladen.

Wer einmal reinschauen möchte für eine Besichtigung, habe samstags die Gelegenheit, so Philipp Weber.

Das Projekt in der Haselmühle

Konzept: Die Haselmühle in Walderbach ist nicht nur für Tiny-Haus-Wünsche offen, sondern für Bauprojekte wie etwa Altbausanierungen. Dafür arbeitet das Unternehmen mit 18 beschäftigten bundesweit mit Firmen zusammen, sucht auch regional Partnerbetriebe oder Architekten, um Projekte umzusetzen.

Tiny-Haus: Gesucht werden Grundstücke und Verpächter. Aktuell sind Grundstücke für Tiny-Häuser in Reichenbach, Roding-Strahlfeld und Kürn zu haben. Die Häuser erfüllen die KfW40-Norm oder besser. Die Kosten liegen bei 2000 Euro je Quadratmeter (brutto) – es startet bei 45000 Euro (22 m²) und geht bis 120000 Euro (50 m²). Das Kleinste ist 13 m² groß, das größte Modulhaus hat 160 m² in allen Formen.

Hier bauen die Bauherren mit: die Tiny-Haus-Siedlung in Walderbach von oben. Fotos: ck /Haselmühle
Gemütlich bis ins Kleinste ...
Die Treppen sind Schubladen.