Nach MGB-Recherche: Polizei ermittelt wegen Volksverhetzung bei Kinderfasching in Bayerwald-Disco

Von Alexander Augustin · 16. Februar 2024 um 14:10

Die Kriminalpolizei Deggendorf ermittelt wegen ausländerfeindlichen Parolen, die bei einer Kinderfasching-Veranstaltung in einer Diskothek im Landkreis Regen gegrölt wurden.

Auslöser dafür sind Recherchen der Mediengruppe Bayern (MGB), der ein Video vorliegt, auf dem Jugendliche zum einstigen Elektro-Hit „L’amour toujours“ von Gigi D’Agostino „Ausländer raus“ singen. Ein Fall von Volksverhetzung, der seinen Ursprung im sozialen Netzwerk TikTok hat.

Hit wird von Rechtsextremen missbraucht

Es geht um Liebe, ewige Liebe. Dazu ein durchdringender Beat. Seit 23 Jahren dröhnt „L’amour toujours“ des italienischen DJs Gigi D’Agostino durch die Diskotheken und Clubs dieses Landes. Ein Dauerbrenner, textlich unverfänglich, musikalisch eingängig. Doch seine Unschuld hat der Song verloren, ganz ohne eigenes Zutun. In rechtsextremen Kreisen hat sich der Elektro-Hit in den vergangenen Wochen zur Rassismus-Hymne entwickelt. Videos, vor allem beim sozialen Netzwerk „TikTok“, zeigen, wie Menschen auf den eigentlich textlosen Refrain „Ausländer raus, Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ skandieren. Eine Parole der Neonazis – die durch die musikalische Verbreitung in den sozialen Medien vor allem unter Jugendlichen salonfähig zu werden droht. Das zeigt ein Fall, der sich am Faschingssonntag in einer Großraum-Diskothek im Landkreis Regen abgespielt hat.

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Ein Videoclip, der der Passauer Neuen Presse vorliegt, zeigt Szenen des Kinder- und Jugendfaschings, der im bekannten Club traditionell am Faschingswochenende veranstaltet wird. Darauf ist eine volle Tanzfläche zu sehen, Heranwachsende, die ausgelassen tanzen – zu „L’amour toujours“. Als der Refrain des Liedes einsetzt, grölt ein Teil der jungen Gäste im Takt, klar hörbar und mehrmals „Ausländer raus“. Ob im Nachgang auch „Deutschland den Deutschen“ gesungen wird, ist akustisch nicht zweifelsfrei zu erkennen.

Entsetzte Mutter hat Anzeige erstattet

Eine entsetzte Mutter hat den Clip, der bei WhatsApp die Runde macht, der PNP zugespielt. „Hier ist eine Grenze überschritten“, sagt sie. „Mir ist es eiskalt den Rücken heruntergelaufen, als mir meine Tochter das Video gezeigt hat.“

Nach Recherchen der PNP hat die Polizei noch am Donnerstag Ermittlungen aufgenommen. Am Nachmittag hat dann auch die Frau bei der Polizeiinspektion in Viechtach Anzeige erstattet. Das bestätigt Dienststellenleiter Sebastian Stemplinger auf Anfrage unserer Zeitung: „Es liegt ein Anfangsverdacht der Volksverhetzung vor.“ Die Anzeige wurde samt dem Video zur weiteren Ermittlung an die Kriminalpolizei Deggendorf übergeben. Dass es sich bei den Verdächtigen um Kinder und Jugendliche handle, sei für die Ermittlungen zunächst einmal unerheblich.

Mehrere Vorfälle in Bayern

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich bald auch der Staatsschutz mit dem Video aus der Bayerwald-Disko befassen wird. Das zeigen ähnliche Vorfälle aus anderen Teilen Bayerns. So sollen etwa AfD-Mitglieder nach dem Landesparteitag im mittelfränkischen Greding bei einem Disko-Besuch die Nazi-Parole gesungen haben. Hier ermittelt der Staatsschutz.

Zu einem Eklat kam es am Unsinnigen Donnerstag auch beim Faschingszug im schwäbischen Landsberg am Lech, als Mitglieder einer Landjugend das Lied spielten und die Parole von einem Wagen skandierten. Die Kripo Fürstenfeldbruck hat hier bereits Beweismittel ausgewertet.

Beim jüngsten Fall in der Bayerwald-Disko steht die Polizei noch am Anfang ihrer Ermittlungen. Konkrete Verdächtige ausfindig zu machen, dürfte sich schwierig gestalten. Das Video ist dunkel und relativ unscharf. Dass es aber in der Diskothek im Landkreis Regen aufgenommen wurde, ist nach PNP-Recherchen zweifelsfrei bewiesen.

Der Kinder- und Jugendfasching ist dort zur Tradition geworden und bei Heranwachsenden im ganzen Landkreis beliebt, weil sie dort Disko-Luft schnuppern können. Angekündigt waren unter anderem „Spiele und Animation“ sowie „Gratis Süßigkeiten“. Unter den Veranstaltern gilt der Kinderfasching als „schönste und friedlichste Party des Jahres“ – vor allem, weil ohne Alkohol auch die üblichen Ärgernisse ausbleiben. Zumindest bisher.

Disko-Betreiber: „Distanzieren uns total“

Der Betreiber der Diskothek hat laut eigener Aussage erst auf PNP-Anfrage von dem Vorfall und dem davon existierenden Video erfahren. „Wir distanzieren uns total davon“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Er nimmt auch den DJ der Kinderdisko aus der Verantwortung: „Wir spielen das Lied bei uns seit 20 Jahren. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass man es für solche Parolen missbrauchen könnte.“ In seinem Nachtclub werde der Song aus den frühen 2000ern nun von der Playlist fliegen, kündigte der Betreiber an. Und die große Lehre daraus? „Wir müssen deutlich mehr in die demokratische Bildung unserer Jugend investieren, nicht nur in unser Diskothek, sondern in der gesamten Gesellschaft.“

Der Song „L’amour toujours“ des italienischen DJs Gigi D’Agostino ist gekapert worden. − Foto: imago