Unbekannter vergiftet Baum in Regenstauf: Wer hat es auf eine Eiche abgesehen?

Heute befindet sich nur noch ein Stumpf dort, wo der Baum vor rund 200 Jahre aus dem Waldboden in Regenstauf (Landkreis Regensburg) spross. Die vergiftete Eiche musste gefällt werden. Und noch immer ist unklar, wer den Umwelt-Frevel begangen hat.
Irgendwo hier muss es gewesen sein. Ein Waldgebiet auf einer Anhöhe in Regenstauf, keine hundert Meter vom Kompostplatz entfernt. Durch die Bäume hört man das Rauschen der A93. Der Feldweg führt bergab. Aus einiger Entfernung sieht man schon die Sägespäne. Geht man ein paar Schritte, steht man vor den Überresten einer Eiche.
Eiche erlebte Neuordnung Europas
Rechnen wir mal großzügig zurück: Zu der Zeit, als die junge Eiche die Decke des Erdreichs durchstieß, kam in Wien gerade ein Kongress zusammen, der Europa neu ordnete. Während der Baum stetig wuchs, nahm die deutsche Geschichte ihren Lauf. Das Kaiserreich wich der Weimarer Republik – da hatte die Eiche schon ungefähr hundert Jahre auf dem Buckel. Einen historischen Wimpernschlag später griffen die Nationalsozialisten nach der Macht und seit 1949 steht sie in einem friedlichen Land. Womöglich hätte die Eiche noch viel mehr kommen und gehen sehen – wäre sie nicht vergiftet worden.
Irgendwann in den vergangenen Wochen – wenn nicht gar Monaten – muss es gewesen sein. Ein Unbekannter schleicht durch das Waldgebiet, in der Hand einen Bohrer. An der Eiche setzt er an. Fünf Löcher zeugen davon. Der Unbekannte flößt dem Baum Gift ein. Die Eiche stirbt ab.
Schwierige Ermittlungen
Der Baum wurde inzwischen gefällt. Das schwere Gerät, mit dem die Eiche aus dem Wald gezogen wurde, hat im angrenzenden Feld deutlich sichtbare Furchen hinterlassen.
Zuvor hat der Waldbesitzer den Frevel bei der Polizeiinspektion Regenstauf angezeigt. Öffentlich sprechen möchte er nicht. Einen Täter habe man noch nicht fassen können, sagt Polizeisprecher Albert Brück. Aber: „Wir ermitteln weiter.“ Ganz einfach gestalte sich der Fall allerdings nicht. Der Baum stand schließlich fernab jeder Wohnbesiedelung. „Das macht es schwierig“, sagt Brück.
Warum ausgerechnet dieser Baum?
Ein Fall mit vielen Fragezeichen. Eines davon: Warum musste ausgerechnet dieser Baum sterben? Geht man vom Eichenstumpf den Weg hinab, kommt man schnell auf eine Teerstraße. Die führt vom Pendlerparkplatz an der A93 zu einem Jägerstand. Ob der Täter über die Straße kam? Allerdings steht keine hundert Meter die Straße hinab eine andere massive Eiche. Ein ausgewachsener Mann kann sie nicht einmal zur Hälfte umarmen. Warum nicht dieser Baum? Fragen, die auch die Polizei beschäftigen.
Die Beamten suchen nach wie vor nach Zeugen der Tat und ermittelt wegen Sachbeschädigung. Insbesondere Jäger könnten interessante Zeugen sein. Oder Spaziergänger, die immer wieder im Wald unterwegs sind. Auch Förster könnten weiterhelfen, sagt Brück von der Polizei Regenstauf. Wer etwas gesehen hat, kann sich bei den Beamten unter der Telefonnummer 09402-93110 melden. Michael Roßkopf ist Bereichsleiter Forsten am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Regensburg-Schwandorf (AELF). Seine Kollegen und er bieten Waldbesitzern regelmäßig Unterstützung an. Der Umweltfrevel bei Regenstauf macht ihn fassungslos. „Ich weiß nicht, was das soll.“ Den Satz wiederholt er im Telefonat mehrfach. Es sei schwer nachzuvollziehen, was Menschen dazu bewegt, einem Baum so etwas anzutun. „Was soll das?“ Zugleich betont Roßkopf: „Das ist ein seltener Ausnahmefall.“
Vereinzelt gab es in den vergangenen Jahren Fälle, in denen Bäume vergiftet wurden. Im vergangenen August wurde bekannt, dass in Hamburg zehn Rotbuchen, zwei Sandbirken und eine Esskastanie angebohrt wurden.
Weitere Fälle in der Region
Auch rund um Regensburg gab es vergleichbare Vorkommnisse. Im Juni 2020 wurde ein Ahorn und eine Eiche im Norden der Domstadt zum Opfer von Umwelt-Frevlern. Sie bohrten die Stämme auf und stopften vergiftete Watte hinein. Die Bäume mussten gefällt werden. Das war nicht der einzige Fall von Baum-Frevel im Jahr 2020: In Obertraubling wurden einige Linden entlang der Niedertraublinger Straße vergiftet.
Geht man aus dem Regenstaufer Waldstück heraus, fällt der Blick an den Wegesrand. Dort liegt ein Trinkbecher einer Fast-Food-Kette, daneben ein zerknülltes Papier, ausweislich seiner Aufschrift war darin mal ein Cheeseburger eingewickelt. Im Wald liegt eine Plastiktüte und ein Kaffeedeckel. Zeichen eines alltäglichen Umwelt-Frevels.