Barrierefreiheit bedeutet sehr viel mehr als nur abgeflachte Bordsteine in Neumarkt

Von Peter Romir · 20. Februar 2024 um 17:05

Barrierefreiheit ist nichts, was nur Menschen mit Behinderung angeht. Wer schon einmal mit Gipsfuß über das Kopfsteinpflaster der Altstadt von Neumarkt gelaufen ist oder mit einem Kinderwagen vor dem kaputten Bahnhofsaufzug stand, erkennt schnell den Wert barrierefreier Zugänge. Menschen mit Behinderung begegnen diesen und anderen Hindernissen nur wesentlich öfter.

Bayern nahm im letzten Jahrzehnt viel Geld in die Hand, um solche Hürden zu beseitigen. Zwischen 2015 und 2023 stellte der Freistaat laut eigenen Angaben über eine Milliarde Euro für das Programm „Bayern barrierefrei“ zur Verfügung. Im Haushaltsplan 2024/25 kamen gerade weitere 318,1Millionen dazu. Doch kommt dieses Geld auch vor Ort an?

Mehr Parkplätze für Behinderte in Neumarkt

„Es ist viel getan worden in den letzten Jahren“, meint Sigrid Steinbauer-Erler. Die Grünen-Stadträtin ist als Referentin für Menschen mit Behinderung die zentrale Ansprechpartnerin der Stadt zum Thema Barrierefreiheit. „Wenn ich eine Anfrage bekomme, bei der die Stadt helfen kann, dann wird das in der Regel auch umgesetzt.“ Als Beispiele nennt sie die zusätzlichen Parkplätze für Rollstuhlfahrer am Festplatz oder den neu gestalteten Bereich rund um das Rathaus. „Auch dass wir einen Beirat für Menschen mit Behinderungen haben, in dem sich die Betroffenen direkt einbringen können, ist für eine Stadt dieser Größe nicht selbstverständlich.“

Dennoch seien im Alltag nicht alle Probleme zu lösen: „Das liegt auch daran, dass die Wünsche je nach Behinderung sehr unterschiedlich sind“, sagt Steinbauer-Erler. Bestes Beispiel: Bordsteinkanten. Blinde Menschen vermissen in der Altstadt spürbare Erhebungen: „Mit dem Langstock kann ich die Übergänge zu kleinen Seitenstraßen wie dem Viehmarkt oder der Pulverturmgasse schwer ertasten“, sagt Kerstin Schubert. „Die fühlen sich genauso an, wie die Regenrinnen im Boden.“ Leichter geht es, wenn sie mit ihrem Führhund Felix unterwegs ist. „Der erkennt, was eine Straße ist, und bleibt dann stehen, auch wenn da keine spürbare Abgrenzung ist.“

Stadt Neumarkt bietet Behinderten Unterstützung

Für Rollstuhlfahrer wie Jakob Heyn sind Bordsteinkanten dagegen oft unüberwindliche Hindernisse. „Deswegen benutze ich meist die gleichen Wege, von denen ich weiß, dass sie funktionieren.“ Doch in der Praxis kommt immer wieder etwas dazwischen: parkende Autos, Schnee im Winter, Bestuhlungen im Sommer. Und Baustellen. „Da steht dann oft ein Schild, das Fußgängern zeigt, wo sie hinlaufen sollen. Und solche Wege enden meist an einer Kante. Da heißt es für mich zurückfahren und eine neue Route ausbaldowern.“

Heyn und Schubert loben aber auch, dass gerade bei neu angelegten Straßen und Wegen in Neumarkt auf viele Bedürfnisse geachtet wurde: So hat die Ampel an der Einmündung der Mühlstraße in die Dammstraße sowohl abgesenkte Bordsteine für Rollstuhlfahrer, als auch eine Blinden-Leitlinie mit Kante. Doch nicht alle Baumaßnahmen laufen so reibungslos.

„Viele Menschen mit Autismus wünschen sich ruhige Stunden, in denen in Supermärkten keine Hintergrundmusik läuft – auch Rentner profitieren davon.“ Anke Kidan, EUTB Neumarkt

„Dass die Aufzüge am Bahnhof für Monate ausgefallen sind, hat mich sehr wütend gemacht“, sagt Anke Kidan von der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung EUTB. „Wer keine Treppen steigen konnte, hatte wochenlang keine Möglichkeit, mit dem Zug nach Regensburg zu kommen.“

Kidan berät in der EUTB nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern ist auch selbst betroffen: Als Autistin spürt sie Reize deutlicher, etwa beim Einkaufen. „Viele Menschen mit Autismus wünschen sich ruhige Stunden, in denen in Supermärkten keine Hintergrundmusik läuft und das Personal sich mehr Zeit nimmt“, sagt sie. In anderen Landkreisen sei ein solches Modell bereits erfolgreich: „Auch Rentner oder Menschen, die es gerne ruhiger haben, profitieren davon – und bringen Geld in die entsprechenden Läden.“

Wohnen für Menschen mit Behinderung

Hier hat man freilich den Bereich schon verlassen, auf den die Stadt direkten Einfluss hat. Noch komplizierter wird es beim Wohnraum: „Ich habe viel mit Leuten zu tun, die nach einem Schlaganfall ihre Wohnung nicht mehr verlassen können, da es keinen Aufzug gibt“, erzählt Alica Lachmann von WohnGewinn. Dieses, bei Regens Wagner angesiedelte Projekt, soll Menschen mit Behinderung helfen, eine passende Wohnung zu finden. „Wir versuchen vor allem, die Ängste in den Köpfen von Vermietern abzubauen“, sagt Lachmann. „An Menschen mit Behinderung zu vermieten, kann sogar Vorteile haben. Etwa weil die Mietzahlungen von Trägern garantiert werden.“

Auch Lachmann sieht den aktuellen Stand der Barrierefreiheit kritisch. So fehlen ihr an vielen Orten noch Möglichkeiten für schwerhörige Menschen oder Informationen in leichter Sprache.

Gesprächsabend am 29. Februar

Das Projekt WohnGewinn lädt am 29.Februar um 18Uhr zum Austausch über Barrierefreiheit ins Landratsamt, Nürnberger Straße 1. Mit dabei sind Professor Albrecht Rohrmann, der an der Universität Siegen zur Barrierefreiheit der Städte in Deutschland forscht. Die blinde Olympiateilnehmerin Ina Fischer erzählt, wie Erlangen in einem Pilotprojekt versucht Hürden abzubauen. Und der Jurist und Musiker Alois Kölbl berichtet von seinem Erfahrungen im Rollstuhl.

Blindenführhund Felix kennt den Weg. Foto: Franziska Mahler