Keine Angst am virtuellen Abgrund: Mit VR-Brille hilft die Hochschulambulanz bei Phobien

Von Marion Neumann · 18. Februar 2024 um 15:00

Höhenangst, Spinnenangst oder Soziale Angststörungen werden von der Hochschulambulanz für Psychotherapie mit Hilfe von virtueller Realität behandelt. „Viele Patienten wissen gar nicht, dass man in relativ kurzer Zeit etwas gegen Ängste machen kann“, sagt die psychologische Psychotherapeutin Theresa Wechsler.

Der Wind pfeift, die Vögel kreischen. Der Blick nach unten durch den Gitterboden zeigt, wie weit es in die Tiefe geht: 38 Meter sind es von Plattform des Turmes bis nach unten. Eine schwindelerregende Höhe, in der die Hände schwitzig und die Beine zittrig werden können. „Sollen wir noch eine Stufe nach oben gehen? Dann wären es 50 Meter“, schlägt Therapieassistentin Angelika Marx vor. Erst diese Frage ruft wieder in Erinnerung, dass die begehbare Aussichtsterrasse – eine Nachbildung des Tetraeders in Bottrop – gar nicht real ist.

Denn statt in Nordrhein-Westfalen, wo sich sich die Stahlkonstruktion tatsächlich befindet, findet die Begehung in einem Sprechzimmer der Hochschulambulanz für Psychotherapie in der Landshuter Straße in Regensburg statt. Mit Hilfe von virtueller Realität (VR) wird hier Menschen mit Höhenangst geholfen.

„VR-Therapie ist unser Schwerpunkt“, sagt Theresa Wechsler, stellvertretende Leiterin der Ambulanz, „Professor Andreas Mühlberger, der Leiter der Einrichtung, ist einer der Vorreiter auf diesem Gebiet gewesen.“ Nicht nur Höhenangst, auch Phobien wie Spinnenangst oder Soziale Angststörungen werden in der Spezial-Sprechstunde mit Expositionstherapie in virtueller Realität behandelt.

Bewegungsplattform für Fahr- und Flugangst

An der Universität Regensburg, wo die Hochschulambulanz am Lehrstuhl für klinische Psychologie und Psychotherapie angesiedelt ist, gibt es zusätzlich noch eine Bewegungsplattform mit VR, die bei Fahr- oder Flugängsten zum Einsatz kommt. Wie Wechsler erklärt, sei Konfrontation für Ängste die wirksamste Behandlungsmethode. „Wir begleiten die Patienten in den Situation – und natürlich braucht es Vorbereitung“, sagt die psychologische Psychotherapeutin.

Offen stehe das Angebot nicht nur Studierenden. „Jeder, der eine Krankenkassenkarte hat, privat versichert oder Selbstzahler ist, kann zu uns kommen“, sagt sie. Vom Manager, der unter Flugangst leidet, bis hin zum Arbeiter in einer Industrieanlage, der die Höhe dort nicht mehr aushält, habe ihr Team schon viele Patienten behandelt.

„Beim Thema Spinnenangst sind es häufig junge Erwachsene, die von Zuhause ausziehen wollen – aber sich nicht trauen, weil sie dann niemanden mehr zu Hilfe rufen könnten“, fügt sie hinzu. Oft erlebt Wechsler auch, dass Patienten schon lange mit ihrer Ängsten gelebt haben, bevor sie Hilfe suchen. „Viele wissen gar nicht, dass man in relativ kurzer Zeit etwas dagegen machen kann – und dass das sogar die Krankenkasse bezahlt, wenn man eine relevante Beeinträchtigung hat.“

Schnelle Erfolge bei Höhenangst

Gerade bei einer Höhenphobie reiche manchmal schon eine lange Sitzung aus. Entscheidend sei, dass Patienten so lange in der Angstsituation bleiben würden, bis sich etwas verändere. Erst dann finde ein Umlernen im Gehirn statt. „Wenn sich Menschen privat zu Konfrontationen zwingen, brechen sie meist zu früh ab. Beim nächsten Mal kommt die Angst dann genauso stark wieder.“

Zusätzlich zur VR-Brille können auch Begehungen in der Realität zum Einsatz kommen, erklärt Wechsler noch. „Bei Höhenangst gehen wir dann zum Beispiel auf den Turm der Dreieinigkeitskirche oder auf die Eisenbahnbrücke Mariaort. Für extrem phobische Patienten reicht manchmal schon unser Treppenhaus aus.“

Auch für ungewöhnlichere Ängste, wie etwa einer Vogelphobie, müsse man manchmal in die Realität ausweichen. „Bei Angst vor Hühnern überlegen wir, wo es einen geeigneten Hühnerstall gibt“, sagt Wechsler. Mit anderen Vögeln gebe es sogar bereits VR-Szenarien. „In so einem Fall kann man schon einmal mit Tauben in der virtuellen Realität üben“, sagt sie, „meist bringt einen das schon einen Schritt weiter.“

Theresa Wechsler ist die stellvertretende Leiterin der Hochschulambulanz für Psychotherapie. Foto: Wechsler