General Andreas Kühne verlässt Cham und seine Panzerbrigade 12 mit zwei weinenden Augen

Von Johannes Schiedermeier · 13. Februar 2024 um 19:00

Seit Oktober 2021 führt General Andreas Kühne seine Panzerbrigade 12 Oberpfalz. Zum Abschied hat er mit im Interview mit unserer Zeitung über seine Zeit in Cham, seine Brigade und die Folgen des Ukrainekriegs für die Bundeswehr und das Land gesprochen.

Herr General, was war das Besondere an Ihrer Aufgabe in Cham?

Der Dienstposten an sich. Verantwortlich zu sein für 5000 Soldaten und Mitarbeiter. Die Zusammenarbeit mit allen hier hat mir eine Menge Spaß gemacht. Ich verlasse Cham mit zwei weinenden Augen. Ich wäre gerne mit meiner Brigade den angefangenen Weg weiter gegangen.

Was kommt nach dem Generalsposten in Cham?

Ein Auslandseinsatz.

Wohin geht es?

Das darf erst raus, wenn es so weit ist.

Ist vom Sondervermögen bei der Brigade schon etwas angekommen?

Wir stehen derzeit voll im Fokus, weil wir im Rahmen der Division 25 der Nato als einsatzbereite Division bis 2025 angezeigt worden sind. Seit Monaten werden wir als schwere Brigade mit bestem Material aufgerüstet. In Regen stehen die neuesten Pumas, und Pfreimd ist vollständig mit dem neuesten Leo2A7V ausgestattet. Derzeit sind wir die einzige Brigade mit zwei voll aufgerüsteten Kampfbataillonen.

Sind wir kriegstauglich? Was halten Sie von der Wortwahl ihres Verteidigungsministers Pistorius?

Mit dem Wort „kriegstauglich“ kann ich gut leben. Das hat mir meine Zeit als Brigadekommandeur auch gezeigt. Die schwere Brigade bereitet sich auf die Verteidigung des Bundesgebietes vor. Das beginnt in den Köpfen – von oben nach unten. Mit dieser Ernsthaftigkeit gehen wir auch an die Ausbildung unserer Soldaten heran.

Im ersten Halbjahr 2024 beginnt erstmals in der Geschichte der Bundeswehr die dauerhafte Stationierung einer Brigade an der Natogrenze in Litauen. Gehören dazu auch Soldaten aus Ihrer Brigade?

Die Brigade 12 ist unmittelbar betroffen. Das Panzergrenadierbataillon 122 in Oberviechtach verlegt 1:1 nach Litauen. Sämtliche Dienststellen gehen dorthin. Darüber bin ich als General schon traurig. Bei vielen Soldaten gibt es einen hohen Identifizierungsgrad mit ihrer Einheit. Die gehen mit. Der Rest der Stellen wird bundesweit über ein Freiwilligen-Portal ausgeschrieben. Meine Prognose: Das kriegen wir hin – kein Problem.

Ihr Versorgungsbataillon 4 hat es vorgerechnet: Die Brigade bräuchte im Kampf 210 Tonnen Munition und 125000 Liter Kraftstoff – am Tag! Experten sagen, wir würden nur zwei Stunden lang durchhalten bei der Landesverteidigung. Ist das übertrieben?

Wir haben in Roding und Pfreimd zwei leistungsstarke Versorgungsbataillone. Wenn das Material da ist, klappt es auch. Um Stunden geht es da aber sicher nicht. Da hat sich in den letzten Jahren viel verbessert. Mit „Peng-peng“ haben wir nicht geübt, so wie früher manchmal. Es hat bei den letzten Übungen nie an etwas gefehlt. Und natürlich hängt so eine Zeitrechnung auch von der Intensität der Kämpfe ab.

Die Bundeswehr hat ein Personalproblem und soll aber von 180000 auf 203000 Soldaten aufstocken. Eine Kommission schlägt nun vor, monatlich einzustellen und Wunsch-Standorte in Heimatnähe zu berücksichtigen. Rettet Sie das?

Da bin ich nur bedingt dabei. In einem Flächenlandkreis wie zum Beispiel Cham, konkurrieren wir mit großen und leistungsstarken Firmen um dieselben Leute. Wir brauchen bundesweit Soldaten. Und diesen Leuten muss es hier gefallen. Von unseren 3300 Soldaten sind viele keine gebürtigen Bayern, aber sie sind gekommen und viele sind geblieben. Es wäre zielführender, eine Basisausbildung einzuführen statt der Grundausbildung, und die Soldaten gezielt gleich dort zu stationieren, wo später ihre Verwendung ist. Dadurch würden wir die Abbrecher-Quote senken und die Identifikation mit der Einheit steigern, weil das Ende der Grundausbildung oft einen Bruch darstellt und manche dann kündigen.

Brauchen wir wieder eine Wehrpflicht, oder ist das angesichts der bestehenden Organisationsform der Berufsarmee eine Illusion?

Das ist meiner Meinung nach keine Illusion. Allerdings muss man bedenken, dass heutzutage ein Grenadier, der unter Einsatz von Hochtechnologie für den vernetzten Kampf ausgebildet wird, dazu neun Monate braucht. Die Bundeswehr müsste dann über die Dauer des Wehrdienstes reden und eine Ausbildung anbieten, die anschließend zivil nutzbar ist: Der Fernmelder geht dann zu Siemens.

Der Löwenanteil dieses Volkes wird irgendwann nicht mehr wissen, wie man eine Waffe hält. In Umfragen gibt jeder 4. Deutsche an, im Kriegsfall das Land zu verlassen. Nur jeder 10. würde es verteidigen wollen. Sehen Sie da Lösungsansätze?

Ich glaube, das liegt daran, dass wir uns an einen wahrgenommenen Frieden gewöhnt haben. Die meisten, die Krieg erlebt haben, sind inzwischen gestorben. Wenn aber sichtbar die Gefahr besteht, dass wir alles verlieren könnten, was wir uns aufgebaut haben, dann steigt auch die Bereitschaft, sich zu verteidigen. Frieden in Freiheit ist zu einer Worthülse geworden, weil niemand die Notwendigkeit gesehen hat, das zu verteidigen. Das ist selbstverständlich geworden. Das würde sich im Ernstfall auch ändern.

Würden Sie ihren drei Kindern empfehlen, zur Bundeswehr zu gehen?

Ja.

Weshalb?

Weil das ein sehr erfüllender Beruf ist. Mal läuft es, mal nicht. Es ist kalt, nass, oder man muss am Wochenende arbeiten. Trotzdem: Ich möchte es nicht missen. Und bevor Sie fragen: Ja, ich würde alles wieder so machen.

Der Übergabe-AppellGeneral Andreas Kühne übergibt am Donnerstag um 14 Uhr das Kommando über die Panzerbrigade 12 an Oberst Axel Hardt.

Auf dem Chamer Volksfestplatz findet dazu ein Übergabe-Appell statt. Er steht deswegen nicht zum Parken zur Verfügung. .